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Schach

Schach-Weltmeister Blübaum? "Kein Szenario, von dem wir ausgehen sollten"

Veröffentlicht:

von Kevin Obermaier

Matthias Blübaum nimmt am Kandidatenturnier für die WM 2026 teil.

Bild: Sportfoto Rudel


Beim Kandidatenturnier wird der Herausforderer für Schach-Weltmeister Gukesh gesucht. Wird es mit Matthias Blübaum ein Deutscher? Bundestrainer Jan Gustafsson sieht im ran-Interview nur geringe Chancen.

Am Samstag beginnt das Kandidatenturnier, bei dem acht Schachspieler den Herausforderer für Gukesh bei der Weltmeisterschaft 2026 ermitteln.

Mit Matthias Blübaum ist erstmals seit Robert Hübner 1991 wieder ein deutscher Kandidat dabei.

Schach-Bundestrainer Jan Gustafsson beurteilt im ran-Interview die Chancen des 28-Jährigen – und ordnet den Wert der Weltmeisterschaft ein, an der mit Magnus Carlsen der weltbeste Spieler nicht mehr teilnehmen möchte.

Das Interview führte Kevin Obermaier

ran: Matthias Blübaum hat sich als erster Deutscher seit 1991 für das Kandidatenturnier qualifiziert. Wie hoch ist diese Leistung einzuschätzen?

Jan Gustafsson: Die Leistung ist super. Dass es gerade Matthias ist und nicht Vincent Keymer – damit hat keiner so richtig gerechnet, auch er selbst nicht. Aber er ist ein sehr starker Spieler und hat sich enorm verbessert. Wir freuen uns alle sehr. Das macht die Weltmeisterschaft aus deutscher Sicht noch einmal spannender.

ran: Wann hatten Sie als Bundestrainer das letzte Mal Kontakt mit ihm? Wie geht es ihm, ist er nervös?

Gustafsson: Da darf ich nicht allzu viel zu sagen, das ist ja immer allerhöchste Geheimhaltungsstufe vor so wichtigen Turnieren (lacht). Aber soweit ich weiß, geht es ihm gut.

Schach-WM: Blübaum für Gustafsson nur "Außenseiter"

ran: Sie waren schon Sekundant für Magnus Carlsen bei einem WM-Match. Wie sieht die Vorbereitung auf so ein großes Turnier aus? Wie viele Stunden am Tag verbringt man vor dem Computer?

Gustafsson: Das ist ein bisschen individuell. In der Regel werden Teams zusammengestellt, zwei bis vier Helfer. Die treffen sich dann irgendwo und arbeiten den ganzen Tag. Nicht so 9-to-5-mäßig, aber irgendwelche Computer laufen immer. Für den Spieler selbst ist es wichtig, dass er nicht zu sehr ausbrennt vor dem Turnier, dass er mental und körperlich fit ist, dass ein paar Pausen drin sind. Die Eröffnungsarbeit wird meistens von anderen Leuten gemacht. Aber ein paar Trainingslager werden die schon gemacht haben.

ran: Blübaum hat erst im Januar beim Turnier in Wijk aan Zee Weltmeister Gukesh und Anish Giri geschlagen. Vor etwa zwei Wochen meinten Sie trotzdem, seine Chancen beim Kandidatenturnier lägen nur bei etwa drei Prozent. Warum gerade drei – und ist die Zahl mittlerweile etwas nach oben gegangen?

Gustafsson: Da hat sich nicht viel getan. Wenn man ein paar Monte-Carlo-Simulationen macht, also rein nach der Elo-Zahl, dann stehen seine Siegchancen etwa so bei 1,8 Prozent. Natürlich ist er da Außenseiter. Die Zahl sollte etwas höher sein, weil er große Namen schlagen kann und vielleicht noch etwas underrated ist. Ich dachte, drei Prozent wären eine faire Einschätzung – hoffe aber natürlich, dass ich völlig falsch liege.

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Schach-WM: "Es gibt keine schwachen Gegner"

ran: Zu welcher Taktik, zu welcher Eröffnung würden Sie ihm gerade zu Turnierbeginn raten? Seine ersten drei Kontrahenten heißen Wey Yi, Javohir Sindarov und Andrei Jessipenko – die zumindest nach Elo-Zahl schwächsten Gegner. Dabei hat Blübaum zweimal Weiß. Volle Attacke – oder würde das gar nicht zu seinem Stil passen?

Gustafsson: Es gibt ja keine schwachen Gegner: Wey Yi ist die Nummer 8 der Welt, Sindarov hat den Weltpokal gewonnen und wurde Zweiter in Wijk aan Zee, Jessipenko hat auch beim Weltpokal gezeigt, wie stark er ist. Das sind alles Weltklasse-Leute. Blübaum soll seinen Stil spielen, solange er da stabil bleibt und gut vorbereitet ist, werden die Chancen kommen – vor allem, weil er ja auch Letzter der Setzliste ist und die anderen gehen ihn ins Risiko gehen werden. Das ist ein 14-Runden-Turnier, ich würde also nicht gleich am Anfang volles Risiko gehen – erstmal reinzukommen, ist wichtig.

ran: Wer sind Ihre Favoriten beim diesjährigen Kandidatenturnier?

Gustafsson: Der Konsens-Favorit ist Fabiano Caruana, der schon ein WM-Match gespielt hat und immer stark bei Kandidatenturnieren ist. Bei meinen Prognosen habe ich ihm etwa 33 Prozent gegeben, mehr ist bei einem Feld mit lauter Topspielern auch schwierig. Hikaru Nakamura ist natürlich spannend, weil er zuletzt nicht so aktiv war und man bei ihm nie so weiß, wie wichtig ihm gerade die Vorbereitung ist. Ihn würde ich niedriger einschätzen als Fabiano, bei etwa 21 Prozent. Und der Mann der Stunde im Schach ist Sindarov, ihn sehe ich so bei 17 Prozent. Er ist für viele ein Geheimfavorit, weil er auch einen etwas aggressiveren Stil hat.

ran: Gukesh schwächelt ein bisschen, hat seit Jahresbeginn schon sechs klassische Partien verloren. Sehen wir 2026 noch einen anderen Weltmeister – vor allem, falls sich einer der Favoriten in Zypern als Gukeshs Herausforderer qualifiziert?

Gustafsson: Man sollte nicht zu viel hineininterpretieren, wie Gukesh gerade in normalen Turnieren spielt. Er hat schon beim letzten WM-Match gezeigt, wie nervenstark er ist. Und diese Erfahrung – Weltmeister zu sein und sich schon einmal auf ein solches Match vorbereitet zu haben – ist schon immer auch ein wichtiger Faktor. Im Moment sieht es aber natürlich nicht so aus, als wäre er Favorit gegen alle anderen, die Elo-Zahl lügt ja auch nicht. Insofern ist es ein besonderes Kandidatenturnier, weil kein Magnus Carlsen als Endgegner wartet, sondern Gukesh, der im Moment etwas menschlicher wirkt.

Keymer und Co.: Bundestrainer freut sich über "Topspieler"

ran: Welchen Wert hat der Weltmeistertitel im klassischen Schach überhaupt noch, wenn mit Carlsen der noch immer beste Spieler der Welt nicht an der WM teilnimmt?

Gustafsson: Natürlich ist es eine merkwürdige Situation – aber was soll man machen? Für mich sind das immer noch die wichtigsten Turniere: das Kandidatenturnier und das WM-Match. Und Schachweltmeister der wichtigste Titel. Auch wenn Carlsen nicht dabei ist, schmälert das ja nicht die Leistung der anderen. Und nur weil sich Carlsen dazu entschieden hat, seinen Titel nicht mehr zu verteidigen, kann die Schachwelt ja nicht aufhören zu existieren.

ran: Mit Vincent Keymer hätte sich fast auch ein zweiter Deutscher fürs Kandidatenturnier qualifiziert. Er hat sich in den Top 5 der Welt etabliert. Glauben Sie, er wird es irgendwann in ein Kandidatenturnier und gar in ein WM-Match schaffen?

Gustafsson: Ich glaube, beim Kandidatenturnier stehen die Chancen gut, das ist ja alle zwei Jahre mit acht Teilnehmern. Vincent ist mit 21 immer noch sehr jung und wird eine lange Karriere haben, er ist in der Weltspitze schon angekommen. Er ist in seiner Altersklasse aber nicht der Einzige – Gukesh, Alireza Firouja, Pragnanandhaa, Sindarov, Nodirbek Abdusattorov, Arjun Erigaisi … ich vergesse bestimmt einige. Das ist eine unglaublich starke Generation mit lauter potenziellen Weltmeistern. Natürlich hoffen wir, dass Vincent sich da durchsetzt. Aber zu prognostizieren, er wird mit Sicherheit Weltmeister, finde ich auch immer unseriös.

ran: Kann man dank Blübaum und Keymer von einem Schach-Boom in Deutschland sprechen? Und welche Bedeutung für den Sport hierzulande hätte ein deutscher WM-Herausforderer?

Gustafsson: Das ist jetzt kein Szenario, von dem wir ausgehen sollten. Ich höre das alle paar Jahre: Jetzt ist Schach-Boom. Aber wie bemisst man das? Das ist ja auch immer ein strukturelles Ding. Ich freue mich für Matthias, dass er jetzt die Aufmerksamkeit kriegt, die ihm zusteht. Vincent sowieso. Und ich freue mich, dass wir solche Topspieler haben.

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