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David Schumacher zur DTM: "Die Situation ist für Timo Glock bestimmt belastend"

Veröffentlicht:

von Andreas Reiners

ran racing DTM

DTM: Motorsport vom Feinsten! Der legendäre Norisring liefert ab

Videoclip • 02:46 Min


Der schwere Unfall am Norisring hat bei David Schumacher Erinnerungen geweckt. Im Interview spricht der Rennfahrer und ran-Experte über den Umgang mit Angst, seine Halbzeitbilanz, das Sorgenkind Timo Glock und warum ihn der deutsche Nachwuchs beunruhigt.

Das Interview führte Andreas Reiners

Der schwere Unfall am Norisring hat die DTM erschüttert und bei David Schumacher sofort die eigene Vergangenheit hochgeholt. "Mir kam sofort mein Unfall in Hockenheim in den Kopf, bei dem ich mir einen Wirbel gebrochen habe", sagt er im ran-Interview.

Schumacher weiß also, wovon er spricht. Er kennt den Weg zurück ins Cockpit nach mehrmonatiger Zwangspause, das mulmige Gefühl in den ersten Runden und den Moment, in dem es verschwindet. "Sobald das Visier oder die Tür zugeht, hört das Nachdenken auf", sagt der Rennfahrer und ran-Experte. Eine Sicherheitsdebatte über den Norisring hält er trotzdem für überflüssig.

Im Interview zieht Schumacher zudem Halbzeitbilanz, spricht über den Titelkampf, Sorgenfälle wie Timo Glock und erklärt, warum ihn beim Blick auf den deutschen Nachwuchs die größte Sorge umtreibt.

Schumacher: Wenn der eigene DTM-Crash wieder hochkommt

ran: David Schumacher, der Horrorunfall vom Norisring wirkt noch nach. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das gesehen haben?

David Schumacher: Das ist erst einmal ein Schockmoment für alle. Mir kam sofort mein eigener Unfall in Hockenheim in den Kopf, bei dem ich mir einen Wirbel gebrochen habe. Damals ist auch der Motor herausgerissen worden. Zum Glück sind wir glimpflich davongekommen. Umso erleichternder, dass auch jetzt letztlich alle mehr oder weniger glimpflich davongekommen sind. Paul steht eine längere Reha bevor. Ich kann ihm nur die besten Genesungswünsche mitgeben und hoffe, dass er bald wieder im Auto sitzt.

ran: Wie geht man als Rennfahrer mit so einem Unfall um?

Schumacher: Es ist immer wieder eine Überwindung, sich danach wieder ins Auto zu setzen. Je nach Verletzung dauert es auch eine gewisse Zeit, bis das überhaupt möglich ist. Bei mir hat es fast fünf Monate gedauert. Ich habe aber direkt nach der Diagnose auf mein Comeback hingearbeitet. Sobald der Motor läuft, schaltet der Kopf komplett auf Rennmodus. Uns ist allen bewusst, dass Motorsport kein ungefährlicher Sport ist. Man darf sich davon aber nicht beherrschen lassen. Wenn die Angst dauerhaft im Kopf ist, sollte man aufhören.

ran: Wie lange hängt einem so etwas als Fahrer nach?

Schumacher: Bei mir nicht besonders lange. Während der Reha kommt der Crash natürlich immer wieder in den Hinterkopf. Aber sobald ich wieder gefahren bin und den Spaß zurückhatte, war das vergessen.

ran: Hat man danach mehr Respekt, oder ist es, als wäre nie etwas passiert?

Schumacher: Vielleicht tastet man sich in den ersten Runden vorsichtiger heran, aber das verschwindet schnell. Man sagt ja oft: Sobald das Visier oder die Tür zugeht, hört das Nachdenken auf. Dann konzentriert man sich nur noch auf das, was man am besten kann: das Fahren.

ran: Ist ein Mentaltrainer hilfreich, um so etwas zu verarbeiten? Und wird Mentaltraining generell wichtiger?

Schumacher: Das hängt sehr von der Person ab. Ich habe es selbst ausprobiert, für mich war es aber keine große Hilfe. Man muss wirklich daran glauben und sich darauf einlassen. Grundsätzlich spielt mentale Stärke im Motorsport aber eine sehr wichtige Rolle: ruhig bleiben, sich fokussieren, mit Druck umgehen. Wer einen Zugang zum Mentaltraining findet, dem kann es auf jeden Fall helfen.

ran: Sehen Sie nach diesem Unfall eine Sicherheitsdebatte am Norisring?

Schumacher: Das kommt nicht nur am Norisring vor, es gibt kaum eine Strecke, auf der es noch nie einen schweren Unfall gab. Auf jeder Eintrittskarte steht schließlich: "Motorsport is dangerous." Ob es speziell am Norisring lag, wage ich zu bezweifeln. Nach allem, was ich gehört habe, soll eine Ölspur die Ursache gewesen sein. So etwas kann auch auf einer normalen Straße passieren, das würde ich nicht auf den Norisring schieben.

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Schumacher: Verletzungsrisiko am Norisring nicht höher ein als anderswo

ran: Stadtkurse gelten als besonders gefährlich. 2017 gab es einen schweren Crash, und Sie waren dabei, als 2022 nur noch wenige Autos ins Ziel kamen.

Schumacher: Ja, ich war dabei. Von 30 Autos sind am Ende, wenn ich mich richtig erinnere, nur noch zehn übrig geblieben. Das zeigt, wie anspruchsvoll der Norisring ist. Trotzdem würde ich daraus nicht ableiten, dass die Strecke grundsätzlich unsicher ist. Durch das Streckenlayout kann dort zwar schneller etwas passieren, aber das Verletzungsrisiko schätze ich nicht höher ein als anderswo. Man darf auch nicht vergessen: Früher sind wir Safety-Car-Restarts noch nebeneinander gefahren statt im Single-File. Das hat das Risiko zusätzlich erhöht.

ran: Wir sind bei der Saisonhalbzeit: Was hat Sie positiv überrascht?

Schumacher: Vor allem Aston Martin mit Nicki Thiim. Das Team war auf dem Lausitzring und dem Norisring richtig stark, damit hatte ich nicht gerechnet. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein riesiger Schritt. Das gilt auch für Ford und HRT, denn das neue Evo-Paket hat uns weitergeholfen. Schön, dass nicht nur die deutschen Hersteller vorne mitfahren, sondern auch die vermeintlichen Exoten das Potenzial haben, um den Titel mitzukämpfen.

ran: Finn Wiebelhaus ist der Durchstarter der Saison. Sie kennen ihn. Was zeichnet ihn aus?

Schumacher: Finn kenne ich seit rund zwei Jahren, damals war er mein Teamkollege im GT Masters. Ein zurückhaltender, sehr angenehmer junger Mann, der sich kontinuierlich gesteigert hat. Er ist richtig stark unterwegs, teilweise sogar schneller als Arjun Maini. Ich bin gespannt, was von ihm noch kommt. Er hat definitiv einen großen Schritt gemacht.

Schumacher: "Haben das unterschätzt"

ran: Es ist ein schmaler Grat: Respekt verschaffen, ohne es zu übertreiben. Ist Wiebelhaus da auf dem richtigen Weg?

Schumacher: Finn konnte sich zwei Jahre lang gezielt auf die DTM vorbereiten, erst im GT Masters, dann in der GT World Challenge, wo rund 90 Prozent der DTM-Piloten mitfahren. Eine ideale Vorbereitung. Er ist bisher nicht durch unüberlegte Manöver aufgefallen, geht die Sache sehr kontrolliert an. Bei mir war das anders: Wir sind ohne große Vorbereitung in die DTM eingestiegen, hatten kaum Testtage und haben das unterschätzt. Das war im Nachhinein ein Fehler.

ran: Die etablierten Fahrer reagieren auf einen jungen Fahrer, der sich so Respekt verschaffen will, etwas verschnupft, oder?

Schumacher: Ja, ich bin das damals einfach falsch angegangen. Ich kam aus dem Formelsport und dachte, ich kann später bremsen und kompromisslos reinhalten, so wie aus dem Kartsport gewohnt. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Ich war übermütig und habe einiges an Blechschäden verursacht. Zum Glück habe ich daraus meine Lehren gezogen. Heute gehe ich deutlich erfahrener und klüger an Zweikämpfe heran.

ran: Was hat Sie in der bisherigen Saison negativ überrascht?

Schumacher: Tatsächlich Lamborghini - zumindest bevor der ADAC mit den Anpassungen eingriff. Bei einem Hersteller mit so viel Erfahrung, der auf das Know-how von Audi und Porsche zurückgreifen kann, hätte ich solche Probleme nicht erwartet. In den ersten Rennen waren sie praktisch nicht konkurrenzfähig.

ran: Woran lag das Ihrer Meinung nach?

Schumacher: Vor allem an der fehlenden Entwicklungszeit. Wenn ein neues Auto erst wenige Monate vor Saisonbeginn fertig wird, fehlt schlicht die Zeit, es ausreichend zu testen und weiterzuentwickeln. Dann ist es sehr schwer, von Beginn an konkurrenzfähig zu sein.

ran: Was ist bei Lamborghini noch möglich?

Schumacher: Da kommt noch einiges. Ich bin überzeugt, dass Lamborghini irgendwann wieder um den Titel mitfahren wird. Wann, wird sich zeigen.

ran: Timo Glock kämpft wieder mit vielen Defekten. Ist das alles nur Pech?

Schumacher: Zwei-, dreimal wäre Pech. Passiert es deutlich häufiger, weiß ich nicht, ob man das noch so nennen kann. Wenn es technische Ausfälle sind, die nicht durch Kontakt oder einen Einschlag verursacht wurden - und das macht Timo ja nicht -, dann hat das normalerweise nichts mit dem Fahrer zu tun. Da gibt es andere technische Ursachen im Hintergrund.

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Schumacher über Glock: "Die zweite Phase hilft seinem Image nicht"

ran: Hätte er sich das Comeback lieber sparen sollen?

Schumacher: Ich glaube, Timo würde heute selbst sagen, dass er es lieber bei der ersten DTM-Zeit belassen und sich das Comeback gespart hätte. Die zweite Phase hilft seinem Image nicht. Wenn man ständig hinter dem Teamkollegen liegt, Defekte hat und das Auto nicht funktioniert, beginnt man irgendwann zu zweifeln, ob es doch an einem selbst liegt, selbst wenn das nicht stimmt. Die Situation ist für Timo bestimmt belastend.

ran: Kann ihm noch einmal die Wende gelingen?

Schumacher: Auf jeden Fall. Wenn Team und Fahrer sich einig sind, dass sich diese Probleme nicht wiederholen dürfen, kann sich das verbessern. Ich bin mir sicher, dass beide Seiten hart daran arbeiten, die Ausfälle zu reduzieren und die technischen Probleme in den Griff zu bekommen. Ob es gelingt, ist aber schwer vorherzusagen. Ich kenne die internen Abläufe nicht.

ran: Sehen Sie im Titelkampf schon eine Tendenz?

Schumacher: In der DTM kann man den Titelkampf bis zum letzten Rennen nicht seriös vorhersagen. Selbst Fahrer auf Platz zehn oder elf können am Ende noch eine realistische Chance haben. Das Blatt kann sich sehr schnell wenden.

ran: Nicki Thiim ist der Mann der Stunde. Kann Aston Martin die Form konservieren?

Schumacher: Schwer zu sagen, denn durch die Balance of Performance ist ohnehin kaum vorhersehbar, welcher Hersteller wann vorn ist. Ich glaube aber, dass Aston Martin den Weg weitergehen kann. Das Team macht einen sehr guten Job, ich traue ihnen zu, das Niveau bis Saisonende zu halten.

ran: Maro Engel und Lucas Auer sind vorne dabei und waren vor allem 2025 nah dran am Titel. Spielt das eine Rolle?

Schumacher: Der größte Unterschied ist, dass der Ehrgeiz dadurch noch einmal größer wird. Beide haben den letzten Schritt nie geschafft. Entsprechend groß ist jetzt der Wille, sich endlich zum Meister zu krönen.

ran: Mit Blick auf Oschersleben: Wer könnte im Vorteil sein?

Schumacher: In den vergangenen Jahren war der Porsche dort immer sehr stark. Oschersleben ist eng und technisch, das kommt Fahrzeugen mit Mittel- oder Heckmotor entgegen. Deshalb würde ich vor allem Ferrari oder Lamborghini gute Chancen ausrechnen.

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DTM: "BoP aus Fahrersicht frustrierend"

ran: Zuletzt gab es wieder BoP-Diskussionen, etwa durch Marco Wittmann. Ist es das übliche Säbelrasseln?

Schumacher: Die BoP war immer ein Thema und wird es immer sein. Aus Fahrersicht ist das frustrierend, aber wir haben keinen Einfluss. Auch für die Verantwortlichen ist die Einstufung schwierig, weil im freien Training niemand seine wahre Stärke zeigt: Das eine Team fährt mit viel Sprit und neuen Reifen, das nächste mit wenig, andere drosseln die Leistung oder nutzen andere Tricks. Eine Lösung wäre eine verpflichtende Vorqualifikation unter identischen Bedingungen - gleiche Spritmenge, neue Reifen, keine Spielräume. Solange es die nicht gibt, verschwinden die Diskussionen nie ganz.

ran: Die BoP ist ein hochpolitisches Thema. Kann öffentliche Kritik wie die von Wittmann die Einstufung beeinflussen?

Schumacher: Nein. BMW tut sich schwerer, weil sie mit einem serienmäßigen Turbolader fahren müssen. Dadurch haben sie heute weniger Möglichkeiten, die Motorleistung gezielt zu beeinflussen. Früher hatte BMW im Qualifying oft Probleme, war im Rennen dafür extrem stark. Marco ist bei uns bei ran nicht umsonst der "Comeback King". Man darf aber nicht vergessen, warum es die BoP gibt: Ohne sie beginnt wieder ein Wettrüsten, und ein Auto kostet dann nicht mehr eine Million, sondern fünf oder sechs pro Saison. Das würde Hersteller abschrecken und am Ende Arbeitsplätze und Cockpits kosten. Deshalb bin ich grundsätzlich ein Befürworter der BoP.

ran: Der Norisring war ausverkauft, der Zuspruch bleibt groß. Was macht die DTM besser als andere Serien?

Schumacher: Der ADAC hat einen sehr guten Job gemacht, die Präsentation ist gelungen, die Fanzonen kommen an. Der größte Pluspunkt ist die Nähe zu den Fans: Im Fahrerlager kann man den Fahrern direkt begegnen, ein Foto oder Autogramm bekommen. In der Formel 1 kommt man oft nicht mal in die Nähe. Dazu sind die Rennen meist spannend, mit vielen Zweikämpfen und auch mal etwas „Kleinholz". Das macht die Serie attraktiv.

ran: Deutet sich eine Kehrtwende im deutschen Motorsport an?

Schumacher: Ich hoffe es. Motorsport hat hier leider immer noch den Ruf, umweltschädlich zu sein. Dabei tut der ADAC viel für Nachhaltigkeit. Die DTM fährt inzwischen mit synthetischen Kraftstoffen, das verbessert die CO₂-Bilanz deutlich. Trotzdem bleibt es in Deutschland schwierig, Motorsport gesellschaftlich und politisch positiv zu positionieren. Ich hoffe, dass wieder mehr Menschen Interesse entwickeln und der Sport für Sponsoren attraktiver wird. Ohne deren Unterstützung wird es schnell schwierig, denn Motorsport bleibt sehr kostenintensiv.

Schumacher: "Das größte Warnsignal ist für mich der deutsche Nachwuchs"

ran: Gibt es auch Warnsignale, auf die man unbedingt achten muss?

Schumacher: Das größte Warnsignal ist für mich der deutsche Nachwuchs. In den vergangenen Jahren hat sich die Situation leider verschlechtert. In der Nachwuchsförderung muss Deutschland wieder mehr investieren. Früher waren die Deutsche Formel 3 und die ADAC Formel 4 Topserien. Wer nach oben wollte, musste dort fahren. Heute fehlt die Stufe zwischen Kartsport und dem GT Masters, wo man schon GT3-Autos mit rund 550 PS fährt. Direkt aus dem Kart dorthin ist ein riesiger Sprung. Es fehlt eine Entwicklungsstufe dazwischen.

ran: Woran liegt es, dass diese Nachwuchsserien nicht mehr existieren?

Schumacher: Vor allem am Geld. Außerdem gibt es keine Formel-1-Strecken mehr im Kalender. Weil Hockenheim und der Nürburgring nicht mehr Teil der Formel 1 sind, müssen Nachwuchsfahrer sie auch nicht mehr kennenlernen. Früher wechselten sich beide als F1-Austragungsorte ab und waren entsprechend auch Teil der ADAC Formel 4 und anderer starker Serien.

ran: Die DTM wäre doch eine gute Plattform, um so etwas wieder aufzubauen.

Schumacher: Grundsätzlich schon. Aber wenn die Nachfrage fehlt, bringt auch die beste Plattform wenig. Solange es neben der DTM keine weiteren großen Rennserien gibt, die regelmäßig auf deutschen Strecken fahren, wird es aus meiner Sicht schwierig, eine solche Nachwuchsserie erfolgreich zu etablieren.

ran: Wer ist gefordert?

Schumacher: In erster Linie der Staat. In Österreich unterstützt Red Bull den Red Bull Ring, dadurch gastiert die Formel 1 dort. In Deutschland müsste der Nürburgring meines Wissens rund 60 Millionen Euro Antrittsgebühr zahlen. Das kann ein Streckenbetreiber nicht aufbringen, erst recht nicht mit drohendem Verlust. In Ländern wie Ungarn übernimmt der Staat diese Kosten. Genau das fehlt hier. Solange sich daran nichts ändert, bleibt es schwer, große internationale Rennserien zurückzuholen.

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