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WM 2026 - Helmer exklusiv über England-Aus und Tuchel-Taktik: "Wenn man Thomas was vorwerfen will, ..."
Aktualisiert:
von Marcus Giebelran Fußball
WM 2026 - Tuchel wehrt sich mit Galgenhumor: "Natürlich ist Trainer schuld"
Videoclip • 03:36 Min
Auch unter Thomas Tuchel verpasst England seinen zweiten WM-Titel. Der Trainer gerät in die Kritik. Im ran-Interview erklärt Thomas Helmer, was sich die "Three Lions" vorwerfen müssen und warum der deutsche Coach der richtige Mann für den Job ist. Außerdem äußert er sich zur Trainerfrage beim DFB.
England ist erneut am Unterfangen gescheitert, den zweiten großen Titel nach der WM 1966 einzufahren. In Nordamerika unterlagen die "Three Lions" im Halbfinale auf schon dramatische Weise gegen Argentinien. Nach Führung durch Anthony Gordon versetzten Enzo Fernandez und Lautaro Martinez dem Team von Trainer Thomas Tuchel mit ihren Treffern zwei späte Stiche ins Fußballherz.
Im Nachgang der Partie in Atlanta muss vor allem der deutsche Coach viel Kritik über sich ergehen lassen. Im Fokus steht dabei seine defensive Herangehensweise nach dem 1:0. Mit zunehmender Spieldauer konnten sich die Engländer nicht mehr aus der Umklammerung der Argentinier befreien, womit die Tore folgerichtig waren.
Erst nach dem 1:2-Rückstand in der Nachspielzeit wechselte Tuchel schließlich offensiv, doch der Turnaround gelang nicht mehr. Damit verdiente sich Argentinien das Finale gegen Spanien am Sonntag (ab 21 Uhr im kostenlosen Livestream auf Joyn), während England nur das Spiel um Platz drei gegen Frankreich bleibt (Sa., ab 23 Uhr im Liveticker).
Im ran-Interview ordnet Thomas Helmer die Kritik an Tuchel ein und erklärt, was sich die Engländer nach dem Spiel vorwerfen müssen. Außerdem spricht der Europameister von 1996 über Tuchels Job-Aussichten, eine kritisch begleitete Neuerung des Turniers und den mutmaßlich künftigen Bundestrainer Jürgen Klopp.
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Helmer über England-Pleite: "Argentinier über sich hinausgewachsen"
ran: Herr Helmer, Sie haben vor der WM bei ran England als Weltmeister getippt. Woran hat es gelegen, dass es nicht zum Finaleinzug gereicht hat?
Thomas Helmer: Letztendlich hat es im Halbfinale daran gelegen, dass sie auf eine unfassbare Mannschaft getroffen sind, die am Schluss über sich hinausgewachsen ist. Was die da für einen Druck gemacht haben, auch in der Lage waren nach so vielen Spielen und Spielminuten, das war schon beeindruckend. Die Engländer waren dann nur noch in der Lage, sich zu verteidigen, und selbst da wurden sie von den Argentiniern einfach fast überrannt.
ran: Die Kritik in England fokussiert sich vor allem auf Tuchel. Ist das berechtigt?
Helmer: Also, erstmal hat er sie ins Halbfinale gebracht. Das sollte man schonmal anerkennen, auch wenn ich England als Favorit gesehen habe. Wenn man so den Turnierverlauf sieht, haben die Argentinier vorher auch sehr gut gespielt. Ich glaube, dass es schon ein großer Erfolg ist und das Mexiko-Spiel war das Spiel für England. Sie haben auch Spiele umgebogen, gute Mentalität gezeigt. Da hat viel gut funktioniert. Thomas wurde ja kritisiert, weil er ein paar Spieler nicht nominiert hat. Ich finde das hat man nicht gemerkt, daran hat das überhaupt nicht gelegen.
ran: Und speziell im Halbfinale gegen Argentinien?
Helmer: Da waren sie am Ende auch sehr, sehr müde. Die Argentinier haben das natürlich clever gemacht, schon in der ersten Halbzeit war so ein Aufreibungskampf. Sie haben sie zermürbt, durch die Zweikämpfe, diese Nickeligkeiten, sind bis an die Grenze des Erlaubten gegangen. Wenn man Thomas was vorwerfen will, war es die falsche Taktik: hinten zu zumachen, sich immer weiter reindrängen zu lassen, vor allem keine Entlastung mehr zu schaffen, weil vorne keiner mehr war. Sie haben nur die Bälle rausgeschlagen. Das haben die Argentinier gemerkt und letztendlich auch verdient ausgenutzt. Man hat auch gesehen, dass die Engländer versucht haben, vor dem Sechzehner keine Fouls mehr zu begehen, weil sie Angst hatten vor Messi oder vor den Freistößen der Argentinier.
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Helmer über Tuchel: "'Vercoacht'? Das geht ein bisschen zu weit"
ran: Die beiden Tore fielen dennoch.
Helmer: Dann gab es diese beiden Unaufmerksamkeiten. Erstmal bei der Ecke, die kurz gespielt wird. Ich fand auch beim zweiten Tor, da müssen sie Messi sofort draußen attackieren. Nicht erst den Ball annehmen lassen, dann kann er sich drehen und sie waren dann zu zögerlich, sind nicht mehr rausgerückt. Dadurch kann er dann auch diese Flanke mit seinem vermeintlich schwächeren Fuß schlagen – die war dann natürlich super. Diese Wucht des Kopfballs (von Martinez, d. Red.) hat dann die Überzeugung gezeigt. Das war auch beeindruckend bei Argentinien. Die haben nicht nach dem 1:1 gesagt, jetzt haben wir erstmal die Verlängerung. Die haben gespürt, heute geht hier was, und haben weiter auf Sieg gespielt. Das war bei dem Turnier bisher außergewöhnlich.
ran: Würden Sie es verstehen, wenn jemand Tuchel vorwirft, das Spiel vercoacht zu haben?
Helmer: Das geht ein bisschen zu weit. 'Vercoacht' ist ein hartes Wort. Dann hätte er mehr Fehlentscheidungen treffen müssen. Er hat eben auf Defensive gesetzt und das kann man ihm vorwerfen. Das hat eben nicht funktioniert. Aber 'vercoacht' würde ich nicht sagen.
ran: In Interviews nach dem Spiel hat Tuchel schon die Schuld auf sich genommen, aber gleichzeitig gesagt, er bereut nichts. Halten Sie das für die richtige Haltung oder hätte er da demütiger rangehen sollen?
Helmer: Naja, wenn du Fehler zugibst, ist es ja demütig. Ich glaube, er wollte sagen, er würde es wieder genauso machen, weil er in der Situation der Überzeugung ist, das war richtig.
ran: Haben Sie die Befürchtung, dass er nun trotz Vertrags bis 2028 um seinen Job bangen muss?
Helmer: Dass er es von vornherein nicht ganz so einfach hatte als Deutscher, glaube ich schon. Ich glaube trotzdem nicht, dass sie da irgendwas machen werden. Wenn sie das Turnier wirklich sachlich-vernünftig analysieren, dann kann man nicht sagen, dass es ein Misserfolg war und dass der Trainer da hauptsächlich dran schuld ist. Ich habe auch den Eindruck, dass es zwischen ihm und der Mannschaft sehr harmonisch und homogen gewirkt hat.
Helmer: "England hat vielleicht zu schnell auf Defensive umgeschaltet"
ran: Wenn man sich die vergangenen Turniere anschaut, ist England immer weit gekommen – auch schon unter Gareth Southgate. Aber sie haben jetzt zum dritten Mal nach der WM 2018 und der EM 2021 nach Führung ein entscheidendes Spiel verloren. Was fehlt Ihnen da in den entscheidenden Momenten?
Helmer: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie das damals lief. Gegen Argentinien hätten sie vielleicht diese Situation ausnutzen müssen, dass sie in Führung gehen. Das heißt: nachsetzen. Das haben die Spanier gezeigt, als sie das zweite Tor gegen die Franzosen gemacht haben, hatten sie denen endgültig den Zahn gezogen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da noch was passieren kann. Das können sich die Engländer vielleicht vorwerfen lassen. Vielleicht zu schnell auf Defensive umgeschaltet und sich zurückgezogen.
ran: Sie haben die Argentinier ja wieder ins Spiel zurückgeholt.
Helmer: Ja, die Argentinier haben aufs Tor geschossen, den Pfosten getroffen. Sie haben ja auch wirklich gute Distanzschützen, ein paar Mal gut abgefeuert. Das ist auch die Mannschaft, bei der ich das fast am häufigsten gesehen habe. Das haben die gespürt: Hier geht vielleicht doch noch was, wir sind nah dran und machen weiter. Da konnten sich die Engländer gar nicht befreien und auch keine Bälle mehr halten. Das muss man schon auch von den Spielern erwarten, da nehme ich den Trainer wieder raus. Wenn es so läuft, dann musst du auf dem Platz etwas machen.
ran: Über Argentiniens Comeback-Qualitäten haben wir schon gesprochen. Sie haben jetzt zwölf Tore bei diesem Turnier nach der 76. Minute erzielt. Welche Rolle spielt dabei das Wissen, dass man den Titel schon gewonnen hat?
Helmer: Das ist schon nicht unwichtig. Dass man in diesem Turnier gemerkt hat, man kann immer wieder zurückkommen. Man kann alle schlagen. Das macht schon was mit der Mannschaft. Das Selbstvertrauen wird nicht kleiner. Im Gegenteil: Das ist schon riesengroß. Im Finale kann das ein kleiner Vorteil sein. Es wird die Frage sein, ob sie immer noch die Power und die Kraft haben. Sie haben jetzt einen Tag weniger Pause. Das kann auch mal in die andere Richtung gehen, dass sie merken: Nach 80 Minuten wird es eng mit der Luft oder der Kondition. Da hängt es aber auch davon ab, wie das Ergebnis ist. Ob sie hinterherlaufen müssen.
Klopp als Bundestrainer? Helmer hält ihn für "richtige und gute Wahl"
ran: Wer ist Ihr Favorit im Finale?
Helmer: Die Spanier haben mich insofern beeindruckt, wie man die Franzosen, diese drei Offensivknaller – Olise, Dembele und Mbappe – so aus dem Spiel nehmen kann, dass die überhaupt nicht mehr zusammenspielen können. Das war auf eine andere Art beeindruckend. Bei Argentinien ist es diese Power und der Wille, nie aufzugeben. Bei den Spaniern nicht nur diese Ballsicherheit auch unter Druck – diesen Spielern durch cleveres Verschieben kaum eine Chance zu lassen, das war schon bemerkenswert. Es ist ein völlig offenes Spiel, wie so oft im Finale, aber ich traue den Spaniern durchaus zu, die Argentinier zu schlagen.
ran: Wenn wir einmal das komplette Turnier überblicken: Es wurde ja kritisch gesehen, dass es erstmals mit 48 Teams ausgetragen wurde. Hat sich das Ihrer Meinung nach aus heutiger Sicht bewährt?
Helmer: Mir persönlich ist die WM zu lang. Wie viele Spiele waren richtig gut? Ich habe das mal mit Mario Basler besprochen und wir haben gesagt, es waren eigentlich drei England-Spiele: gegen Kroatien, gegen Mexiko und gegen Argentinien. Man muss den kleinen Nationen, die noch nie dabei waren, trotzdem ein Kompliment machen. Kap Verde ist ja sensationell. Die einzige Mannschaft, die sowohl gegen Spanien als auch gegen Argentinien nicht nach regulärer Spielzeit verloren hat. Das gibt dem Ganzen natürlich recht.
ran: Für das DFB-Team endete das Turnier früh. Jetzt scheint sich alles auf Jürgen Klopp als neuer Bundestrainer zu fokussieren. Wäre er für Sie die richtige Wahl?
Helmer: Erstmal gibt es scheinbar keine Alternative. Ich glaube, dass sich viele Klopp schon lange als Bundestrainer gewünscht haben. Das finde ich schon richtig. Er wird viel auf sich fokussieren, es wird viel auf seine Person projiziert. Ich denke schon, dass er zumindest diese Euphorie wieder entfachen kann, die wir für die Nationalmannschaft brauchen. Was andere Länder uns vorgemacht haben. Ob er jetzt die Qualität der Spieler hat, weiß ich nicht. Aber er wird sicher auch den einen oder anderen besser machen, auch in eine vor allem mental bessere Verfassung bringen. Das traue ich ihm auf jeden Fall zu. Er ist schon die richtige und gute Wahl.
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