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Tennis - Michael Kohlmann: Alexander Zverev "ist die kompletteste Version seiner Karriere"
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von Andreas Reinersran Mehr Sport
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Alexander Zverev hat die French Open gewonnen und stand im Wimbledon-Finale. Wir haben mit Bundestrainer Michael Kohlmann über die Entwicklung, den Vergleich mit Sinner und Alcaraz, die Hartplatz-Saison und den Davis Cup gesprochen.
Das Interview führte Andreas Reiners
Bei einem Turnier herrscht Funkstille. Kein Anruf, keine Nachricht, kein kurzes Nachfragen. Alexander Zverev will seine Ruhe haben. Das gilt auch für den Bundestrainer.
"Telefonieren oder schreiben tue ich mit ihm während eines Turniers in der Regel nicht. Er ist in dieser Hinsicht ein bisschen abergläubisch und möchte seine Abläufe beibehalten. Er soll sich auf sein Turnier konzentrieren", sagt Michael Kohlmann im ran-Interview.
Es ist eine dieser kleinen Anekdoten, die viel über einen Profi verraten, der gerade den größten Sommer seiner Karriere hinter sich hat. Zverev ist French-Open-Sieger. Wimbledon-Finalist. Und mit 29 Jahren an einem Punkt angekommen, an dem noch mehr möglich scheint.
Kohlmann erklärt, welche Anpassungen Zverev zum kompletteren Spieler gemacht haben und was er ihm auf Hartplatz zutraut. Außerdem spricht er über den Davis Cup gegen Kroatien, den überraschenden Wimbledon-Lauf von Jan-Lennard Struff und über die Frage, wann Deutschland wieder eine echte Tennisnation ist.
Kohlmann: Zverev vom Erfolg beflügelt
ran: Herr Kohlmann, Alexander Zverev hat die French Open gewonnen und stand im Wimbledon-Finale. War es für Sie eine Überraschung, wie gut es gelaufen ist, oder war das die logische Folge seiner Entwicklung?
Michael Kohlmann: Die Kombination, erst die French Open zu gewinnen und anschließend das Wimbledon-Finale zu erreichen, ist eine kleine Überraschung. Vor allem, weil er den schnellen Belagswechsel auf Rasen so gut hinbekommen und dort so dominant gespielt hat, obwohl er zuvor nie über das Achtelfinale hinausgekommen war. Auf der anderen Seite hat er damit eigentlich nur gezeigt, wozu viele ihn schon lange für fähig gehalten haben.
ran: Beeindruckend war, wie befreit er wirkte. Es hätte nach dem Grand-Slam-Sieg ja auch genau das Gegenteil passieren können. Was sagt das über ihn aus?
Kohlmann: Wenn man seine großen Ziele erreicht, kann einen das zusätzlich beflügeln. Druck hätte natürlich auch entstehen können. Ich hatte aber eher den Eindruck, dass eine enorme Last von ihm abgefallen ist. Das hat man schon im Finale der French Open gesehen, wo er einige schwierige Phasen überstehen musste. Als dieser Brocken endlich weg war, hatte ich erwartet, dass sich das positiv auswirkt. Umso bemerkenswerter fand ich seine Aussage nach dem Wimbledon-Finale: Er hat gesagt, dass er mit 29 Jahren zum ersten Mal daran glaubt, dieses Turnier gewinnen zu können. Ich glaube, das kam wirklich von Herzen. Er hat gemerkt, dass Rasen für ihn funktionieren kann, dass er Wege gefunden hat, sein Spiel an den Belag anzupassen.
ran: Finden Sie, dass er inzwischen der kompletteste Spieler seiner Karriere ist, die beste Version seiner selbst?
Kohlmann: In Wimbledon hatte er seine Klasse über zwei Wochen hinweg noch nie konstant gezeigt. Genau das ist ihm diesmal gelungen. Diese Konstanz zeigt er nicht erst seit Wimbledon, sondern eigentlich die gesamte Saison. Bis auf Acapulco und Rom hat er bei jedem Turnier mindestens das Halbfinale erreicht. Deshalb ja: Zverev ist aktuell sehr komplett, die kompletteste Version seiner Karriere. Vor allem ist er sehr stabil und konstant.
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Alexander Zverev: Erfolgreiche Anpassungen
ran: Würden Sie sagen, dass er sich in den vergangenen Monaten stärker als Tennisspieler oder mental weiterentwickelt hat?
Kohlmann: Das hält sich die Waage. Als Tennisspieler hat er die entscheidenden Anpassungen eigentlich schon im vergangenen Jahr vorgenommen. Diese spielerischen Veränderungen und die mentale Entwicklung hängen eng zusammen. Wenn die Erfolge kommen und man merkt, dass die Veränderungen auf dem Platz funktionieren, wirkt sich das automatisch auf das Selbstvertrauen aus. Für mich sind beide Bereiche Hand in Hand gewachsen und haben sich gegenseitig verstärkt.
ran: Wie einschneidend waren diese Veränderungen?
Kohlmann: Es gab kleinere technische Anpassungen. Er hat sich vor allem darin verbessert, die richtigen Momente zu erkennen, um näher an die Linie zu gehen und anschließend konsequent den Weg nach vorne ans Netz zu suchen. Das klingt für Außenstehende vielleicht nach einer Kleinigkeit, ist aber im Spitzentennis eine große Umstellung. Entscheidend ist nämlich nicht nur, diese Situationen zu erkennen, sondern sie auch mit voller Überzeugung zu spielen und Fehler in Kauf zu nehmen. Er hat immer mehr die Überzeugung gewonnen, Punkte selbst diktieren zu wollen. Er verlässt sich nicht mehr nur auf die Qualität seiner Schläge, sondern stellt seine Gegner auch taktisch vor neue Aufgaben.
Kohlmann: Damit hat Zverev ihn beeindruckt
ran: Von all diesen Entwicklungen – was beeindruckt Sie am meisten?
Kohlmann: Am meisten beeindruckt mich, dass er sich trotz seiner ohnehin schon außergewöhnlichen Karriere immer weiter verbessern wollte, dass er sein Spiel immer wieder angepasst hat, um die Besten der Welt regelmäßig schlagen zu können. Er war bereits die Nummer zwei der Welt und hatte fast alles erreicht. Trotzdem haben er und sein Team nie aufgehört, an seinem Spiel zu arbeiten. Es gab immer wieder Stimmen, die gefordert haben, er müsse sein Umfeld verändern oder sich neue Trainer suchen. Dass sie diesen Erfolg gemeinsam erreicht haben, zeigt, dass ihr Weg der richtige war. Das haben sie sich gemeinsam verdient.
ran: Im Wimbledon-Finale gegen Jannik Sinner war er lange auf Augenhöhe. Was trennt ihn aktuell noch von ihm?
Kohlmann: Das sind Nuancen. Im Finale fand ich ihn bis tief in den zweiten Satz hinein nicht nur auf Augenhöhe, sondern sogar einen Tick besser. Ein bisschen Spielglück gehört auf diesem Niveau auch dazu. Über das gesamte Jahr betrachtet ist Sinner aber trotzdem die Nummer eins, weil er die Saison bis auf das Aus in Paris klar dominiert hat. Seit Paris hat sich das Kräfteverhältnis aber verändert. Darauf hat Sinner nach dem Finale selbst hingewiesen, als er sagte, dass das Rennen um Platz eins enger wird.
ran: Würden Sie ihn inzwischen auf einer Stufe mit Sinner und Carlos Alcaraz sehen?
Kohlmann: Diese Einordnung ist immer etwas schwierig. Ich persönlich fand nie, dass er weit hinter ihnen lag. Ich glaube aber schon, dass Sinner und Alcaraz in den vergangenen Jahren einen kleinen Vorsprung hatten – vor allem, weil sie die ganz großen Matches und häufig auch die direkten Duelle gewonnen haben. Mein Eindruck ist, dass er inzwischen aufgeschlossen hat. Ich glaube sogar, dass er in den vergangenen beiden Monaten phasenweise einen kleinen Tick davor war.
ran: Es gibt aber auch die lange Niederlagenserie gegen Sinner. Welche Rolle spielt so etwas für einen Spieler?
Kohlmann: Solche Serien sind bei beiden Spielern im Kopf. Gegen Taylor Fritz hatte Zverev zuletzt ja ebenfalls eine längere Negativserie mit sieben Niederlagen in Folge. Allerdings spielt auch immer eine Rolle, welches Match zuletzt stattgefunden hat. Gegen Fritz war die Niederlage in Halle wahrscheinlich viel präsenter als die sechs davor. Deshalb hat es mich nicht überrascht, dass er die Serie in Wimbledon beendet hat. Solche Serien spielen eher vor dem Match oder in der Anfangsphase eine Rolle. Entwickelt sich die Partie dann offen, tritt diese Statistik immer mehr in den Hintergrund.
ran: Was erwarten Sie für die Hartplatz-Saison?
Kohlmann: Ich sehe ihn auf den etwas schnelleren Hartplätzen extrem stark. Ich traue ihm absolut zu, dass er dort nicht nur mithalten, sondern Sinner und Alcaraz auch schlagen kann. Deshalb hat Zverev aus meiner Sicht eine gute Chance, im Rennen um Platz eins anzugreifen – vorausgesetzt, er kann seine Form aus den vergangenen beiden Monaten auch auf der Hartplatz-Tour bestätigen. Ich glaube außerdem, dass ihm die Pause jetzt guttut. So kann er regenerieren und sich anschließend voll auf die nächsten großen Highlights konzentrieren.
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Alexander Zverev: Wie lange kann er das Niveau noch halten?
ran: Er ist jetzt 29 Jahre alt. Was glauben Sie: Wie lange kann er so ein Niveau überhaupt halten?
Kohlmann: Das ist schwer pauschal zu beantworten, weil es von Spieler zu Spieler unterschiedlich ist. Hinzu kommt immer die Frage, was von unten nachrückt. Ich traue ihm aber auf jeden Fall zu, dieses Niveau noch lange zu halten. Er verfügt über einen außergewöhnlich guten Körper und ist extrem gut trainiert. Darauf hat er schon sehr früh großen Wert gelegt. Natürlich bringt seine Größe auch Herausforderungen mit sich, weil große Spieler körperlich oft stärker belastet werden. Trotzdem ist er bislang sehr gut durch seine Karriere gekommen.
ran: Wenn wir nach vorne schauen: Tritt Deutschland im Davis Cup im September gegen Kroatien in Bestbesetzung an?
Kohlmann: Das hoffen wir natürlich. Seit der Auslosung stehen wir mit allen Spielern in Kontakt. Ich finde aber, dass es noch zu früh ist, irgendwelche Zusagen zu machen. Bis dahin kann noch viel passieren. Die Nominierungsfrist endet am 17. August. Unser Ziel ist ganz klar, in Halle in Bestbesetzung anzutreten. Mit Kroatien wartet ein sehr starker Gegner. Nach dem vergangenen Jahr in Bologna wollen wir uns unbedingt wieder für die Endrunde qualifizieren und dort im Idealfall noch einen Schritt weiterkommen.
ran: Apropos Kontakt: Haben Sie während eines Turniers Kontakt zu Zverev? Er hat einmal gesagt, dass er sich in dieser Zeit komplett abschottet und auf Nachrichten kaum reagiert.
Kohlmann: Während eines Turniers sieht man sich natürlich. Telefonieren oder schreiben tue ich mit ihm während eines Turniers in der Regel nicht. Er ist in dieser Hinsicht ein bisschen abergläubisch und möchte seine Abläufe beibehalten. Er soll sich auf sein Turnier konzentrieren. Alles andere würde ihn nur unnötig ablenken oder zusätzliche Energie kosten.
ran: Also lässt er selbst den Bundestrainer während eines Turniers nicht näher an sich heran?
Kohlmann: Ja, aber das ist aus meiner Sicht völlig verständlich. Außerdem habe ich jederzeit die Möglichkeit, andere Mitglieder seines Teams zu kontaktieren. Das funktioniert immer sehr gut.
Struff überrascht - Aufschwung im Herrentennis
ran: Jan-Lennard Struff hat in Wimbledon mit seinem Auftritt viele überrascht. Sie auch?
Kohlmann: Ja, das Endergebnis hat mich schon überrascht. Er hatte zuvor keine herausragende Saison gespielt. An ihm sieht man aber einmal mehr, wie eng Erfolg und Misserfolg im Tennis beieinanderliegen. Auf der anderen Seite sagt dieser Lauf viel über ihn als Persönlichkeit aus. Er glaubt unabhängig vom Spielstand immer an seine Chance und gibt bis zum letzten Ball alles. Gerade mit 36 Jahren lebt er diese Einstellung noch immer auf dem Platz. Das ist sicher auch ein Grund, warum er bei den Fans so beliebt ist.
ran: So richtig erklären kann man sich das aber wahrscheinlich nicht, oder?
Kohlmann: Manchmal ist das im Sport einfach so. Er ist nicht mit riesigem Selbstvertrauen nach Wimbledon gereist. Dann laufen plötzlich ein paar Situationen für ihn und daraus kann sich eine unglaubliche Dynamik entwickeln. Man darf aber nicht vergessen, dass er zuvor gut gearbeitet und trainiert hat. In Madrid war er erstmals wieder gemeinsam mit Carsten Arriens unterwegs. Die beiden haben sein Spiel wieder stärker auf seine Stärken ausgerichtet. Manchmal hilft es einem Spieler auch, die Dinge wieder etwas einfacher zu machen. Deshalb war dieser Erfolg am Ende auch absolut verdient.
ran: Was trauen Sie ihm in den kommenden Wochen noch zu – auch mit Blick auf die US Open?
Kohlmann: Grundsätzlich glaube ich, dass seine Spielweise gerade für die Topspieler sehr unangenehm ist. Zverev hat das einmal sehr treffend beschrieben: Gegen Jan-Lennard gibt es kaum Rhythmus. Entweder schlägt er einen Winner oder der Ball landet hinten im Zaun. Als Gegner hat man oft das Gefühl, nur wenig Einfluss auf das Spiel zu haben. Mit dem Selbstvertrauen aus Wimbledon traue ich ihm deshalb einen guten Sommer zu. Ich hoffe, dass er den Schwung aus Wimbledon mitnehmen kann, auch in Richtung US Open.
ran: Sehen Sie aktuell einen kleinen Aufschwung im deutschen Herrentennis?
Kohlmann: Ja, durchaus. Mit vier deutschen Spielern in den Top 100 sind wir derzeit noch nicht so aufgestellt, wie wir es aus früheren Jahren gewohnt waren. Das muss man ganz klar so sagen. Trotzdem haben wir in den vergangenen Jahren gerade in den Weltranglistenbereichen zwischen Platz 200 und 500 enorm aufgeholt. Dort haben wir inzwischen viele deutsche Spieler und vor allem viele junge Talente. Es gibt viele unterschiedliche Spieler, die Turniere gewinnen und Erfolge feiern. Das sorgt dafür, dass sich die jungen Spieler gegenseitig anspornen. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir in den kommenden Jahren nicht nur wieder mehr deutsche Spieler in den Top 100 sehen, sondern auch deutlich häufiger bei Grand-Slam-Qualifikationen vertreten sein werden.
ran: Was wäre aus Ihrer Sicht realistisch: Sieben oder acht Spieler in den Top 100?
Kohlmann: Für das nächste Jahr wäre das sicherlich zu viel verlangt. Aber in den kommenden Jahren halte ich das durchaus für realistisch. Mein Ziel wäre, dass wir wieder sieben oder acht Spieler in den Top 100 haben und zusätzlich weitere sieben oder acht im Bereich zwischen Platz 100 und 250. Dann hätten wir insgesamt zehn bis 15 Spieler, die regelmäßig in Hauptfeldern oder Grand-Slam-Qualifikationen vertreten sind. Deutschland versteht sich als Tennisnation, und deshalb sollten wir wieder dorthin kommen, dass wir mit einer solchen Anzahl an Spielern regelmäßig auf höchstem internationalem Niveau vertreten sind.
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