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Fußball

WM 2026 - Urs Meier kritisiert Schiedsrichter im exklusiven Interview: Argentinier "konnten machen, was sie wollten"

Veröffentlicht:

von Leopold Grünwald

:newstime

Nach WM-Aus: DFB rechnet mit Millionen-Minus

Videoclip • 01:09 Min • Ab 12


Urs Meier gehörte über Jahre zu den besten Schiedsrichtern der Welt. Im exklusiven ran-Interview beurteilt er das Auftreten der Unparteiischen bei der WM.

Die Fußball-WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko biegt langsam aber sicher auf die Zielgerade ein. Neben fußballerischen Highlights auf dem Platz sorgten dabei vor allem strittige Schiedsrichter-Entscheidungen für Gesprächsstoff.

Der langjährige Spitzenschiedsrichter Urs Meier spricht im exklusiven Interview mit ran unter anderem über die Leistung der Unparteiischen generell, den Platzverweis gegen Breel Embolo sowie die vermeintliche Bevorzugung der argentinischen Nationalmannschaft.

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Meier: "Irritiert mich schon etwas"

ran: Herr Meier, die Schiedsrichter stehen bei dieser Weltmeisterschaft extrem in der Kritik. Wie bewerten Sie die Leistungen der Unparteiischen?

Urs Meier: "Sehr durchwachsen. Es gab gute Leistungen und weniger gute Leistungen. Was mir bei dieser Weltmeisterschaft fehlt, ist die Spielführung. Man merkt, dass viel zu stark auf den VAR gesetzt wird. Man lässt einfach laufen und führt die Spiele nicht mehr. Die Spieler sind fast schon sich selbst überlassen. Solange sie fair miteinander spielen, ist das ja wunderbar. Aber die Problematik beginnt, sobald es ins Achtel- oder Viertelfinale geht. Dann verändern sich die Spiele und dann braucht es Leitung durch den Unparteiischen. Das nehmen sie zum Teil nicht an. Deswegen haben wir komische Entscheidungen und man sieht, dass der VAR teilweise überfordert ist und komische Entscheidungen treffen muss. Generell ist es keine Glanzleistung, die wir von den Schiedsrichtern sehen."

ran: Stechen dabei aus ihrer Sicht die Schiedsrichter bestimmter Verbände heraus oder ist das ein allgemeines Problem?

Meier: "Es macht fast keinen Unterschied. Die großen Aufreger hatten wir auch mit europäischen Schiedsrichtern. Es hat mich überrascht, dass sich die europäischen Schiedsrichter bei dieser WM "auf dieses Niveau" begeben und dass sie die Spiele eben nicht in die Hand nehmen. Wir hatten ein gutes Beispiel im Champions-League-Finale mit Daniel Siebert. Das wäre eigentlich der Maßstab. Der wird aber nicht angewandt. Es irritiert mich schon etwas, dass die Qualität, die gerade bei den europäischen Schiedsrichtern existiert, nicht zur Anwendung kommt."

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Meier kritisiert FIFA: "Keine Ahnung, was da läuft"

ran: Der Platzverweis gegen Embolo im Schweizer Viertelfinale gegen Argentinien hat für Schlagzeilen gesorgt. Zwar war die Schwalbe unstrittig, aber das Eingreifen des VAR wegen "Mistaken Identity" hinterließ einen Beigeschmack. Gibt das Regelwerk die VAR-Intervention überhaupt her?

Meier: "Natürlich. Wir hatten das beim Auftaktspiel der USA gegen Paraguay mit der zurückgenommenen Gelben Karte für Tim Ream. Da musste der VAR eingreifen. Das hat Danny Makkelie aus den Niederlanden gepfiffen, der als europäischer Spitzenschiedsrichter die Schwalbe von Miguel Almiron nicht gesehen hat, obwohl die noch viel klarer als die von Breel Embolo war. Daneben stand der Assistent – ebenfalls aus Europa – der das auch nicht gesehen hat. Im Fall von Embolo hatte der VAR keine große Wahl. Dabei hätte es zu dieser Situation gar nicht kommen dürfen, wenn der Schiedsrichter seine Aufgabe macht. Auf diesem Niveau musst du das sehen. In dieser Situation gibt er Leandro Paredes die erste Gelbe Karte der Argentinier, obwohl er vorher schon x-mal Gelb hätte zeigen müssen. Dann muss der VAR natürlich eingreifen. Nach dem neuen Regelwerk der FIFA für die WM hat er keine andere Wahl. Das steht allerdings für ein größeres Problem: Bei dieser Weltmeisterschaft wurden zwei Gelbe Karten für Schwalben gegeben und beide wurden nach Eingreifen des VAR verhängt. Die Schiedsrichter sehen nicht mal mehr die Unsportlichkeiten oder ahnden sie nicht mehr. Das ist noch viel fataler. Das ist keine Leitung. Das ist keine Führung. Das ist Nichts. Das ist einfach nur Pfeifen und das kann jeder. Dabei ist leiten und führen das, was ich von Spitzenschiedsrichter bei einer WM erwarte."

ran: Also ist aus ihrer Sicht weniger der VAR an sich das Problem, sondern viel mehr der Effekt, den er auf die Schiedsrichter hat?

Meier: "Es ist ein Wechselspiel. Die Schiedsrichter machen nichts mehr, lassen einfach laufen und wenn etwas nicht stimmt, muss der VAR eingreifen. Das ist für mich der falsche Ansatz. Früher hieß es mal, der VAR soll bei krassen Fehlentscheidung eingreifen. Mittlerweile ist der VAR fast der Schiedsrichter. Ich frage immer wieder: Was ist die Qualität des VAR? Warum sitzen die hinten an den Bildschirmen? Weil sie es als Schiedsrichter nicht geschafft haben! Sie sind als Schiedsrichter nicht auf dem Niveau ihrer Kollegen, die auf dem Feld stehen. Warum lässt man Schiedsrichter, denen die Qualität fehlt, solche Entscheidungen treffen? Wir haben viel zu viele Beschlüsse, die vom VAR kommen. Da läuft schon lange etwas falsch, aber es wird nicht geändert. Wir haben in Europa sehr gute Schiedsrichter. Bei UEFA-Spielen wird es anders gemacht, weil die Unparteiischen dort gestärkt werden. Da ist man auf dem richtigen Weg, während bei der FIFA genau umgekehrt ist. Man will anscheinend den VAR noch stärker machen. Keine Ahnung, was da läuft."

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Meier: Argentinier "konnten machen, was sie wollten"

ran: Die Causa Balogun hat hohe Welle geschlagen. Sie selbst haben harte Kritik geübt. Jetzt sind neue Berichte aufgetaucht, wonach die Entscheidung zur Umwandlung der Sperre nicht durch das gesamte 18-köpfige Disziplinarkomitee getroffen wurde, sondern einzig durch dessen Vorsitzenden Mohammad al-Kamali aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. Wie verändert sich der Fall durch diese Enthüllung für Sie?

Meier: "Es war klar, dass es Leute gegeben haben muss, die aufgezeigt und das durchgewunken haben. Mit dem Fall hat die FIFA die Büchse der Pandora geöffnet. Es wird eine Lawine an Problemen auf sie zukommen. Da sind wir erst am Anfang. Es wird noch einiges auf die FIFA und den Fußball warten. Natürlich sucht man immer nach Verantwortlichen. Aber al-Kamali hat das sicher nicht alleine entschieden. Diese Macht hat er nicht. Da muss noch jemand anderes dahinterstehen. Es ist fatal, was da läuft. Das sind Sachen, die gehen absolut nicht, die sind gegen den Fußball."

ran: Argentinien hat im WM-Verlauf immer wieder von kontroversen Schiedsrichter-Entscheidungen profitiert. Vor dem Viertelfinale sorgte eine Statistik für Aufsehen, wonach Messi und Co. von den verbliebenen acht Teams die meisten Fouls begehen konnten, bis sie eine Gelbe Karte sahen. Im Schnitt soll das Team 23 Fouls pro Verwarnung begangen haben, während zum Beispiel England nur acht Fouls pro Gelber Karte blieben. Wird Argentinien bisher bevorzugt? Und wenn ja, wie kommt das zustande?

Meier: "Das ist eine gute Frage. Schlussendlich schauen sich die Schiedsrichter die Spiele bei einer WM auch an. Und spätestens ab dem zweiten, dritten Spiel wirst du ein Muster erkennen, wie Mannschaften auftreten. Im Sechzehntel- oder Achtelfinale musst du wissen, auf was du als Schiedsrichter achten musst. Die Argentinier spielen nun mal den Fußball, den sie spielen. Wenn die Unparteiischen dann nicht eingreifen, stellt sich mir schon die Frage nach dem Warum. Wieso sehen die das nicht? Grade das Schweizer Spiel habe ich intensiv verfolgt. Da konnten die Argentinier von Anfang bis Ende foulen, ohne dass das geahndet wurde. Alleine in der ersten Halbzeit wurden zwei Szenen, in denen nichts war, als Foul an einem Argentinier gepfiffen. Messi lässt sich fallen, er kriegt einen Freistoß. Das war auch eine Schwalbe. Weil es gegen die Schweiz keine Gelbe Karte gegeben hat, konnte der VAR aber nicht eingreifen. Es gab zwei Situationen im Strafraum, die auf Elfmeter für die Schweiz hätten geprüft werden müssen. Das ist nicht passiert. Dann kommen einem schon Zweifel. Wieso passiert das? Ich habe wirklich keine Erklärung dafür, weil ich nicht in den Chor der Verschwörungstheoretiker einstimmen möchte. Ich will nicht glauben, dass Argentinien in meiner Welt des Schiedsrichterwesens, der Fairness und Ehrlichkeit bewusst bevorzugt wird. Aber wenn man diese Sachen sieht, kommt man schon auf den Gedanken, wieso es so für Argentinien läuft. Wenn man sich den Fall Embolo anschaut, ist das eine unstrittige Schwalbe. Aber es stellt sich die Frage, warum er das gemacht hat. Er wurde das ganze Spiel über gehalten und getreten. Jedes Mal kam wieder ein Ellbogen. Embolo hat sich mehrfach beim Schiedsrichter gemeldet und darum gebeten, dass er endlich geschützt wird. Das Gegenteil ist passiert. Stattdessen hat er ihm gesagt: 'Was willst du eigentlich? Spiel weiter. Das musst du jetzt einfach akzeptieren.' Es gab nicht einmal eine Ermahnung an einen argentinischen Spieler. Sie konnten machen, was sie wollten. Auch Manuel Akanji hat sich ein paar Mal beschwert. Am Schluss wurde er nach dem Motto zusammengestaucht, dass er derjenige sei, der das Problem ist. Wenn du als Schiedsrichter so reagierst, da habe ich kein Verständnis. Das ist unglaublich. Das ist das x-te Spiel von Argentinien. Irgendwann musst du merken, dass die sich fallen lassen und foulen. Aber es wird nichts gemacht und das ist schwer zu ertragen. Es gibt auch argentinische Journalisten, die das so sehen und kommentieren. Bei mir kann man natürlich sagen: 'Urs Meier ist ein Schweizer, da schlägt das Schweizer Herz durch.' Aber mir geht es immer um Gerechtigkeit. Ich kann das gut differenzieren. Da geht es um die Sache. Es gibt genügend Ex-Schiedsrichter, die das genauso sehen wie ich."

Meier exklusiv: Aberkannter Norwegen-Treffer? "Verstehe ich"

ran: Das Aus der Norweger gegen England war ebenfalls von kontroversen Schiedsrichter-Entscheidungen begleitet. Einmal schaltete sich der VAR ein, weil Erling Haaland vor dem vermeintlichen zweiten Treffer einen Engländer umgeschubst hatte, ein anderes Mal hielt er sich zurück, als ein Abschlag scheinbar die Skycam berührte. Wie haben sie diese Entscheidungen gesehen?

Meier: "Bei der ersten Entscheidung hat sich Haaland schon etwas tapsig angestellt. Das Stoßen war zu offensichtlich, zumal es ja vor der Ausführung des Eckballs stattgefunden hatte. Da kann man sagen: 'Das ist in Ordnung.' Solche Tore will man ja nicht haben. Die FIFA hat spätestens ab dem Treffer von Jonathan Tah gegen Paraguay ein Augenmerk daraufgelegt, auch wenn es da ein paar Fragezeichen gab. Das ist eine Linie, die man fährt. Das verstehe ich. Ob der VAR das mit der Skycam mitbekommen hat, kann ich nicht sagen. Ich habe es während der Partie nicht bemerkt. Ich habe auch keine sofortige Reaktion der Spieler auf dem Feld gesehen. Wenn da etwas gewesen ist, hätte die wahrscheinlich vehementer ausfallen müssen. Das jetzt dem VAR in die Schuhe zu schieben, wäre mir zu einfach. Es sind vier, fünf Schiedsrichter auf dem Platz, die das Spiel leiten und den Ball verfolgen. Da müsste es aufgefallen sein, wenn etwas passiert wäre."

ran: Für die Schweiz war im Viertelfinale Schluss. Welches Fazit ziehen sie aus Sicht der Eidgenossen zu der Turnier-Leistung?

Meier: "Ich würde sagen, sie haben ihr Ziel erreicht und die beste Leistung der Schweiz in der WM-Geschichte gezeigt. Man war 1954 im eigenen Land im Viertelfinale, aber das war eine andere Zeit. Sie haben sehr viel erreicht. Es ist eine tolle Mannschaft, die tolle Auftritte gezeigt und gut als Team funktioniert hat. Ich würde der Schweiz eine Zehn von Zehn geben. Auch wie Murat Yakin diese Elf geformt hat, wie der Verband dahinter funktioniert hat, das ist ganz großes Kino. Ich bin total begeistert gewesen."

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