- Anzeige -

Basketball

NBA - Die 65-Spiele-Regel: Eine Farce, die aufhören muss

Veröffentlicht:

von Ole Frerks

ran NBA Basketball

NBA: Liebes-Aus bei Luka Doncic - Superstar droht Sorgerecht-Streit

Videoclip • 01:15 Min


Vor drei Jahren führte die NBA ein neues Regelwerk ein, mit dem das lästige Load Management adressiert werden sollte. Gerade die aktuelle Saison zeigt jedoch: Die 65-Spiele-Regel bringt mehr Schaden als Nutzen, und könnte die Award-Saison womöglich ins Lächerliche ziehen. Dummerweise sieht das die wichtigste Figur der NBA augenscheinlich anders.

Adam Silver ist ein Meister der Nicht-Antwort. Wenn es ihm dient, kann der Commissioner der NBA bei jeder Frage auf einer Pressekonferenz den Eindruck erwecken, diese ernst zu nehmen, sie höflich und ausführlich zu beantworten – und am Ende eigentlich nichts Konkretes von sich zu geben. Es ist eine Fähigkeit, die man in dieser Position vermutlich beherrschen muss.

Umso lauter wirken im Gegenzug die konkreten Antworten, die Silver von Zeit zu Zeit ebenfalls gibt. Ende März etwa: Angesprochen auf die 65-Spiele-Regel, die da bereits in der Kritik stand und von der Spieler-Union offiziell angefochten wurde, sagte Silver, dass sie seiner Meinung nach durchaus ihren Zweck erfülle.

"Wir wussten immer, dass es, wenn wir eine Linie ziehen, jemanden geben würde, der auf der falschen Seite der Linie landet", erklärte Silver damals. "Vielleicht fühlt sich das in einem bestimmten Fall unfair an. […] Wir müssen uns aber auch daran erinnern, dass, wenn ein Spieler rausfällt, ein anderer ein All-NBA-Team erreichen wird. Deswegen bin ich nicht bereit, mich hier hinzustellen und zu sagen, dass sie nicht funktioniert. Ich denke, sie funktioniert."

Wenige Wochen später dürfte er diese Meinung erst recht exklusiv halten.

NBA: Weg mit der "Willkür"

Der Aufhänger damals war Cade Cunningham; der Pistons-Star war dabei, sein Team zur besten Bilanz im Osten zu führen, galt als Kandidat für das First Team – bis er in seinem 61. Saisonspiel nach fünf Minuten vom Court musste, aufgrund eines kollabierten Lungenflügels. Sofort war klar, dass er nicht rechtzeitig für 65 Spiele zurückkehren würde.

Die Spieler-Union klagte, es sei ein Unding, dass eine "willkürliche" Regel nun dazu führte, dass einer der prägenden Spieler der Saison von sämtlichen Awards ausgeschlossen wurde. Die Regel solle "abgeschafft oder reformiert" werden, so die Forderung; wobei nicht vergessen werden sollte, dass die Union der Regel bei den letzten Tarifverhandlungen zugestimmt hat.

So oder so: Silvers Antwort darauf wäre noch nachvollziehbar in einer Welt, wo bloß von Zeit zu Zeit mal ein Kandidat ausfällt. Wenn es ein eher seltenes Ärgernis wäre, eine Ausnahme. Allerdings ist ja – und das zeichnete sich auch Ende März bereits ab – eher das genaue Gegenteil der Fall.

- Anzeige -
- Anzeige -

Doncic, SGA und Co.: Eine Epidemie

Ein Blick auf die aktuell besten Spieler der Liga spricht eine klare Sprache. Luka Doncic ist bei genau 64 Spielen stehengeblieben. Anthony Edwards steht bei 60, kann sich nicht mehr qualifizieren. Nikola Jokic, Kawhi Leonard und Victor Wembanyama, der sich unlängst an der Rippe verletzte, sind mit jeweils 64 Spielen auch noch nicht über der Schwelle.

Shai Gilgeous-Alexander hat es immerhin gerade so geschafft, nachdem auch um ihn zeitweise gezittert wurde. Nimmt man Cade noch hinzu, sind damit sieben der zehn besten Spieler dieser Spielzeit fast oder vielleicht betroffen. Da lässt sich schwerlich von ärgerlichen Einzelfällen sprechen (Giannis Antetokounmpo und Stephen Curry, die jeweils eine halbe Saison verpassten, nicht mit eingerechnet).

Eine Kategorie darunter gibt es mit Devin Booker noch einen Spezialfall, der an Albernheit kaum zu überbieten ist. Auf den ersten Blick steht der Suns-Star bei 64 Saison-Spielen, sollte es also schaffen – allerdings "zählen" zwei seiner Spiele nicht, da er jeweils vor der zehnten absolvierten Minute verletzt ausgewechselt werden musste.

Dumm gelaufen: Er hätte sich einfach nur später verletzen müssen. Nach diesem Regelwerk kann er sich nun stattdessen nicht mehr qualifizieren, auch wenn am Ende bis zu 66 Einsätze in dieser Saison für ihn möglich sind.

Die nächsten-Sport-Livestreams

Adam Silver blockt ab: Was ist das Ziel?

Berichten zufolge denken die Suns darüber nach, Einspruch einzulegen, die zwei Spiele werten zu lassen. Bei Doncic soll das wohl ebenfalls passieren: Im Dezember verpasste der Slowene zwei Partien, um bei der Geburt seiner Tochter Olivia anwesend sein zu können. Vielleicht kommt er damit durch, wegen "außergewöhnlichen Umständen". Und die anderen? Ist ein kollabierter Lungenflügel nicht eigentlich auch ziemlich außergewöhnlich?

Und überhaupt: Was erreicht diese Grenze? Ursprünglich eingeführt wurde sie 2023, um Load Management zu bekämpfen. Was ein verständliches Ziel war, wofür allerdings auch andere neue Regeln eingeführt wurden, etwa die veränderte Player Participation Policy, die das Aussitzen von Star-Spielern in bestimmten Spielen ohne triftigen Grund "strafbar" macht.

Dieses Aussitzen verringern zu wollen, ist aus Liga- und Fan-Perspektive nachvollziehbar. Nur gibt es dafür bessere Hebel als diese Regel, die allzu oft die Falschen trifft. Die aktuellen Wackelkandidaten haben allesamt wegen legitimen Verletzungen Spiele verpasst, nicht deshalb, weil sie "faul" waren.

Was eine logische Konsequenz des heftigen NBA-Spielplans ist. Das aktuelle Spiel fordert den Körper mehr als etwa in den 90ern, weil die Spieler athletischer und größer sind und die Wege weiter – aufgrund des viel besseren Spacings und modernen, komplexeren Defensivstrategien sind Spieler mehr unterwegs, müssen mehr Richtungswechsel meistern, und so weiter.

Wer Pausen unter Strafe stellt, muss das Risiko weiterer Verletzungen zumindest mit einkalkulieren. Und sollte die Mindestanzahl von Spielen, die für Awards qualifizieren, mindestens tiefer ansetzen – oder im besten Fall vollkommen aufheben, wie es vor 2023 ebenfalls bereits der Fall war.

NBA: Es trifft die Falschen

Auch ohne die Regel würde beispielsweise ja niemand in dieser Spielzeit ernsthaft Curry (41 Spiele) oder Giannis (36) für ein All-NBA-Team wählen, da beide zwar sehr gut, aber schlichtweg nicht genug gespielt haben, die Saison dadurch auch nicht entsprechend prägen konnten.

Bei Joker, Wemby oder Doncic ist aber ja das Gegenteil der Fall – neben SGA sind sie die prägenden Akteure dieser Spielzeit. Das lässt sich recht anschaulich mit der Metrik Estimated Wins (von dunksandthrees.com) darstellen, die berechnen soll, wie viele Siege der jeweilige Spieler seinem Team im Vergleich zu einem "neutralen" Spieler hinzufügt.

Das wäre die Top 15 dieser Spielzeit (Rang, Spieler, Estimated Wins, Absolvierte Spiele:

  • 1. Shai Gilgeous-Alexander: 18,2 Estimated Wins bei 68 absolvierten Spielen

  • 2. Nikola Jokic: 16,8 Estimated Wins bei 64 absolvierten Spielen

  • 3. Luka Doncic: 15,1 Estimated Wins bei 64 absolvierten Spielen

  • 4. Victor Wembanyama: 14,8 Estimated Wins bei 64 absolvierten Spielen

  • 5. Kawhi Leonard: 13,1 Estimated Wins bei 64 absolvierten Spielen

  • 6. Kevin Durant: 13 Estimated Wins bei 76 absolvierten Spielen

  • 7. Derrick White: 12,8 Estimated Wins bei 75 absolvierten Spielen

  • 8. Donovan Mitchell: 12,4 Estimated Wins bei 70 absolvierten Spielen

  • 9. Tyrese Maxey: 11,9 Estimated Wins bei 67 absolvierten Spielen

  • 10. Jamal Murray: 11,6 Estimated Wins bei 75 absolvierten Spielen

  • 11. Chet Holmgren: 11,1 Estimated Wins bei 69 absolvierten Spielen

  • 12. Cade Cunningham: 10,9 Estimated Wins bei 62 absolvierten Spielen

  • 13. Amen Thompson: 10,7 Estimated Wins bei 77 absolvierten Spielen

  • 14. Jalen Duren: 10,1 Estimated Wins bei 69 absolvierten Spielen

  • 15. Kon Knueppel: 10,1 Estimated Wins bei 79 absolvierten Spielen

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr NBA-Videos

Eine Gefahr bleibt

Es gibt schlichtweg keine Rechtfertigung dafür, Spielern, die ihren Teams unabhängig von ihren absolvierten Spielen offensichtlich mehr "Wert" geliefert haben als alle anderen NBA-Akteure, nicht die Möglichkeit zu geben, einen Award zu gewinnen, nur weil sie ein Spiel zu wenig absolviert haben. Zumal mit dieser Grenze ja auch noch eine Gefahr einhergeht.

Wembanyama hat sich in einem der letzten Saisonspiele eine Rippenprellung zugezogen. Die Spurs haben den Second Seed im Westen sicher, OKC können sie nicht mehr kriegen. Es wäre der optimale Zeitpunkt, um einen Extra-Tag Pause zu nehmen, um topfit in die Playoffs zu gehen. Jeder NBA-Fan möchte Wemby vor allem dort in Topform sehen.

Stattdessen wird er mit großer Sicherheit versuchen, in einem der letzten zwei (bedeutungslosen) Spiele der Spurs für wenigstens 20 Minuten auf dem Court zu stehen – und sich hoffentlich nicht noch einmal verletzen.

65-Spiele-Regel: Der Zweck wird nicht erfüllt

Es gäbe eine recht einfache Lösung für dieses Problem. Die Regel abschaffen und den Votern zutrauen, selbst zu gewichten: Sind 64 Wemby-Spiele mehr oder weniger wert als 76 Spiele von beispielsweise Scottie Barnes? Kann Cade mit 62 Spielen das First Team schaffen, oder fällt er im Vergleich zu anderen Kandidaten ein wenig ab? Es ist möglich, diese Fragen zu beantworten. Es bringt sogar deutlich mehr Spaß!

Nüchtern betrachtet erfüllen die Awards und insbesondere die All-NBA-Teams vor allem zwei Zwecke. Einerseits belohnen sie Spieler; wenn diese im richtigen Jahr etwas gewinnen, können sie sich für höhere Verträge qualifizieren, mehr vom Salary Cap verdienen. In der aktuellen Version werden allerdings nachrückende Spieler für diese "Supermax"-Verträge qualifiziert, die eigentlich nicht zu den 15 besten Spielern der Liga zählen – was ihren Teams langfristig nicht wirklich hilft.

Und was zum anderen, historisch wichtigeren Zweck führt. Die Awards und All-NBA-Teams sollen widerspiegeln, welche Spieler die jeweilige Saison am meisten dominiert und geprägt haben. Selbst Adam Silver würde aber wohl beispielsweise nicht behaupten, dass jemand diese Saison defensiv mehr dominiert hat als Victor Wembanyama – 65 Spiele hin oder her.

Die Regel funktioniert nicht. Vielmehr verzerrt sie das Bild an der Liga-Spitze und gefährdet schlimmstenfalls sogar Spieler. Es ist höchste Zeit, sie wieder abzuschaffen.

Mehr NBA-News

- Anzeige -
- Anzeige -