Nations League
DFB-Team - Pierre Littbarski über Joshua Kimmich: "Auf diese Diskussion würde ich mich nicht einlassen"
Veröffentlicht:
von Chris Lugertran Fußball
DFB-Elf ohne Kimmich besser? Klopp reagiert schlagfertig
Videoclip • 01:55 Min
Pierre Littbarski hebt im Interview mit ran die spielerischen Fähigkeiten des DFB-Teams gegen Serbien hervor. Außerdem findet der Weltmeister von 1990 klare Worte zur Diskussion um Joshua Kimmich und zu Leroy Sane.
Das Interview führte Chris Lugert
Mit dem 2:0-Sieg in München gegen Serbien hat die deutsche Nationalmannschaft nicht nur ihren ersten Dreier in dieser Nations League eingefahren, sondern auch wieder für positive Schlagzeilen gesorgt.
Im Vergleich zur 0:1-Pleite gegen Griechenland war besonders auffällig, dass die DFB-Kicker am Donnerstag immer wieder spielerische Lösungen fanden, um die serbische Abwehr vor Probleme zu stellen.
Ein Aspekt, den auch Pierre Littbarski in seiner Analyse des Spiels bei ran hervorhebt. Der einstige Dribbelkünstler und Weltmeister von 1990 fand es "faszinierend, dass wir auf engem Raum gut kombiniert haben".
Außerdem spricht "Litti" über den neuen Ansatz von Jürgen Klopp, die Diskussionen um Joshua Kimmich und ein mögliches Luxusproblem des DFB-Teams.
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Littbarski: "Wir haben wieder richtig Schnelligkeit auf den Außenpositionen"
ran: Herr Littbarski, die deutsche Nationalmannschaft hat gegen Serbien den ersten Sieg unter Jürgen Klopp eingefahren. Wie bewerten Sie die Leistung?
Pierre Littbarski: Ich finde, es war sehr erfrischend. Gerade auch, weil wir jetzt wieder richtig Schnelligkeit auf den Außenpositionen haben. Aber was mich fasziniert hat, war, dass wir auf engem Raum gut kombiniert haben. Das war immer so ein bisschen die Problematik in den letzten Monaten oder auch letzten Jahren, dass wir uns gegen tiefer stehende Mannschaften schwer getan haben. Und diesmal sind wir zu sehr vielen Möglichkeiten gekommen. Das kam wahrscheinlich auch, aber nicht nur, durch die Offensivkräfte. Scherhant war echt gut, speziell in der ersten Halbzeit. Aber auch das Mittelfeld mit Pavlovic und Bischof, die sehr viel Druck nach vorne gemacht haben. Es wurde nicht lange geplänkelt, sondern schnell gespielt. Durch das Engagement von Woltemade haben wir sehr viele Bälle zurückerobert. Das hat der Junge gut gemacht.
ran: Sie sprechen das Mittelfeld an. Gerade nach diesem Spiel erhält die Diskussion um die Rolle von Joshua Kimmich neue Nahrung. Ohne ihn lief es gegen Serbien sehr gut. Ist das ein Fingerzeig für die Zukunft?
Littbarski: Das kann man nicht so pauschal sagen. Jedes Spiel ist auch anders, Serbien ist nicht so stark in der Defensive wie die Griechen. Kimmich spielt sehr gute Chipbälle hinter die Abwehr, die sonst fast keiner spielen kann. Also auf diese Diskussion würde ich mich nicht einlassen.
ran: Dann zurück zur Offensive. Sie sprachen es an: Es gab gegen Serbien viele Chancen, die aber nicht konsequent verwertet wurden. Hat die einstige Stürmernation Deutschland ein Problem auf der Neunerposition?
Littbarski: Spieler wie Miroslav Klose oder Rudi Völler wachsen nicht auf Bäumen, die gibt es nicht jedes Jahr. Ich weiß nicht, ob das eine Schwäche ist. Jetzt ist es eine ganz andere Generation. Woltemade und Havertz sind ja zum Beispiel gar keine richtigen Mittelstürmer, deshalb ist das auch ein Vergleich mit Äpfeln und Birnen. Aber es stimmt, wir müssen die wieder ausbilden.
Pierre Littbarski bestritt 73 Länderspiele für Deutschland
Bild: Jan Huebner
Littbarski über die Perspektiven von Ebnoutalib, Brunner und Tresoldi
ran: Im Kader von Klopp standen gleich beide Mittelstürmer von Eintracht Frankfurt, Jonathan Burkardt und Younes Ebnoutalib. Wie haben Sie deren Leistungen gesehen, gerade von Ebnoutalib, der gegen Griechenland 90 Minuten ran durfte?
Littbarski: Ich habe Burkardt nicht so stark gesehen, er hatte wenig Bindung und auch vielleicht zu wenig Spielzeit. Ebnoutalib fand ich richtig gut, auch wenn er ein schwieriges Spiel hatte. Aber der hat eine gute Geschwindigkeit und diese Mischung aus Größe, Geschwindigkeit und technischer Fertigkeit. Das gefällt mir ganz gut. Er ist jetzt auch nicht der Typ, der vorne die Dinger nur verwertet. Aber der geht schon bei Flanken in die richtigen Räume, das macht er gut. Ich glaube, dass da noch viel Potenzial schlummert.
ran: Mit 23 Jahren ist seine Entwicklung womöglich auch noch nicht beendet. Sie trauen ihm also zu, dass er in der Nationalmannschaft perspektivisch eine wichtige Rolle spielen kann?
Littbarski: Ich glaube schon. Man muss sich immer die Grundvoraussetzungen anschauen. Und wenn einer zwei, drei richtig gute Stärken hat - und die hat er eben mit der Ballbehandlung, mit der Schnelligkeit, auch mit der Größe -, dann ist das auf alle Fälle ein Spieler, der sich unter Klopp gut entwickeln kann und der dann auch die nötigen Tore machen könnte.
ran: In der U21 drängen mit Nicolo Tresoldi und Paris Brunner zwei weitere interessante Stürmertalente nach oben. Welche Perspektive trauen Sie den beiden zu?
Littbarski: Man sollte da nicht zu euphorisch sein. In der U21 wird auch etwas anders gespielt, da spielt Brunner links und Dzenan Pejcinovic rechts. Das ist mit einem zentralen Mittelstürmer gar nicht zu vergleichen. Deshalb muss man schauen, wie sich das entwickelt. Wichtig ist, dass sie erstmal Stammspieler werden. Aber insgesamt ist das noch ein bisschen zu früh. Für die kommenden Länderspiele würde ich sie noch nicht nominieren. Das braucht noch ein bisschen.
Wird Littbarskis Torrekord geknackt? "Ich gehe davon aus, dass der jetzt kurzfristig fällt"
ran: Beide wollen vielleicht auch noch gar nicht in der A-Nationalmannschaft spielen, weil sie sich womöglich noch nicht auf einen Verband festlegen wollen. Tresoldi wird von Italien umworben, Brunner von der DR Kongo. Wie wichtig wäre es für den DFB, die beiden zu halten?
Littbarski: Man muss ja beide Seiten sehen. Die Spieler rechnen sich ja auch aus: Wo habe ich die besseren Chancen? In Italien in der Nationalmannschaft zu spielen, ist ja im Sturm auch nicht unbedingt ein Zuckerschlecken, weil die ja auch nicht für grandiosen Offensivfußball stehen. Aber auf der anderen Seite ist da natürlich auch die Konkurrenz. Und die ist ganz schön groß. Das letzte Wörtchen ist da noch nicht gesprochen, und der DFB möchte natürlich alle guten Spieler halten. Aber was nutzen dir acht Stürmer, wenn nur zwei spielen können?
ran: Tresoldi steht kurz davor, Ihren U21-Torrekord zu knacken. Er steht bei 16 Treffern, Sie haben in ihrer Karriere für die U21-Nationalmannschaft 18 Treffer erzielt. Drücken Sie ihm die Daumen?
Littbarski: Ja, auf alle Fälle. Also ich gehe mal davon aus, dass der jetzt kurzfristig fällt. Und das hat der Junge sich verdient. Das ist ja schon mal ein Zeichen für Beständigkeit. Der Junge ist auch immer dann da, wenn es darum geht, Tore zu machen. Und wenn sich einer das so verdient hat, dann drücke ich ihm natürlich die Daumen.
ran: Sie haben vorhin das Thema Außenstürmer bereits angesprochen. Klopp setzt mehr auf klassische Flügelspieler als Julian Nagelsmann. Wie gefällt Ihnen der neue Ansatz?
Littbarski: Der neue Ansatz ist für die Spieler einfacher. Unter Nagelsmann wurde für jeden versucht, eine Position zu finden. Und jetzt bei Klopp müssen die Spieler auf den Positionen funktionieren, die er festgelegt hat. Und das ist für mich als Zuschauer, aber auch als Trainer viel einfacher zu verstehen und auch für die Spieler einfacher umzusetzen, weil es klare Ansagen gibt. Ein Treu zum Beispiel war zwar auch mal im Halbfeld, aber insgesamt haben wir jetzt eine bessere Statik.
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Auftritt von Kölns El Mala findet Littbarski "nicht so berauschend"
ran: Die neue Ausrichtung könnte auch Said El Mala entgegenkommen, der gegen Serbien sein Debüt gefeiert hat. Wie fanden Sie seinen Auftritt?
Littbarski: Ich fand den nicht so berauschend. Er hat eine gute Aktion gehabt mit dem Abschluss. Einmal hat er noch Pech gehabt, insgesamt aber waren zu wenig El-Mala-Situationen drin. Da ist noch wirklich Luft nach oben. Das Potenzial ist natürlich da, aber die Konkurrenz schläft nicht. Da sind ein paar gute Jungs dabei, man denke an Scherhant, Lennart Karl, auch Serge Gnabry ist da. Das wird ganz interessant. Vielleicht könnte das ja zu einem Luxusproblem für uns werden. Diese Konkurrenz will Klopp ja.
ran: Karim Adeyemi und Kevin Schade gibt es ja auch noch.
Littbarski: Genau. Schade fand ich eher unauffällig, Adeyemi dagegen war sehr gut. Da hat er mich überrascht, weil er auch sehr engagiert war. Aber was bei ihm krass zu sehen ist: Adeyemi hat seine richtig guten Aktionen, wenn er aus dem Mittelfeld anläuft. Bei Barcelona hat er ähnliche Aktionen gehabt, einmal hat er auf diese Weise einen Schuss von Yamal aufgelegt. Das werden wir bei der deutschen Mannschaft so oft aber nicht vorfinden.
ran: Der Konkurrenzkampf auf den Außen ist mit diesen Spielern schon gewaltig. Würden Sie sagen, dass das Thema Nationalmannschaft für Leroy Sane damit erledigt ist?
Littbarski: Ich glaube, das wird für den Jungen schwierig zurückzukommen. Der ist aktuell nicht mal Stammspieler bei Galatasaray. Also da müsste schon viel passieren.
Littbarski: "Haben gegen Serbien ein paar Kloppsche Züge gesehen"
ran: Abschließend noch ein generelles Fazit zu den ersten Tagen, Wochen und Spielen der Ära Jürgen Klopp. Gibt es trotz der durchwachsenen Ergebnisse Anlass zu Optimismus für die kommenden Monate und sogar Jahre?
Littbarski: Ja. Ich glaube, die Herangehensweise ist gut. Wir haben ja teilweise auch Spieler gesehen, die jetzt einfach aus dem Nichts herauskamen. Ich finde den Mut wirklich bewundernswert. Auch Jürgen weiß, dass die Ergebnisse natürlich stimmen müssen, aber dass er trotzdem so ein bisschen als Schutzwall für die Spieler agiert, denn er will die ja ausprobieren und sehen, wie die jungen Spieler unter Druck funktionieren. Denn das ist eben nicht die komfortable Umgebung im Verein, sondern da will er sehen, wer in der Nationalmannschaft Akzente setzen kann. Ich finde, der Ansatz ist sehr gut. Im November muss er auch mehr nach Leistung gehen. Aber das ist jetzt vollkommen richtig, in dieser Phase so zu agieren. Und wenn wir in Griechenland gewinnen, ist ja auch in der Nations League noch vieles möglich. Ich glaube schon, dass daraus etwas entstehen kann. Wir haben gegen Serbien ein paar Kloppsche Züge im Spiel gesehen, und das gibt doch dann wieder ein bisschen Hoffnung.
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