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Bundesliga

Bayern gegen Dortmund: Jürgen Kohler sieht im exklusiven Interview einen entscheidenden Unterschied – und warnt den BVB

Veröffentlicht:

von Oliver Jensen

ran Fußball Bundesliga

Bayern-Trainerteam "wie Zebra und Strauß" - Danks' kurioser Vergleich

Videoclip • 01:58 Min


Bayern und Dortmund liefern sich ein Duell auf Augenhöhe – zumindest auf dem Papier. Im ran-Interview erklärt Jürgen Kohler, wo er die entscheidenden Unterschiede sieht.

Der Klassiker des deutschen Fußballs steht bevor. Der FC Bayern München empfängt am Samstag (18:30 Uhr, im Liveticker auf ran.de) Borussia Dortmund. Beide Mannschaften sind punktgleich und die einzigen noch ungeschlagenen Mannschaften der laufenden Bundesliga-Saison. Nur wegen der besseren Tordifferenz steht Bayern vorne.

Jürgen Kohler wird die Partie besonders interessiert verfolgen, denn der Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 hat für beide Klubs gespielt. Von 1989 bis 1991 trug er das Trikot des FC Bayern und gewann die Deutsche Meisterschaft. Daraufhin verbrachte er vier Jahre bei Juventus Turin, ehe er 1995 zu Borussia Dortmund wechselte und dort zweimal Meister wurde sowie 1997 die Champions League gewann. Im Gespräch mit ran blickt er dem deutschen Clásico entgegen.

ran: Herr Kohler, Sie haben für beide Vereine gespielt, für Borussia Dortmund allerdings deutlich länger. Schlägt Ihr schwarz-gelbes Herz bei diesem Duell ein bisschen stärker?

Jürgen Kohler: Eigentlich sehe ich das Spiel neutral, weil ich für beide Vereine gespielt habe. Aber natürlich war ich bei Borussia Dortmund deutlich länger, deshalb schlägt der Puls schon ein bisschen mehr für Schwarz-Gelb. Trotzdem bin ich auch Bayern München sehr dankbar, vor allem Uli Hoeneß. Von ihm durfte ich in den zwei Jahren sehr viel lernen und habe mich nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch weiterentwickelt.

ran: Beide Mannschaften sind punktgleich und in der Bundesliga noch ungeschlagen. Erwarten Sie ein Duell auf Augenhöhe?

Kohler: Ich hoffe, dass uns ein spannendes Spiel erwartet und wir alle, egal ob im Stadion oder zu Hause vor dem Fernseher, gefesselt sein werden. Aber wenn man das Ganze nüchtern und mit einer gewissen Neutralität betrachtet, glaube ich schon, dass die Bayern etwas im Vorteil sein werden.

ran: Wie unterscheiden sich die Spielweisen der beiden Mannschaften? Was zeichnet sie aus und wo sehen Sie mögliche Defizite?

Kohler: Ich glaube, dass die Bayern ihr offensives Spiel durchziehen werden. Sie werden mit vielen Positionswechseln versuchen, die Dortmunder relativ hoch anzulaufen und in die eigene Hälfte zu drücken. Dann geht es darum, mit Tiefenläufen hinter die Abwehrkette zu kommen. Vor dem Tor haben sie mit Harry Kane momentan einen Knipser, der fast alles trifft. Er ist ein Spieler, der den Unterschied machen kann. Aber auch die Dortmunder haben ihre Qualitäten. Sie werden wahrscheinlich etwas tiefer stehen und stärker auf Konter setzen, um schnell in die Halbräume zu kommen und zum Abschluss zu gelangen. Mit Serhou Guirassy haben sie ebenfalls jemanden, der weiß, wo das Tor steht. Gleichzeitig werden sie versuchen, aus einer stabilen Defensive heraus den Bayern möglichst wenig Raum und Zeit zu lassen, damit diese gar nicht erst so häufig zum Abschluss kommen.

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Lob für Kompany - "wir waren doch alle skeptisch"

ran: Bayern-Trainer Vincent Kompany wird nicht an der Seitenlinie stehen. Kann das gerade in einem solchen Spitzenspiel eine Rolle spielen?

Kohler: Es spielt immer eine Rolle, ob der Cheftrainer da ist oder nicht. Aber ich glaube, man sollte Vincent Kompany, der bisher einen fantastischen Job gemacht hat und das auch medial aus meiner Sicht großartig macht, jetzt einfach die Zeit und Ruhe geben, damit er sich vollständig erholen kann. Ich bin ziemlich sicher, dass wir ihn schnellstmöglich wieder an der Seitenlinie sehen werden. Seine Verpflichtung war damals ja auch nicht ganz einfach. Wir waren doch alle skeptisch, wenn wir ehrlich sind. Man holt jemanden, der aus der Premier League abgestiegen ist und eigentlich noch ein No-Name war. Deshalb auch noch einmal ein großes Kompliment an die Bayern-Verantwortlichen, dass sie diesen Schritt gegangen sind. Damals wurde ja auch gesagt, er sei nur die dritte, vierte oder fünfte Wahl gewesen. Das zeigt, dass nicht entscheidend ist, welche Wahl man war, sondern was man daraus macht. So ist es bei Spielern schließlich auch.

ran: Die Bayern haben in den vergangenen sechs Spielen zehn Gegentore kassiert. Ist die Defensive eine Schwachstelle, die Dortmund ausnutzen könnte?

Kohler: Ja, aber soweit ich weiß, hat Dortmund gegen Werder Bremen auch zweimal eine Führung verspielt und im Pokal erst ganz am Ende gewonnen. Da scheint also ebenfalls nicht alles sattelfest zu sein. Natürlich haben die Dortmunder häufiger zu null gespielt als die Bayern, das ist richtig. Aber sie haben auch einen etwas anderen Spielstil, was überhaupt nicht schlimm ist. Schließlich bestimmen die Spieler mit ihren Qualitäten auch die Spielweise. Man muss immer schauen, welche Spieler man zur Verfügung hat, wer auf welcher Position welche Stärken besitzt. Danach muss man seine Spielausrichtung festlegen.

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Auf dieser Position hat Dortmund einen Vorteil

ran: Manuel Neuer wird nicht rechtzeitig fit, Jonas Urbig steht im Tor. Ist Dortmund mit Gregor Kobel auf dieser Position besser aufgestellt?

Kohler: Auf den ersten Blick schon. Gregor Kobel spielt auch in dieser Saison wieder sehr gut und ist Schweizer Nationaltorhüter. Urbig ist natürlich wesentlich jünger und hat einfach noch nicht die Erfahrung, die Kobel mitbringt. Das muss man schon sagen. Deshalb glaube ich, dass die Dortmunder auf dieser Position einen Vorteil haben.

ran: Gibt es weitere Positionen, auf denen Sie Dortmund im Vorteil oder zumindest gleichwertig mit Bayern sehen?

Kohler: Gleichwertig glaube ich schon. Nico Schlotterbeck kann auf jeden Fall mithalten. Und wenn Felix Nmecha wieder richtig fit und klar im Kopf ist, kann er es meiner Meinung nach auch mit den defensiven Mittelfeldspielern der Bayern aufnehmen. Serhou Guirassy bringt ebenfalls eine gewisse Qualität und vor allem Präsenz im Strafraum mit. Dortmund hat also durchaus einige Spieler, die auf einem ähnlichen Niveau wie ihre Gegenspieler bei Bayern sein können. Ob sie am Ende tatsächlich den Unterschied machen, wird sich im Spiel zeigen.

ran: Was meinen Sie damit, dass Nmecha wieder klar im Kopf sein muss?

Kohler: Er hatte zuletzt keine besonders gute Phase und hat nicht so gut gespielt. Bei der Weltmeisterschaft hat er zwei, drei richtig gute Spiele gemacht, danach ist er allerdings ein bisschen in ein Formtief geraten. In solchen Situationen spielt meistens nicht nur die körperliche Fitness eine Rolle, sondern auch sehr viel der Kopf. Deshalb habe ich gesagt, dass er wieder klar im Kopf sein muss.

Der 61-Jährige war früher ein Weltklasse-Verteidiger und trainiert momentan die U17 des Bonner SC

Bild: Cord


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Dortmund ist anfällig, die Konzentration fehlt

ran: Dortmund hat gegen Bremen zweimal eine Führung verspielt, auch wenn es im Pokal am Ende noch zum Sieg gereicht hat. Ist das ein Zeichen dafür, dass sich die Mannschaft manchmal zu sicher fühlt?

Kohler: Das zeigt einfach, dass auch die Dortmunder anfällig sind und vielleicht nicht über die gesamten 90 Minuten die notwendige Konzentration aufbringen. Gegen Bayern München ist das natürlich sehr gefährlich. Die Bayern brauchen nicht viele Chancen, weil sie gerade in der Offensive enorm viel Qualität besitzen. Das geht den Dortmundern momentan ein Stück weit ab. Dazu kommt, dass mit den beiden griechischen Neuverpflichtungen Konstantinos Karetsas und Giannis Konstantelias zwei Spieler fehlen, die in der Vorbereitung schon gezeigt haben, was sie können. Diese Unbekümmertheit fehlt Dortmund jetzt ein Stück weit, und damit geht natürlich auch Qualität verloren. Wenn man Bayern München als Gesamtpaket betrachtet, sind sie auf fast allen Positionen mindestens genauso gut oder sogar besser besetzt.

ran: Haben Sie Hoffnung, dass wir irgendwann wieder dauerhaft ein Duell auf Augenhöhe um die Meisterschaft erleben?

Kohler: Das wird natürlich schwierig, weil das Monetäre eine ganz wesentliche Rolle spielt. Da müssen wir ehrlich sein. Bayern München hat jetzt wieder einen neuen Deal mit Viessmann über 250 Millionen Euro gemacht. Das ist schon eine Hausnummer. Als Konkurrent kann man solche Unterschiede nicht einfach so wegstecken. Trotzdem glaube ich, dass es für Borussia Dortmund auch in den kommenden Jahren mindestens das Ziel sein muss, in der Champions League zu spielen. Ich sage ganz bewusst Champions League und nicht einfach nur international. Das muss der Anspruch dieses Vereins sein.

Lennart Karl? "Das muss ein Spieler verstehen"

ran: Zu Ihrer Zeit in Dortmund wurde die Deutsche Meisterschaft noch offensiver als Ziel formuliert. Heute hält man sich damit eher zurück, höchstens Nico Schlotterbeck spricht das mal an. Würden Sie sich da etwas mehr Mut wünschen?

Kohler: Dass es möglich ist, hat man doch bei Bayer Leverkusen gesehen. Die sind Meister und Pokalsieger geworden. Es geht also schon. Auf Dauer sehe ich es allerdings schwierig, weil Bayern München natürlich auch ein Mythos ist. Wenn Sie heute zehn Spieler fragen, ob sie lieber zu Bayern München oder Borussia Dortmund wechseln würden, dann vermute ich, dass das Verhältnis mindestens acht zu zwei zugunsten der Bayern ausfallen würde. Das sagt schon vieles über die Stellung des Vereins aus. Man darf dabei auch die sportlichen Leistungen nicht vergessen. Bayern München hat die Bundesliga über die letzten 13 Jahre dominiert und in dieser Zeit auch zweimal das Triple gewonnen. Das kommt nicht von ungefähr.

ran: Ein Spieler, der bei Bayern zuletzt etwas Kritik einstecken musste, ist Lennart Karl. Uli Hoeneß wollte mit ihm sprechen, Lothar Matthäus hat ihm geraten, etwas weniger auf Social Media unterwegs zu sein. Wie sehen Sie die Entwicklung des jungen Spielers, der wie ein Komet aufgestiegen ist, jetzt aber auch wegen seiner Auftritte abseits des Platzes Gegenwind bekommt?

Kohler: Das sind junge Menschen, und jeder ist anders. Ich glaube nicht, dass wir immer in Schablonen denken sollten. In erster Linie müssen Fußballer natürlich wissen, dass es darum geht, Fußball zu spielen. Es darf nicht entscheidend sein, wie viele Likes man bekommt, wie oft man auf TikTok zu sehen ist oder wie viele Klicks man auf irgendwelchen anderen Plattformen sammelt. Die Fokussierung auf den Fußball muss schon vorhanden sein. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass Lennart Karl das lernen wird. Auch sein Berater Michael Ballack wird das Gespräch mit ihm suchen. Wir leben natürlich in einer anderen Zeit, es ist eine andere Generation, die viel mit den neuen Medien arbeitet. Trotzdem glaube ich, dass Lennart Karl ein guter Fußballer ist. Er ist aber noch längst nicht da, wo er teilweise schon hingeschrieben wird. Das muss ein Spieler verstehen. Wenn er das nicht versteht, wird er auch nie so weit kommen. So einfach ist Fußball.

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