Nations League
Jürgen Klopp hat ein FC-Bayern-Problem - ein Abwehrstar drängt sich auf - Erkenntnisse zur Niederlage gegen Griechenland
Aktualisiert:
von Chris Lugertran Fußball
Fans ohne Gnade mit dem DFB-Team
Videoclip • 02:58 Min
Die deutsche Nationalmannschaft verliert beim Heimdebüt von Jürgen Klopp nach schwacher Leistung gegen Griechenland. Das 0:1 gegen die Hellenen lieferte einige wichtige Erkenntnisse.
Nichts war's mit der erhofften Party. Die deutsche Nationalmannschaft liefert beim Heimdebüt von Bundestrainer Jürgen Klopp eine über weite Strecken schwache Leistung ab und verliert in Augsburg gegen Griechenland mit 0:1 (0:0).
Eine historische Niederlage, schließlich war es in der langen Geschichte der A-Nationalmannschaft die erste Pleite überhaupt gegen die Hellenen.
Jürgen Klopp selbstkritisch: Die DFB-Erkenntnisse nach Griechenland
Klopp selbst sprach danach in der "ARD" von einem "Teil des Prozesses", machte aber auch deutlich, dass eine Niederlage überhaupt nicht eingeplant gewesen war. Die Mannschaft nahm er aber auch ein Stück weit aus der Schusslinie: "Die Aufstellung, die Zusammenstellung, die vielen Wechsel, das geht alles auf meine Kappe."
Und dennoch lieferte der Auftritt des DFB-Teams einige wertvolle Erkenntnisse für den 59‑Jährigen. ran hat die wichtigsten Punkte gesammelt.
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DFB-Team: Euphorie ist erst einmal verflogen
Zuletzt konnte man den Eindruck gewinnen, Klopp könnte alle biblischen Wunder auf einmal vollbringen, wenn er denn nur wollte. Doch nach den beiden Spielen in den Niederlanden und ganz besonders der Niederlage gegen Griechenland steht fest, dass auch der neue Bundestrainer nicht allein durch seine Anwesenheit eine verunsicherte und nach Identität suchende Mannschaft plötzlich in eine gut geölte Maschine verwandeln kann.
Klopp muss - wie auch seine glücklosen Vorgänger - mit dem Spielermaterial auskommen, das ihm zur Verfügung steht. Und das hat nach wie vor die altbekannten Defizite. Allerdings: Klopps Ankunft hatte bei vielen Fans zumindest die Hoffnung geweckt, fernab von fußballerischen oder taktischen Elementen mehr Leidenschaft bei den Spielern sehen zu können. Gegen die Niederlande waren dahingehend zumindest Ansätze erkennbar, gegen Griechenland jedoch gar nicht mehr.
Der Trainereffekt der ersten Woche beschränkte sich auf Pressekonferenzen und Klopps Begabung der verbalen Kommunikation. Er kann Leute einfangen und mitreißen, doch das sorgt in der Kürze der Zeit noch nicht für eine Zeitenwende der Nationalmannschaft. Die DFB-Elf bleibt auch unter seiner Ägide ein Sanierungsfall. Und der Prozess, um diese Sanierung zu vollenden, wird Zeit brauchen.
Diese Erkenntnis kommt nicht überraschend, dürfte dem einen oder anderen jetzt aber wieder schmerzlich bewusst werden. Die Euphorie zumindest, die Klopp zuletzt ausgelöst hat, ist erst einmal an der bitteren sportlichen Realität zerschellt.
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Stars vom FC Bayern sind im DFB-Trikot nur Mitläufer statt Anführer
Was auch daran liegt, dass die deutschen Nationalspieler des FC Bayern weiterhin nicht in der Lage scheinen, der DFB-Elf Stabilität, Führung und Sicherheit zu geben. Zuletzt kam immer wieder die Debatte auf, ob es nicht die internationalen Topstars wie Harry Kane und Michael Olise sind, die den Erfolg des Rekordmeisters überhaupt erst ermöglichen. Und ob die deutschen Spieler wie Joshua Kimmich eher Mitläufer sind, die von den Superstars mitgenommen werden.
Beim Blick auf die Nationalmannschaft erhält diese These zumindest weitere Nahrung. Beim WM-Titel 2014 waren Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm, Manuel Neuer, Thomas Müller, Toni Kroos und Jerome Boateng prägende Säulen, die ein Jahr zuvor auch mit den Bayern die Champions League gewannen und maßgeblichen Anteil daran hatten. Es war eine Achse, die im Klub und im Nationalteam unverzichtbar war. Zwölf Jahre später stellt sich die Situation aber ganz anders dar.
Kimmich ist DFB-Kapitän und auch Co-Spielführer der Bayern, im zentralen Mittelfeld ist er sicherlich ein herausragender Spieler. Doch gelingt es ihm zu selten, in schwierigen Spielen voranzugehen und die Mannschaft aus einem Loch zu ziehen. Läuft es gut, trumpft auch er oft auf. Läuft es schlecht, geht er mit unter. So wie bereits bei diversen Turnieren mit dem DFB-Team.
Das Griechenland-Spiel war hierfür wieder eine Blaupause. Kimmichs Ballverlust ermöglichte den Gästen die erste Großchance, die Ioannidis leichtfertig vergab. Doch auch die anderen Bayern-Spieler blieben blass. Jonathan Tah und Nathaniel Brown leisteten sich defensive Schwächen, gerade Tah wirkt immer wieder etwas fahrig, wenn er als unumstrittener Abwehrchef auftreten muss und keinen Dayot Upamecano oder Nico Schlotterbeck neben sich hat.
Die erfolgreichsten Nationalmannschaften hatten immer einen starken Bayern-Block. Dieser geht dem aktuellen Team jedoch ab. Das Bittere für Klopp: Daran wird sich so schnell wohl auch nichts ändern.
Enttäuscht: Joshua Kimmich
Bild: AFP/SID/MICHAELA STACHE
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DFB-Torwart? Nübel kann keine Argumente sammeln
Marc-Andre ter Stegen stand bei seinem DFB-Comeback in Amsterdam reihenweise im Mittelpunkt, wenn auch nicht immer aus positiven Gründen. Doch der Ajax-Profi konnte sich auszeichnen - etwas, das Alexander Nübel gegen die Griechen nicht vergönnt war. Nübel blieb ohne Parade, das Gegentor war abgefälscht und für den Besiktas-Legionär damit schlicht unhaltbar.
Bitterer hätte das Spiel für ihn kaum verlaufen können. Denn Argumente in eigener Sache konnte der Ex-Stuttgarter drei Tage vor seinem 30. Geburtstag nicht sammeln. Nübel machte im Gegensatz zu ter Stegen am Donnerstag auch keine schwerwiegenden Fehler, die den Gegner zu Chancen einluden. Aber letztlich verhinderte ter Stegen eine Niederlage, Nübel nicht. So hart und ungerecht das sein mag.
Klopp rief ter Stegen vorerst zur Nummer eins aus, meißelte diese Entscheidung aber nicht in Stein. Doch sollte die Idee gewesen sein, Nübel die Chance zu geben, sich zu präsentieren und den Konkurrenzkampf nochmals neu zu beleben, dann ist dieser Plan nicht aufgegangen.
DFB-Abwehrstar Bisseck ist eine echte Alternative
Ganz anders in puncto Argumente in eigener Sache sammeln stellte sich die Situation bei Yann Aurel Bisseck dar. Der Innenverteidiger, der für die WM nicht nominiert worden war, rückte gegen Griechenland anstelle von Nico Schlotterbeck neben Tah in die Mannschaft und machte ein richtig gutes Spiel. Mit seiner Physis ließ er reihenweise die Gegner alt aussehen und überzeugte mit enormer Präsenz.
Als Stammspieler bei Inter Mailand sammelt Bisseck inzwischen regelmäßig auch internationale Erfahrung in der Champions League - und das bei einem Klub, der in der Königsklasse auch selbst Ambitionen hat. Nicht nur aufgrund dieser Parallele ist Bisseck drauf und dran, die Planstelle des zurückgetretenen Antonio Rüdiger im DFB-Team zu übernehmen. Als Nummer drei hinter Tah und Schlotterbeck, aber mit der Qualität, einen von beiden auch verdrängen zu können.
Gegen Griechenland war der gebürtige Kölner zumindest klar stärker als Tah. Klopp hat hier die Qual der Wahl aus drei gestandenen Innenverteidigern, mit einigen weiteren interessanten Namen in der Hinterhand. Im Abwehrzentrum hat das DFB-Team sowohl qualitativ als auch quantitativ die wenigsten Probleme. Und Bisseck ist ein entscheidender Grund, warum das der Fall ist.
Offensive Kreativität ist Deutschlands größtes Manko
Dass es spielerisch beim DFB-Team seit Jahren nicht läuft und auch gegen Griechenland nicht lief, hat viel mit Ideenreichtum und Kreativität in der Offensive zu tun. Oder besser gesagt: Es hat viel damit zu tun, weil es im DFB-Team zu wenig vertreten ist. "Insgesamt war es zu statisch von uns, nicht so kreativ. Wir hatten zu wenig Bewegung, uns ist nicht viel eingefallen", bilanzierte etwa Kimmich in der "ARD".
Kaum Abschlusssituationen im Strafraum, weil kein Spieler Lösungen gefunden hat, um die tief stehende Abwehr der Griechen zu knacken. Nun ist es keine neue Fußball-Weisheit, dass es gegen Mannschaften, die wenig Räume bieten, schwieriger ist als gegen Teams, die offensiver spielen und damit mehr Räume offenbaren. Die Niederlande am Donnerstag lagen der deutschen Mannschaft besser als die Griechen. Aber so ähnlich war es auch bei der WM gegen Paraguay.
Dabei mangelt es auf dem Papier gesehen nicht an Kreativspielern. Doch Jamal Musiala war verletzt nicht dabei, Florian Wirtz steckt in einer Formkrise. Lennart Karl reist erst mit dem zweiten Kader an. Doch ist das wirklich Weltklasse? "Wir sind keine Topmannschaft mehr, wir sind im Mittelmaß angekommen. Wir haben nicht mehr diese Spieler, die den Unterschied machen", sagte "ARD"-Experte Bastian Schweinsteiger deutlich.
Und so dürfte es noch viel mehr Spiele gegen Gegner geben, die um diesen Umstand wissen und sich hinten verbarrikadieren.
Florian Wirtz blieb gegen Griechenland nach EInwechslung wirkungslos
Bild: Kirchner-Media
Klopps zweite Garde betreibt wenig Eigenwerbung
Dass Klopp sein ungewöhnliches Experiment mit 44 nominierten Spielern wählte, lag vor allem darin begründet, dass sich der neue Bundestrainer von so vielen Spielern wie möglich ein eigenes Bild machen wollte. Spieler, die bislang nicht zum Kreis der Nationalmannschaft gehörten, aber die Chance ihres Lebens erhielten, um sich womöglich dauerhaft in Klopps Gedächtnis zu brennen.
Doch nach den ersten zwei Spielen bleibt festzuhalten: Diese zweite Garde konnte kaum Eigenwerbung betreiben. Younes Ebnoutalib zeigte nach seiner Einwechslung gegen die Niederlande gute Ansätze, blieb gegen Griechenland aber wirkungslos. Gleiches gilt für Kevin Schade, der gegen die Griechen noch mehr enttäuschte und seine Qualitäten kaum einbringen konnte.
Einzig Philipp Treu, der in Amsterdam debütieren durfte, überzeugte nahezu vollends und dürfte auch aufgrund der neuralgischen Position rechts hinten gute Karten haben, auch ab November zum DFB-Kader zu gehören.
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