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FC Bayern München - Michael Henke exklusiv zum Kompany-Kollaps: "Hatte mit Hitzfeld eine vergleichbare Situation"

Veröffentlicht:

von Marcus Giebel

ran Fußball Bundesliga

FC Bayern - Danks verrät: Das schrieb Kompany nach dem Sieg

Videoclip • 01:04 Min


Trainer Vincent Kompany fehlt dem FC Bayern München nach seinem Zusammenbruch vorerst. Im ran-Interview erinnert sich Michael Henke an einen ähnlichen Vorfall mit Ottmar Hitzfeld und spricht über die Tücken des Trainer-Jobs.

Das Interview führte Marcus Giebel

Der Zusammenbruch von Vincent Kompany hat die Fußball-Welt wachgerüttelt. Der Trainer des FC Bayern München befindet sich seit dem Schreckmoment am Freitag im Krankenhaus, erhielt bereits Genesungswünsche aus allen Himmelsrichtungen. Und von seinem Arbeitgeber alle Zeit der Welt, um sich vollständig zu erholen.

Die Meldung rüttelt auch deshalb auf, weil im modernden Fußball ein Spiel das nächste jagt und besonders die Trainer kaum einmal zum Luftholen zu kommen scheinen. Michael Henke ist bereits seit Jahrzehnten im Trainergeschäft tätig, zählt zu den erfolgreichsten deutschen Co-Trainern. In den 1990er- und 2000er-Jahren sammelte er als wichtigster Partner von Ottmar Hitzfeld Titel um Titel.

Doch auch während dieser Zeit machten sich die körperlichen Folgen des herausfordernden Jobs bemerkbar. Im ran-Interview spricht Henke über Kompanys Kollaps, seine eigenen Erfahrungen, den immensen Druck im Trainergeschäft und die nächsten Aufgaben des FC Bayern, der im DFB-Pokal auf den 1. FC Magdeburg trifft (Mi., ab 20:30 Uhr im Joyn-Livestream) und in der Bundesliga Borussia Dortmund empfängt (Sa., ab 18:30 Uhr im Liveticker). Außerdem setzt er sich mit einer wichtigen Frage von Niko Kovac auseinander und verrät, warum es unfair ist, die beiden besten deutschen Mannschaften miteinander zu vergleichen.

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Kompany-Kollaps weckt Erinnerungen: "Hitzfeld musste plötzlich ins Krankenhaus"

ran: Herr Henke, Vincent Kompany ist am Freitag auf dem Trainingsgelände des FC Bayern zusammengebrochen. Wie haben Sie diese Meldung aufgenommen?

Michael Henke: Ich kenne ihn nicht persönlich, aber man verfolgt das Geschehen. Man ist erstmal geschockt, weil das ja auch irgendwo ein Trainerkollege ist und man auch ein bisschen Sympathien hat für seine Arbeit bei Bayern, weil das alles sehr gut aussieht, seit er da ist. Ja, da war ich geschockt.

ran: Können Sie sich an eine vergleichbare Situation in Ihrer Karriere erinnern?

Henke: Ich hatte mit Ottmar Hitzfeld eine Situation. Er ist nicht auf dem Platz zusammengebrochen, sondern musste damals plötzlich ins Krankenhaus, stand kurz vor einem Magendurchbruch (im Jahr 1994, d. Red.). Das Ganze war drei Tage vor einem Trainingslager auf Costa Rica. Innerhalb von zwei, drei Tagen war ich dann der Cheftrainer, was auch für mich viel Stress war. Aber natürlich stand damals die Gesundheit von Ottmar Hitzfeld im Vordergrund, was auch damals alle im Umfeld und speziell auch in Dortmund geschockt hat, weil vorher da nicht viel darauf hindeutete. Wenn ich die beiden miteinander vergleiche – wobei ich Ottmar Hitzfeld besser kenne als Vincent Kompany –, sind beides ähnliche Typen, die sehr ruhig agieren, denen man selten Aufregung ansieht, die immer cool wirken. Egal was auf dem Spielfeld passiert. Vielleicht haben beide diese Art, dass sie einiges nicht nach außen tragen, wenn Stress ist, wenn Sorgen sind. Sondern das eher mit sich selber ausmachen, was im Fall von Ottmar Hitzfeld damals zu einer Magen-Problematik geführt hat. Ist schon lange her, aber für mich ist es ein bisschen vergleichbar.

ran: Sie selbst haben damals aber auch keine Anzeichen bemerkt?

Henke: Nein, wir haben über viele Dinge gesprochen, auch privat. Aber trotzdem war der Ottmar Hitzfeld auch ein Typ, der sich nicht unbedingt mit sowas offenbart hat. Wobei das Ganze wohl auch für ihn plötzlich kam. Insofern war es vielleicht gar nicht möglich, sich vorher zu äußern.

ran: Es gab auch noch den Fall im Jahr 2004, als Hitzfeld die Bayern verlassen musste. Damals litt er an einem Burnout und Depressionen. Wie haben Sie das damals aufgenommen und gab es damals Anzeichen?

Henke: Nein, dass er Depressionen hatte, hat er auch erst später kundgetan. Dass er erschöpft war und an seine Grenzen gegangen war, das hat man schon mitbekommen. Aber er hat trotzdem immer tadellos seinen Job gemacht und hat nirgendwo geschwächelt. Das Ganze ist erst nachher rausgekommen.

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Henke über heutigen Trainerjob: "Du hast keine Pause mehr, bist 24 Stunden online"

ran: Im Fall von Kompany wird viel spekuliert. Dabei heißt es, er gönnt sich womöglich zu wenig Pausen. Würden Sie sagen, dass der Druck auf Trainer heutzutage zu groß ist, um sich solche Pausen nehmen zu können?

Henke: Der Druck war schon früher groß, ist sicher nicht geringer geworden. Trotz großer Trainerstäbe, wo man für jeden Bereich einen Fachmann an seiner Seite hat. Trotzdem liegt natürlich die Hauptverantwortung beim Trainer. Ich glaube, Problem sind heute die neuen Medien. Ich bin nicht derjenige, der sagt: Die bösen Medien sind daran schuld. Es ist einfach so: Du hast keine Pause mehr. Du bist 24 Stunden online. Und wenn gesagt wird, dass Vincent Kompany um 23 Uhr noch vor dem Computer sitzt und sich eine Analyse anschaut, ist er parallel natürlich auch auf seinem Handy und hat vielleicht eine neue Meldung von einem Spieler oder über einen Verein oder über einen Gegenspieler. Das führt dazu, dass du im Grunde nie Schluss hast. Das ist vielleicht der Unterschied zu früher – da war um 18 Uhr Redaktionsschluss. Und dann hatte man bis zum nächsten Morgen ein bisschen Ruhe. Das ist heute nicht mehr der Fall. Insofern hat sich medientechnisch viel verändert, man ist heute gläsern und wird rund um die Uhr beobachtet.

ran: Der Fußball an sich hat sich auch gewandelt, ist viel analytischer geworden als vor 20 Jahren. Spielt das auch eine Rolle, dass man sich noch viel mehr reindenkt in jede einzelne Situation? Und sich noch besser auf den Gegner vorbereitet, weil die Möglichkeiten auch andere sind?

Henke: Das glaube ich nicht unbedingt, weil man ja heute Riesen-Trainerstäbe hat. Da frage ich mich schon: Was machen die Co-Trainer? Da gehe ich mal von aus, dass das nahtlos funktioniert und die Co-Trainer oder der Spielanalyst dann dem Trainer die fertige Analyse vorlegen, die er sich dann nur noch anschauen muss. Klar muss er sich damit beschäftigen, muss sich auf die nächste Besprechung vorbereiten. Das wundert mich auch so ein bisschen, dass dieses Thema jetzt zu recht hochkommt, obwohl Bayern mit einem Extrabus für den Betreuerstab zum Spiel fährt, also mit zwei Bussen. Und früher hatte man da wirklich nur Trainer, Co-Trainer, vielleicht einen Fitnesstrainer, vielleicht einen Torwart-Trainer. Selbst das am Anfang nicht, so dass Trainer oder Co-Trainer die Torhüter warm geschossen haben. So war es 1989, als ich in Dortmund angefangen habe. Das ist ein interessanter Punkt, wo man sich mal Gedanken drüber machen müsste.

ran: In dieser ganzen Diskussion hat Niko Kovac die Frage aufgeworfen: "Wer passt eigentlich auf den Cheftrainer auf?" Wie würden Sie diese Frage beantworten? Wer müsste auf den Cheftrainer aufpassen?

Henke: Wenn, dann müssten das die Leute in seinem direkten Umfeld tun. Klar, das ist auch Familie. Aber das sind auch der oder die Co-Trainer, die vielleicht, wenn sie etwas bemerken, einschreiten könnten. Ist aber auch nicht so einfach, weil natürlich ein Cheftrainer immer stark sein will und sagt: 'Das geht schon. In zwei Wochen haben wir Pause. Dann mache ich mal nichts.' In München hatten wir auch den Vorteil, dass wir eine sehr gute medizinische Abteilung hatten, mit der man sich sehr gut austauschen konnte. Ich habe miterlebt, dass Dr. Müller-Wohlfahrt dem Ottmar immer mal geholfen hat, weil er zwei-, dreimal in der Saison Probleme mit Hexenschuss hatte – was ja auch oft vom Stress kommt, wenn man Rückenprobleme hat. Da waren wir in den besten Händen und da hat der "Mull" dann schnell geholfen. Aber auf die Dinge, die sich im Kopf abspielen, hat man natürlich nur bedingt Einfluss. Vor allen Dingen, weil man es nicht weiß, vielleicht auch der Betroffene selber zu spät merkt. Das sagt ja auch Vincent Kompany, dass er vielleicht nicht richtig auf seinen Körper gehört hat. Und auch andere, die betroffen sind, sagen das sehr oft.

Der Druck war schon früher groß, ist sicher nicht geringer geworden. Trotz großer Trainerstäbe, wo man für jeden Bereich einen Fachmann an seiner Seite hat. Trotzdem liegt natürlich die Hauptverantwortung beim Trainer.

Michael Henke über die Arbeit von Fußball-Trainern
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Henke über Kompany-Ausfall: "Bayern trotzen Widerständen wie gegen Freiburg"

ran: Am Sonntag gab es das erste Bayern-Spiel nach Kompanys Ausfall. Co-Trainer Aaron Danks hatte die Verantwortung beim 3:1 in Freiburg. Das Team hat direkt überzeugt, es war sogar ein Fortschritt zu den vorigen Spielen. Erwarten Sie dennoch, dass sich Kompanys Fehlen in den kommenden Wochen bemerkbar machen wird? Oder schätzen Sie es so ein, dass es nahtlos weitergehen kann ohne ihn?

Henke: Erstmal habe ich von außen betrachtet den Eindruck – nicht nur durch das Spiel gegen Freiburg –, dass sie ein sehr gutes Team haben um das Team herum. Und auch Mannschaft, Verein und Staff im Moment umso mehr zusammenrücken. Da könnte ich mir auch vorstellen, dass eine Gegenreaktion passiert und Kompanys Fehlen nicht so bemerkbar ist. Klar, Cheftrainer ist Cheftrainer. Kann schon sein, dass er an der einen oder anderen Stelle mal fehlt. Aber ich glaube, dass die Bayern insgesamt sehr gut aufgestellt sind und das, was gegen Freiburg sichtbar war, dass sie Widerständen trotzen, auch in den nächsten Wochen zu sehen sein wird.

ran: Als nächstes treffen die Bayern im DFB-Pokal am Mittwoch auf den 1. FC Magdeburg. Es ist das erste Duell seit dem Pokal-Spiel vor 26 Jahren, bei dem Sie auch dabei waren. Damals gewann der Oberligist nach Elfmeterschießen gegen den Favoriten. Wie realistisch ist es, dass Magdeburg auch diesmal zum Stolperstein werden kann?

Henke: Klar, ich rechne damit, dass die Bayern die Aufgabe lösen. Aber solche Spiele sind immer irgendwo gefährlich. Und gerade Magdeburg macht einen guten Eindruck in der 2. Liga. Sie sind sowohl spielstark als auch kampfstark. Also ist es eine Aufgabe, die du erstmal lösen musst. Aber klar: Aufgrund der Machtverhältnisse gehe ich davon aus, dass die Bayern das gewinnen.

Henke zum Duell Bayern gegen BVB: "Mannschaften fast nicht miteinander vergleichbar"

ran: Am Wochenende spielt der FC Bayern dann gegen Borussia Dortmund. Aktuell sind beide Teams punktgleich an der Tabellenspitze. Wie sehen Sie die Vorzeichen für das Spiel? Ist es sogar ein Duell auf Augenhöhe, wie die Tabelle auszusagen scheint?

Henke: Ehrlich gesagt: nein. Ich muss immer ein bisschen schmunzeln, wenn Bayern und Dortmund verglichen werden. Fakt ist, dass Niko Kovac einen Super-Job macht. Man darf nicht außer Acht lassen, dass die beiden Mannschaften fast nicht miteinander vergleichbar sind. Bei allem Respekt, auch Dortmund hat eine gute Mannschaft. Aber sie haben keinen Kane, sie haben keinen Diaz, sie haben keinen Olise. Das heißt, wir reden da über zwei verschiedene Größenordnungen. Das ist so, muss sich natürlich in einem einzelnen Spiel nicht zeigen. Ich bin auch glücklich, wenn die Situation an der Spitze der Bundesliga möglichst lange spannend bleibt. Aber Bayern München wird sich letztlich durchsetzen, weil sie letztlich über andere Möglichkeiten verfügen.

ran: Können Sie trotzdem etwas Hoffnung machen, dass es ein echtes Titelrennen geben wird?

Henke: Das ist immer möglich. Es kann immer viel passieren. Es können gerade auch diese Leistungsträger, die auch trotz gutem Kader bei Bayern wichtig sind, mal fehlen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie Bayern funktioniert, wenn Harry Kane mal längere Zeit ausfällt. Weil er einfach nicht nur Tore macht, sondern auch sonst eine zentrale Rolle in vielen Bereichen einnimmt. Ich wünsche mir, dass es bis zum Schluss spannend wird, und traue auch Borussia Dortmund mal eine Überraschung zu, dass sie vielleicht sogar mal Erster werden können. Aber davon ausgehen tue ich im Moment nicht.

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