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Formel 1 - Günther Steiner exklusiv über Krise in Maranello: "Bei Ferrari herrscht Panik"
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von Andreas Reinersran Mehr Sport
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Günther Steiner spricht im ran-Interview über Ferraris Monza-Debakel, Lewis Hamiltons Kritik an Teamchef Fred Vasseur und die Frage, warum die Scuderia seit fast 20 Jahren auf den Titel wartet.
Das Interview führte Andreas Reiners
Ein Ausritt, ein Strategiefehler, und ein siebenmaliger Weltmeister, der öffentlich seinen eigenen Rennstall angeht: Ferraris Heimspiel in Monza war ein Debakel.
Charles Leclerc schied aus, Lewis Hamilton wurde Sechster und sagte danach, es gebe bei Ferrari keine klaren Regeln für den Zweikampf unter Teamkollegen. Die Verantwortung dafür beginne bei Teamchef Fred Vasseur.
Günther Steiner sieht das nüchterner, aber nicht harmloser. "Bei Ferrari herrscht Panik", sagte der Südtiroler im ran-Interview, der zehn Jahre lang das Formel-1-Team Haas geleitet hat und seit dieser Saison den MotoGP-Rennstall Tech3 betreut. Der Grund liege tiefer als in einem verkorksten Sonntag: "Erfolg ist für Ferrari nur der Sieg. Alles andere ist Misserfolg."
An diesem Wochenende hat die Scuderia die Chance auf einen Neustart. In Madrid feiert der Madring am Sonntag (ab 15:00 Uhr im Liveticker) seine Formel-1-Premiere. Warum Steiner Hamiltons Kritik trotzdem nicht für eine Kampfansage an Vasseur hält, weshalb er selbst nicht Ferrari-Teamchef werden möchte und was er Leclerc rät, verrät er gegenüber ran.
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Formel 1: Verspielt Ferrari die ganze Saison?
ran: Herr Steiner, in Monza gab es bei Ferrari Chaos, einen Crash und öffentliche Kritik. Ist Ferrari gerade munter dabei, die Saison zu verspielen?
Günther Steiner: Munter dabei - das ist ein schöner Ausdruck. Ferrari ist immer schwierig, und ich glaube langsam, der größte Grund ist dieser Druck. Man hat einen Erfolg und glaubt dann, man hat den Erfolg gepachtet. Die hatten ja ein paar sehr gute Rennen in diesem Jahr, haben auch gewonnen. Und dann glaubt man, so einfach kann man weitermachen. Im Sport und im Wettbewerb gibt es immer Höhen und Tiefen. Man sollte schauen, dass man so viele Höhen wie möglich hat und so wenige Tiefen. Und wenn man Tiefen hat, dass die nicht zu tief sind. Aber bei Ferrari schafft man es immer wieder, dass es rauf und runter geht. Ich würde nicht sagen, dass die Leute damit kaputtgemacht werden. Aber solche Situationen sind schwierig zu managen, wenn man immer nur das ganz Hohe sucht.
ran: Und jetzt sind sie wieder dabei, sich das kaputtzumachen?
Steiner: Ferrari war vor vier, fünf Rennen nah am Mercedes dran. Und dann hat man auch noch das Pech, dass etwas Besonderes passiert: die Wiederauferstehung von McLaren. Ferrari wäre in diesem Jahr der natürliche Gegner von Mercedes gewesen, sehr nah dran, vielleicht sogar im Kampf um den Titel. Und dann kommt McLaren und stellt sich dazwischen. Ferrari und McLaren nehmen sich gegenseitig Punkte weg, und das hilft wiederum Mercedes. Bei Ferrari herrscht deshalb Panik. Und was in Monza beim Heimrennen gelaufen ist, darüber ist bestimmt niemand in Maranello happy. Am wenigsten Fred Vasseur. Der weiß am besten, dass man einen WM-Titel nicht gewinnen kann, wenn man solche Sachen macht.
ran: Hamilton hat deutlich gesagt, dass es keine Verhaltensregeln auf der Strecke gibt, wie er sie bei Mercedes mit Nico Rosberg hatte, und dass die Verantwortung bei Fred Vasseur beginnt. Wie schwer ist es, solche Regeln überhaupt aufzustellen?
Steiner: Mit zwei Fahrern wie Charles Leclerc und Lewis Hamilton Verhaltensregeln zu finden, ist nicht einfach. Beide sind sehr gute Fahrer und haben sicher verschiedene Meinungen dazu. Das schafft man auch nicht in einem Anlauf. Wenn du da reingehst, gibst du sie ja nicht einfach vor, das ist eine offene Diskussion. Wenn ich Fred wäre, würde ich das, was Lewis sagt, als Aufforderung verstehen: Lass es uns machen. Und dann muss man es angehen.
ran: Wie gefährlich wird diese Kritik für Vasseur?
Steiner: Ich glaube nicht, dass Lewis persönlich kritisch gegenüber Fred war. Die zwei kennen sich sehr lange und sind eng befreundet. Deswegen glaube ich nicht, dass er darauf anspielt, Fred nicht mehr haben zu wollen. Fred ist sein größter Unterstützer. Aber wenn Lewis so etwas sagt, sollte Fred zuhören.
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Ferrari: Muss Fred Vasseur gehen?
ran: Sie waren selbst F1-Teamchef. Ist öffentliche Kritik eines Fahrers problematisch oder genau das, was so ein Rennstall braucht?
Steiner: Ich finde gut, wie er es gemacht hat. Er hat auf den Tisch gehauen, aber nicht grob, sondern nur einen Hinweis gegeben: Das müssen wir regeln. Das muss man auch nicht verheimlichen, das kann man so sagen. Er ist zu Ferrari geholt worden, um zu gewinnen, das ist sein Traum. Er ist ja nicht in der Frührente.
ran: Vasseur ist seit ein paar Jahren im Amt, aber den großen Erfolg hat er nicht gebracht. Was ist sein Problem?
Steiner: Das größte Problem ist: Erfolg ist für Ferrari nur der Sieg. Alles andere ist Misserfolg. Platz zwei ist für Ferrari schon Misserfolg. Da müsste man sich auch in der Chefetage über Fred einigen, was Erfolg ist und was Misserfolg. Dann könnte man vielleicht auch besser damit umgehen. Im Rennsport heißt es, der Zweite ist der erste Verlierer. Das stimmt schon so. Aber ein Formel-1-Rennen zu gewinnen oder Zweiter zu werden, das ist trotzdem gut. Sie werden schlechter gemacht, als sie sind.
ran: Hat er konkrete Fehler gemacht?
Steiner: Fehler machen wir alle. Jetzt zu Fred zu sagen, das war ein Fehler von dir, wäre erstens falsch. Es sind alles kleine Sachen. Man muss immer darauf schauen: Die anderen Teams sind sehr gut und waren dieses kleine bisschen besser. Das ist der größte Fehler. Ich könnte nicht sagen, er hat komplett etwas falsch gemacht. Es ist eine Kombination aus Schwächen gegenüber Gegnern, die einfach sehr stark sind.
ran: Glauben Sie, dass er nach der Saison ersetzt wird?
Steiner: Das Problem ist: Wen holst du als Nächsten? Das ist ja diese Drehtür bei Ferrari im Moment. Man muss Leuten auch Zeit geben. Fred macht keinen schlechten Job. Nur für Ferrari ist er nicht gut genug, weil die Erwartungshaltung so hoch ist. Weil man eben nicht in Rennsiegen misst, sondern in WM-Titeln. Und die hat es nicht gegeben. In diesem Jahr wird er nicht ersetzt. Sollte es passieren, dann im nächsten. Ich glaube aber eher nicht.
ran: Wäre das ein Job für Sie?
Steiner: Nicht unbedingt. Mir geht es im Moment gut, mir macht Spaß, was ich mache. Wenn man so etwas macht, muss man zu hundert Prozent committed sein. Ich habe viele andere Sachen nebenbei, das würde dann nicht mehr klappen. Deswegen wäre das eher nichts für mich. Eine Herausforderung ist es bestimmt. Aber man muss sich auch bewusst sein: Kann man die Herausforderung annehmen, oder macht man es nur wegen des Egos, wegen des Images? Wenn ich so etwas annehmen würde, müsste ich zu hundert Prozent dahinterstehen. Nicht, um Ferrari-Teamchef gewesen zu sein und es in die Biografie zu schreiben.
Unter Druck: Lewis Hamilton (l.) und Charles Leclerc
Bild: AFP/SID/MIGUEL SCHINCARIOL
Günther Steiner über Ferrari: "Es gibt nichts zwischen Erfolg und Misserfolg"
ran: Ferrari wartet seit 2007 auf einen Fahrertitel. Wie wird ein Rennstall zum chronischen Verlierer?
Steiner: Sie wollten aufs 20-jährige Jubiläum warten und dann gewinnen. Das hat noch niemand verstanden. (lacht) Spaß beiseite: Es ist diese Geduld, die in den vergangenen Jahren gefehlt hat. Schauen Sie mal, wie viele Teamchefs da waren. Und wenn es beim Teamchef anfängt, dass ihm die Zeit nicht gegeben wird, dann ist es für jeden schwierig, der als Teamchef kommt, gute Leute zu finden. Weil die Bedenken haben. Weil sie sagen: Wenn wir nicht kurzfristig Erfolg haben, sind wir weg - oder es kommt ein neuer Teamchef, der seine eigenen Leute mitbringt. Damit erzeugst du bei den guten Leuten die Einstellung, dass sie da gar nicht hinwollen.
ran: Inwiefern?
Steiner: Wenn jemand bei Mercedes, McLaren oder Red Bull einen soliden, guten Job hat: Wieso sollte er das Risiko eingehen, zu Ferrari zu gehen und in zwei Jahren keinen Job mehr zu haben? Dieses Talent ist schwierig abzuwerben. Man muss den Leuten schon Druck machen. Aber man muss auch helfen, das Team aufzubauen. Nicht immer nur: Jetzt hat es wieder nicht geklappt, jetzt holen wir den Nächsten, der wird Wunder bewirken. Weil es in der Formel 1 keine Wunder gibt. Es ist alles harte Arbeit.
ran: Wie groß ist der Faktor Italien? Mentalität, die Sehnsucht nach dem Titel, die Tifosi, die Medien - das schlägt schnell in Drama um.
Steiner: Es gibt nichts zwischen Erfolg und Misserfolg, das ist das Problem. Wenn du gewinnst, bist du der Superheld, wenn du verlierst, der Loser. Damit muss man umgehen können. Man darf sich nicht hochleben lassen, wenn man Erfolg hat, man muss geerdet bleiben. Und das fehlt ein bisschen. Wenn man im Team ist, muss man damit leben, dass das einfach ein Zustand ist, ein Umstand, wie Ferrari gesehen wird. Du musst es im Kopf verarbeiten und nicht auf diese Woge aufspringen und glauben, du seist jetzt der Nationalheld.
ran: Ralf Schumacher meint, es sehe aus, als herrsche kein Zusammenhalt. Sehen Sie das auch so?
Steiner: Von außen sieht es schlimmer aus, als es ist. Wenn man sich gegenseitig ins Auto fährt, fällt das "Guten Morgen" am nächsten Tag ein bisschen kürzer aus, und man frühstückt nicht zusammen. Aber es sind alles Profis, ich glaube, da ist kein Streit im Haus, das ist einfach diese Rennemotion.
ran: Kann das zwischen Hamilton und Leclerc richtig knallen?
Steiner: Ich glaube, dass sie probieren, Regeln zu finden. Und wenn dann einer etwas komplett falsch macht, dann wird es sicher knallen. Aber ich vertraue da auf Lewis. Der hat so viel Erfahrung und ist so ruhig, dass er das in den Griff bekommt. Seine Aussagen waren ja nicht gegen Charles gerichtet. Charles hat sich das Ei selbst gelegt, als er gesagt hat: 'Wir müssen schauen, dass das nicht mehr passiert.' Da hat Lewis gesagt: 'Nein, sprich nicht für uns, sprich für dich. Du musst schauen, dass das nicht mehr passiert, ich hatte mit diesem Unfall nichts zu tun.' Und das stimmt auch. Aber das kriegen die geregelt. Es wird nochmal Zoff geben. Aber dass Krieg ausbricht? Nein.
Günther Steiner: "Im Moment macht Leclerc einfach zu viele Fehler"
ran: Halten Sie Leclerc für einen potenziellen Champion?
Steiner: Speedmäßig schon. Aber im Moment macht er einfach zu viele Fehler. Er will es mit dem Brecheisen, und mit dem Brecheisen wird man nicht Champion. Da könnte er sich etwas von Lewis abschauen, der ist bekannt dafür, sehr wenige Fehler zu machen. Davon müsste er lernen, und dazu hat er jetzt die beste Gelegenheit, er ist ja mit ihm im Team.
ran: Macht man das als Spitzenfahrer? Oder ist das Ego dafür zu groß?
Steiner: Charles schaut sich etwas ab. Es ist immer schwierig, weil man sich fragt: 'Was muss ich mir eigentlich anschauen?' Ich bin ja selbst schnell, vielleicht sogar schneller als der. Aber Hamilton hat viel Erfahrung, und sieben Weltmeistertitel sprechen für sich. Er würde gut daran tun, so viel wie möglich hinzuschauen. Charles ist intelligent, deswegen wird er das sicher machen. Ob es reicht, dass er Weltmeister wird, kann ich nicht voraussagen.
ran: Wann gewinnt Ferrari wieder einen Fahrertitel? Nächstes Jahr, zum 20. Jubiläum?
Steiner: Ich habe wirklich Schwierigkeiten, wenn ich darüber nachdenke. Ich denke immer an die Konkurrenz. Lewis und Charles sind gut, aber Lewis ist auch nicht mehr 25, und Charles macht im Moment so viele Fehler. Es wird nicht einfach, sie müssen hart dafür kämpfen. Ich könnte nicht sagen, dass sie in zwei Jahren Weltmeister werden. Wenn sie es werden wollen, müssen sie alles richtig machen. Da gibt es noch Potenzial. Es ist nicht alles perfekt, weder bei Ferrari noch bei den Fahrern. Sie sind sehr gut, hohes Niveau. Aber Perfektion ist es noch nicht.
ran: Bei dem neuen Reglement hat sich keiner extrem abgesetzt. Wie eng bleibt es 2027?
Steiner: Es ist sehr eng, deswegen kann im nächsten Jahr alles passieren, auch streckenspezifisch. Dass Ferrari 2027 das komplett überlegene Auto hat, glaube ich nicht - weil ich glaube, das hat niemand.
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Günther Steiner: Darum wirkt Kimi Antonelli wie ein Routinier
ran: Wer wird in diesem Jahr Weltmeister?
Steiner: Kimi Antonelli und Mercedes.
ran: Was beeindruckt Sie an ihm mehr: der Speed oder die Selbstverständlichkeit, mit der er mit 20 Jahren in diesem Titelkampf mitmischt?
Steiner: Die Kombination. Er hat den Speed, und der Junge ist so reif. Wenn man ihn Rennen fahren sieht, glaubt man, man hat einen Routinier vor sich.
ran: Woran liegt das?
Steiner: Das hängt damit zusammen, dass er lange in dieser Mercedes-Schule ist und das Vertrauen von Toto Wolff hat. Toto hat ihm eine gute Ausbildung mitgegeben. Aber diese Selbstsicherheit, die er im Moment hat, und den Speed, den hat er einfach. Er macht zwar Fehler, hat dabei aber meist ein bisschen Glück. Und er schaut sich viel von den Großen ab. Kimi ist einer, der sagt: 'Wenn ich heute nicht gewinnen kann, mache ich es nicht auf Biegen und Brechen, sondern werde Zweiter oder Dritter und hole so viele Punkte wie möglich für den WM-Titel.' Der rechnet jetzt schon. Und er hat einen guten Vorsprung, deswegen bleibt er sehr ruhig. Er ist nicht eingebrochen wie im vergangenen Jahr Oscar Piastri nach der Sommerpause. Das einzige Problem waren ein paar mechanische Zufallsprobleme, ein paar Ausfälle. Wenn das nicht mehr passiert, nimmt Kimi den Titel niemand mehr weg.
ran: Bereut Hamilton seine Entscheidung für Ferrari?
Steiner: Nein, glaube ich nicht. Er genießt es, eine neue Herausforderung zu haben. Logischerweise würde er es auch genießen, bei Mercedes in dem starken Auto zu sitzen. Aber da hättest du als Teamkollegen einen Kimi Antonelli.
ran: Was hat Sie in dieser Saison am meisten überrascht, positiv wie negativ?
Steiner: Positiv Kimi Antonelli. Ich habe gedacht, der Junge ist gut. Aber ich habe nicht gedacht, dass er so gut ist. Negativ, wie das neue Reglement in die Saison gestartet ist. Nicht, was daraus gemacht wurde - aber am Anfang war schon ein Negativeffekt da, der sich inzwischen beruhigt hat. Die ersten Rennen waren ein bisschen komisch, da hat man nachjustieren müssen. Mich hat überrascht, dass die Formel 1 beim ersten Rennen mit dem neuen Reglement nicht besser vorbereitet war.
ran: Und was gefällt Ihnen überhaupt nicht?
Steiner: Mir gefällt eigentlich das meiste. Aber ich muss immer wieder die Steward-Entscheidungen erwähnen. Die werden nicht besser, das ist das eine, was sich in der Formel 1 nicht verbessert. Wir hatten das Dilemma in Monte Carlo mit der Geschwindigkeit in der Boxengasse. Dieses ganze Nachspiel braucht ein Sport wie die Formel 1 nicht, das müsste besser geregelt sein. Und in Monza hatten wir wieder die Diskussion über die Strafe für Yuki Tsunoda, die er nicht bekommen hat. Das sind alles unnötige Sachen, die man besser regeln könnte.
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