WM 2026
Flucht, Armut und jetzt Welt- und Europameister! Die bewegende Geschichte von Nico Williams
Veröffentlicht:
von Justin Kraftran Fußball
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Videoclip • 01:04 Min
Nico Williams ist Welt- und Europameister. Ein Weg, der nie vorgezeichnet war. Die bewegende Geschichte eines 24-Jährigen, der mit Spanien bereits alles gewann.
Ein Moment reicht Nico Williams aus, um sich abermals in die Geschichtsbücher einzutragen. Der Ball fliegt hoch in den Strafraum der kompakt und aggressiv verteidigenden Argentiniern. Bisher gibt es für Spanien kein Durchkommen.
Eigentlich scheint auch diese Flanke zu weit zu fliegen. Doch Williams sprintet an den zweiten Pfosten und hat von dort eine brillante wie auch schwer umzusetzende Idee: Er köpft die Kugel mit einer nahezu artistischen Bewegung in den Rückraum.
Ferran Torres steht dort völlig frei. Der Rest ist Fußballgeschichte.
Schon 2024 hatte Williams entscheidenden Einfluss. Im EM-Finale gegen England erzielte er das zwischenzeitliche 1:0. Das Turnier in Deutschland sollte sein großer Durchbruch werden.
Doch die letzten Monate verliefen alles andere als märchenhaft für den Flügelstürmer. Man könnte sogar sagen, dass sie eher wie sein bisheriges Leben verliefen: Steinig, kompliziert und am Ende doch mit einem Happy End. Dass er nach der Siegerehrung seiner Mutter die WM-Medaille gab, hat Gründe.
"Es ist wie in einem Film und meine Eltern haben es gelebt", erklärte Inaki Williams einst im Gespräch mit dem "Guardian". Inaki ist der Bruder von Nico. Beide spielen heute bei Athletic Bilbao. Sie haben mit ihrer Familie eine bewegende Geschichte hinter sich.
Die bewegende Geschichte der Familie Williams
Ihre Zukunft hing lange am seidenen Faden. Armut, Flucht und ein beschwerlicher Weg nach oben prägten das Leben der Familie Williams.
Ein Weg, der Anfang der 90er Jahre in Ghana begann. Die Eltern Maria und Felix durchquerten die Sahara bis zur spanischen Exklave Melilla, begaben sich auf die Suche nach einem für sie würdigen Leben - Mutter Maria schwanger mit ihrem Sohn Inaki.
Große Teile der Reise bestritten sie barfuß, lange ohne Wasser oder Nahrung. Aber sie schafften es und kletterten über den Grenzzaun. Zu Ende war das Leiden aber längst nicht.
Zunächst wurden sie in Melilla festgenommen. Die Haft konnten sie nur mit einer Lüge beenden: Sie erzählten, dass sie aus Liberia kämen und konnten deshalb politisches Asyl beantragen. Als Kriegsflüchtlinge landeten sie so in Bilbao.
Flucht und Armut: Der schwere Karrierestart der Williams-Brüder
Ihren ersten Sohn nannten sie deshalb Inaki, weil ihnen der Priester Inaki Mardones den Neustart im Baskenland erheblich erleichterte. Der Geistliche wurde später sogar Patenonkel und übernahm die Vormundschaft für beide Williams-Brüder.
In Spanien hangelten sich Maria und Felix von Job zu Job. 2002 zogen sie nach Pamplona, wo noch im selben Jahr Nico Williams zur Welt kam. Die Familie lebte in einer Sozialwohnung.
Vater Felix zog es für einige Jahre nach London, wo er einen Job an der Stamford Bridge bekam. In dieser Zeit übernahm Inaki eine wichtige Rolle für seinen jüngeren Bruder Nico, entwickelte sich zu einer Vaterfigur.
Er half als Schiedsrichter aus und half seinen Eltern dabei, für Einkommen zu sorgen. Trotz harter Arbeit reichte das Geld kaum aus. Die Familie lebte in Armut, bekam Kleidung von der Kirche.
Erst Anfang der 2010er Jahre sollte sich das harte Leben für sie drastisch ändern. Inaki Williams gab 2013 sein Debüt für die Reserve von Athletic Bilbao in der 3. Liga Spaniens, am 6. Dezember 2014 debütierte er für die Profis in La Liga.
Familie Williams: Fußball als Rettungsanker
Ein Durchbruch, der viel mehr bedeutet hat als den Beginn einer Profikarriere. "Es bedeutete, meinen Vater aus London zurückzubringen, meine Familie nach zehn Jahren wieder zu vereinen", berichtete Inaki Williams.
Auch für seinen Bruder ein wichtiger Meilenstein. Denn die Rückkehr von Vater Felix brachte Stabilität in die zuvor auseinandergerissene Familie.
Nico Williams legte ebenfalls einen beeindruckenden Weg in Bilbao hin, kam 2021 zu seinem Debüt und absolvierte seitdem 199 Partien für die stolzen Basken. Oft steht er dabei gemeinsam mit seinem Bruder auf dem Feld.
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Nico Williams: Durchstarter und Top-Talent
Im September 2022 gab der heute 24-Jährige sein Debüt für die spanische Nationalmannschaft. Bei der Europameisterschaft in Deutschland spielte er auf, als hätte er bereits 100 Länderspiele auf dem Buckel.
Seine Spielweise verkörpert all das, was den Eltern und den Williams-Brüdern in der Kindheit noch über weite Strecken fehlte: Leichtigkeit und Unbeschwertheit. Bei den großen Turnieren verzückte der Linksaußen nicht nur die spanischen Fans.
Nico Williams bringt alles mit, was es für einen Flügelspieler auf höchstem Niveau braucht. Er ist schnell, entwickelt einen enormen Zug zum Tor und kann Eins-gegen-eins- oder gar Eins-gegen-zwei-Duelle für sich entscheiden.
Sein Abschluss ist gut, in den 199 Partien für Bilbao traf er immerhin 37-mal. Seine 37 Vorlagen zeigen zudem, dass er ein Auge für seine Mitspieler hat. Das vermutlich einzige, was dem Rechtsfuß noch fehlt, ist die Konstanz - während einer Saison, aber auch innerhalb der 90 Minuten.
Seine Entscheidungsfindung ist aus taktischer Sicht nicht immer optimal. Das zeigte sich auch wieder bei dieser WM. Nur sind gerade der Mut und die Spielfreude, die er auf den Platz bringt, Gründe dafür, dass er so begeistert.
Wie geht es weiter für Nico Williams?
Ihm das zu nehmen, wäre falsch. Nico Williams ist ein Fußballer, der sehr intuitiv handelt und nicht nach Anweisungen vom Reißbrett. Solche Fußballer benötigt ein Team.
Natürlich wird es für die weitere Zukunft darum gehen, seine Fähigkeiten zu optimieren und sein Spielverständnis weiterzuentwickeln - ihn gleichzeitig aber nicht seiner unbekümmerten Art zu berauben.
Immer wieder gab es in der Vergangenheit Gerüchte, dass er Bilbao verlassen könnte. Er entschied sich aber für den Verbleib. In der abgelaufenen Saison hatte er immer wieder mit Leistenproblemen zu kämpfen. In 32 Einsätzen gelangen ihm "nur" sechs Tore und sieben Vorlagen.
Auch bei der WM kam er lange nicht in Fahrt, hatte dann im Finale aber den entscheidenden Geistesblitz. Trotz einiger Leistungsschwankungen steht ihm die Tür zu einer großen Karriere offen. Die Frage ist eher wann und nicht ob er irgendwann zu einem großen Klub wechseln wird.
Mit seinem Kopfball im WM-Finale hat er weiter an einer Geschichte geschrieben, die ihresgleichen sucht.
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