WM 2026
WM 2026 - Julian Nagelsmann am Scheideweg: Ein Turnier mit ordentlich Druck auf dem Kessel
Veröffentlicht:
von Justin Kraftran Fußball
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Videoclip • 04:24 Min
Julian Nagelsmann steht bei der WM 2026 deutlich stärker unter Druck als noch vor zwei Jahren - und auch für den DFB könnte das Turnier schnell zum Albtraum werden.
Im Januar 2025 traf der DFB ohne große Not eine sehr große und bedeutsame Entscheidung: Julian Nagelsmann verlängerte seinen Vertrag als Bundestrainer bis zur Europameisterschaft 2028.
Ein Vertrauensvorschuss, für den es durchaus Argumente gab. Nagelsmann hatte etwas geschafft, was seinem Vorgänger Hansi Flick und zuvor auch Joachim Löw in seinen letzten Jahren nicht mehr gelungen war: Fußball-Deutschland hinter sich und der Nationalmannschaft zu vereinen.
Wobei Fußball-Deutschland hier ein mutiger Begriff ist. Natürlich gibt es da keine homogene Masse, die dieselbe Meinung vertritt. Das würde den Job als Bundestrainer wohl um ein Vielfaches einfacher machen. Stattdessen gibt es viele Einzelmeinungen und gerade rund um die Turniere traditionell viel Skepsis und Kritik.
Aber Nagelsmann ging damit gut um und schaffte es, trotz einer sportlich durchschnittlichen Europameisterschaft, das eigene Land wieder etwas zu euphorisieren. Die Nationalmannschaft interessierte viele wieder. Nur rund zwei Jahre später ist die Situation anders.
Nagelsmann steht deutlich mehr unter Druck. Die Erwartungshaltung im Land ist eine andere als 2024. Damals ging kaum jemand davon aus, dass ein erfolgreiches Turnier möglich ist. Doch das Land sehnt sich nach Erfolg und der Bundestrainer hat mit seiner jüngsten Kommunikation und mit seinen Kaderentscheidungen nicht gerade für Ruhe gesorgt.
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WM 2026: Nagelsmann unter kritischer Beobachtung
Im Gegenteil: Der Druck auf Nagelsmann ist so groß, wie er es bisher noch nicht war. Die Rückkehr von Manuel Neuer und die damit automatisch verbundene Degradierung von Oliver Baumann. Die Nicht-Nominierungen mancher Top-Talente in Gegenüberstellung zur Nominierung von etablierteren Spielern, deren Leistung aber in den letzten Monaten und Jahren zu wünschen übrigließ.
Entscheidungen, die aus Sicht von Nagelsmann für sich genommen alle begründbar sind. Und wenn wir ehrlich sind, hätte der Bundestrainer auch kaum einen Kader nominieren können, bei dem alle zufrieden gewesen wären – oder auch nur 80 Prozent. Am Ende sind es Entscheidungen, die zu seiner Idee von Fußball passen und die er mit schlüssigen Argumenten rechtfertigen konnte.
Doch unpopuläre Entscheidungen, egal wie gut sie begründet sind, führen dazu, dass die Offenheit für solche Argumente eher gering ist. Nagelsmann eckt an. Nicht, weil er das gern so macht oder weil er provozieren will. Sondern weil er sich sehr viele Gedanken über das Gesamtpuzzle seines Kaders macht.
Diese Gedanken drehen sich eben nicht nur darum, wer gerade in den Vereinen die beste Form hat. So funktioniert ein Nationalmannschaftskader nicht. Das viel besungene Leistungsprinzip ist nur ein sehr kleiner Teil der Entscheidungen, die ein Bundestrainer treffen muss. Da geht es auch um Spielertypen, das taktische System und die Dynamik in der Kabine. Darum, wer welche Rolle bei einem Turnier akzeptieren kann und wie viele Spieler von einer bestimmten Sorte es innerhalb eines Kaders braucht.
Es geht auch darum, wie die Positionen 21 bis 26 besetzt werden, die bei einem großen Turnier oft kaum bis gar keine Spielzeit bekommen. Und dann geht es auch nicht darum, Talente für die Zukunft auszubilden, sondern die Frage zu beantworten: Welcher Kader erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit in diesem Sommer?
WM 2026: Nagelsmanns Fluch des guten Vereinstrainers
Nagelsmann war schon immer ein Trainer, der solche Entscheidungen intensiver bedenkt als andere. So sehr, dass ihm manchmal nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen wird, er denke zu viel nach.
Manchmal, so hat es den Anschein, ist er zu sehr Vereinstrainer, der ein Team viel komplexer auf die Herausforderungen einstellen kann. Aber als Nationaltrainer ist jede taktische Anpassung nochmal bedeutsamer, jede Korrektur auf dem Feld ein Abwägen aus Gewohnheit und neuen Reizen.
Der Bundestrainer ist überzeugt von seiner Anpassungsfreudigkeit und seinem Hang zur Korrektur. So sehr, dass er in Interviews manchmal exakt das etwas zu sehr heraushängen lässt: Ich habe mir Gedanken gemacht, vertraut mir doch einfach.
Momente, die nicht selten als Arroganz missinterpretiert werden. In denen er alle spüren lässt, dass er mehr weiß als die, die ihn kritisieren. Was einerseits nachvollziehbar ist, andererseits aber auch den Eindruck erweckt, er sei in den letzten Monaten zunehmend etwas dünnhäutiger geworden, wenn er kritisiert wurde.
Mit all den Entscheidungen, die jetzt für Unruhe gesorgt haben, bündelt er die Kritik automatisch auf sich. Dass es nicht immer einfach ist, wenn eine ganze Nation es besser wissen will, liegt auf der Hand. Vielleicht geht all das auch gut. Vielleicht führt das dazu, dass die Mannschaft befreiter aufspielen kann und Nagelsmann retrospektiv noch bessere Argumente für sein Handeln haben wird. Es würde seine Position enorm stärken.
Vielleicht aber wird auch das passieren, was viele befürchten: Die Mannschaft scheidet früh aus. Und dann kann all das, was in den letzten Wochen für Unruhe gesorgt hat, schnell auf Nagelsmann zurückfallen. Unabhängig davon, ob es mit den Spielern, die vielerorts gefordert wurden, wirklich besser gelaufen wäre, hätte sich der 38-Jährige die Zielscheibe bereits jetzt um den Hals gehangen.
Zumal der Turnierbaum mit möglichen frühen Duellen mit Norwegen oder etwa Frankreich das Potenzial für ein frühes Scheitern erhöht. Auch die Gruppe ist mit der Elfenbeinküste und vor allem den extrem defensivstarken Ecuadorianern nicht zu unterschätzen.
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Nagelsmann geht aufs Ganze - DFB hofft auf guten Ausgang
Nagelsmann geht aufs Ganze und scheut dabei kein Risiko. Das zeichnet ihn aus und macht ihn zu einem Trainer, der bereits in jungen Jahren sehr viel auf höchstem Niveau erlebt hat. Die Frage aber ist, was passiert, wenn sich dieses Risiko mal wieder nicht auszahlen sollte.
Ein nicht nur unerfolgreiches, sondern auch fußballerisch zähes Turnier würde die Stimmung, die Nagelsmann und das Team 2024 noch auf ihre Seite gezogen haben, schlagartig wieder umdrehen und Fußball-Deutschland zurück in die Zeit davor befördern.
Der DFB hätte derweil nicht allzu viel Spielraum. Finanziell sind die Möglichkeiten begrenzt und mit der frühzeitigen Vertragsverlängerung hat man sich auf Nagelsmann festgelegt. Wie sehr wird der Verband zu seiner Entscheidung im Januar 2025 noch stehen, sollte dieses Turnier ein großer Misserfolg werden? Und wie sehr wird er die Verlängerung damals bereuen?
Diese WM in Nordamerika bedeutet damit nicht nur für Nagelsmann großen Druck. Sie könnte für die nächsten zwei bis vier Jahre alles und nichts beim DFB verändern. Womöglich sogar intensiver als vergangene Turniere.
Sie könnte auch für den Bundestrainer viel verändern. Ist er nicht erfolgreich, wäre das nach dem FC Bayern bereits die zweite Station, bei der ihm der große Durchbruch auf höchstem Niveau nicht gelingt. Auf der anderen Seite stehen die Chancen. Ein erfolgreiches Turnier würde den Protagonisten vor dem Hintergrund der aktuellen Unruhe und Kritik wohl umso besser schmecken.
Fakt ist: Schon früh in der K.-o.-Phase drohen sehr schwere Aufgaben. Mit einem Achtel- oder Viertelfinale wird man die Stimmung in Deutschland diesmal wohl nicht umdrehen können. Und das erhöht die Brisanz rund um Nagelsmann nochmal mehr.
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