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WM 2026: Rune Bratseth über das Phänomen Erling Haaland - "Fußballspieler oder Torschütze?"

Veröffentlicht:

von Christian Stüwe

ran Fußball

WM 2026: Großes Herz! Haaland tröstet Familie nach Tragödie

Videoclip • 01:23 Min


Rune Bratseth erklärt im ran-Interview, worauf es für Norwegen im Viertelfinale gegen England ankommen wird. Die Werder-Bremen-Legende spricht über den Superstar Erling Haaland und erklärt, wie man gegen Harry Kane verteidigen muss. Auch zu den Problemen im deutschen Fußball hat er eine klare Meinung.

Erstmals überhaupt steht Norwegen im Viertelfinale einer Weltmeisterschaft.

Die Mannschaft von Trainer Ståle Solbakken trifft am Samstag auf England (23:00 Uhr im ran-Liveticker), das Spiel wird im Zeichen des Duells der beiden Star-Stürmer Erling Haaland und Harry Kane stehen.

Werder-Legende Rune Bratseth spricht im Interview mit ran über das Phänomen Haaland und erklärt, was die Norweger so stark macht.

Eine klare Meinung hat der 65 Jahre alte frühere Abwehrspieler zu den Problemen im deutschen Sport und dem Trump-Infantino-Skandal bei der WM.

ran: Rune Bratseth, Norwegen steht erstmals bei einer WM im Viertelfinale. Was macht die aktuelle Mannschaft so stark?

Rune Bratseth: Wir haben eine sehr starke Kultur in der Mannschaft, die Spieler haben sehr viel gemeinsam erlebt. Die Mannschaft hat mit Trainer Ståle Solbakken die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2022 und die Europameisterschaft 2024 verpasst. Trotzdem konnte er diese Kultur aufbauen, niemand hat ihn kritisiert. Wir sind es gewohnt, uns nicht zu qualifizieren, weshalb es einfacher ist, dem Trainer etwas Zeit zu geben. Und das hat sich gelohnt. Man sieht, dass die Stimmung hervorragend ist, die Mannschaft spielt auf einem sehr hohen Niveau. Und es zahlt sich natürlich aus, dass man Ausnahmekönner in der Mannschaft hat.

ran: Sie meinen vermutlich Erling Haaland

Bratseth: Erling Haaland schießt Tore, ohne viele Chancen zu haben. Das ist sehr ungewöhnlich, das ist einfach sein Instinkt. So einen Spieler zu haben, ist fantastisch für die norwegische Mannschaft. Aber es ist nicht nur Haaland. Es gibt in der Mannschaft kaum personelle Veränderungen, alle kennen das System, die Abläufe funktionieren. Wir haben viele technisch gute Spieler, die den Ball in den eigenen Reihen halten können. Die Mannschaft schafft es immer wieder, sich viele Chancen herauszuspielen und man hat immer das Gefühl, dass Norwegen ein Tor schießen kann. Norwegen hatte gegen Brasilien 66 Prozent Ballbesitz, das ist wirklich unglaublich.

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Rune Bratseth: "Der Druck liegt bei England"

ran: Ist Haaland der beste Spieler, den Norwegen jemals hatte?

Bratseth: Ja, das ist er. Aber es ist auch verrückt. Ist er ein Fußballspieler, oder ist er ein Torschütze? Verstehen Sie, wie ich das meine? Er ist fast nie am Ball. Ich weiß nicht, wie viele Ballkontakte er gegen Brasilien hatte. Auch wenn er für Manchester City aufläuft, berührt er den Ball vielleicht neun Mal in 90 Minuten und schießt zwei oder drei Tore. Er verschwendet keine Kräfte mit anderen Dingen, als in die richtige Position zu kommen und Tore zu schießen. Er sagt selbst, dass er nicht weiß, warum das so gut funktioniert. Das ist sehr ungewöhnlich. Natürlich ist auch Martin Ødegaard ein Ausnahmekönner, obwohl er nicht auf seinem höchsten Niveau spielt im Moment. Er war bei Arsenal oft verletzt. Aber jetzt, während der Spiele bei der WM, kommt er immer besser in Schwung. Er ist noch nicht ganz der Alte, aber auf dem Weg dahin.

ran: Am Samstag steht das Viertelfinale gegen England an. Wie sehen Sie die Chancen, dass Norwegen es ins Halbfinale schafft?

Bratseth: Ich denke, die Chancen stehen jetzt bei fast allen Spielen 50:50. In solchen Spielen hängt immer auch viel von Pech und Glück ab. Jetzt, in den letzten Spielen der WM, muss man das Glück einfach ein bisschen auf seiner Seite haben. Viele unserer norwegischen Spieler kennen die englischen Spieler aus der Premier League. Sie wissen, dass wir gegen sie bestehen können. England ist vielleicht nicht der hohe Favorit, aber sie gehen als Favoriten in das Spiel. Der Druck liegt bei ihnen, nicht bei Norwegen. Aus dieser Position heraus kann Norwegen überraschen. Ich denke, die Chancen stehen gut.

ran: Das Spiel ist natürlich auch ein Duell zwischen Erling Haaland und Harry Kane, zwei der besten Stürmer der Welt. Wird es entscheidend sein, welche Mannschaft den gegnerischen Stürmer besser in den Griff bekommt?

Bratseth: Ja. Ich denke, das kann man schon sagen. Beide sind unterschiedlich in ihrer Spielweise, aber beide sind unglaubliche Torjäger. Wenn sie eine Chance bekommen, ist es meistens auch ein Tor. Das ist völlig verrückt. Harry Kane hat eine super Saison beim FC Bayern gespielt. Beide Mannschaften werden versuchen, die gegnerischen Stürmer zu kontrollieren. Aber das ist unheimlich schwer, weil es auf beiden Seiten auch viele andere Spieler gibt, die Tore schießen können. Ich weiß nicht, wer bei England in der Innenverteidigung spielen wird. Aber Marc Guehi und John Stones kennen Haaland natürlich gut, weil sie mit ihm bei Manchester City spielen.

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Solbakken hat beim 1. FC Köln zu wenig Zeit bekommen

ran: Eine Frage an Sie als früheren Abwehrspieler: Wie stoppt man Harry Kane?

Bratseth: (lacht) Das schafft man wahrscheinlich nicht alleine. Man muss gut gestaffelt stehen und versuchen, so gut wie möglich das Spiel zu lesen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Innenverteidiger ein bisschen zu ungestüm sind. Denen fehlt ein bisschen die Ruhe, um die Spielsituation besser zu lesen. Oft sind sie ein bisschen zu nah dran. Ich würde mehr Abstand halten, um besser eingreifen zu können. Norwegens Innenverteidiger Torbjörn Heggem hat mich einmal angerufen, als er noch ganz jung war. Er kommt auch aus Trondheim, ich habe ihm ein paar Tipps gegeben. Ich habe ihm gesagt, dass er nicht da ist, um Feuer zu löschen. Stattdessen muss er verhindern, dass überhaupt ein Feuer ausbricht. Wenn es erst brennt, hast du etwas falsch gemacht. Kristoffer Ajer, Heggems Kollege in der Innenverteidigung, rutscht oft in Gegenspieler rein. Ich sage immer: Fußball spielt man im Stehen, nicht im Liegen. Gegen Brasilien hat er mit so einem Tackling einen Elfmeter verursacht. Das war völlig unnötig, in der Situation zu grätschen. Das ist das, was ich mit ungestüm meine. Sie müssen die Ruhe bewahren.

ran: Sie haben schon Trainer Solbakken angesprochen. In der Bundesliga hat es für ihn beim 1. FC Köln nicht so gut funktioniert. Was zeichnet ihn als Norwegens Trainer aus?

Bratseth: Wenn ein Trainer aus Norwegen nach Köln kommt, den niemand kennt, dann bekommt er keine Zeit. Beim FC Kopenhagen hat er die Zeit bekommen, eine Mannschaft zu entwickeln. Bei Norwegen auch. Er hat eine klare Spielidee, die wurde intensiv eingeübt – mit einer Mannschaft, in der es wenig personelle Veränderungen gibt. Er hat viel Temperament und sorgt für gute Stimmung. Die Mannschaft respektiert ihn, das ist ganz, ganz wichtig.

Rune Bratseth (l., mit Mexikos Juan Ramirez) nahm für Norwegen 1994 an der Weltmeisterschaft in den USA teil.

Bild: WEREK


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Bratseth wundert sich: "Was läuft falsch in Deutschland?"

ran: Sie selbst haben als Spieler 1994 an der WM in den USA teilgenommen. Norwegen ist damals sehr knapp in der Gruppenphase ausgeschieden. Wie sind ihre Erinnerungen an das Turnier?

Bratseth: Das war natürlich ein fantastisches Erlebnis. Wir hätten nie gedacht, dass wir uns qualifizieren könnten. Wir hatten eine unheimlich schwere Qualifikationsgruppe mit den Niederlanden, England, Polen, der Türkei und San Marino. Wir haben die Gruppe gewonnen, was ein riesiger Erfolg war. Bei der WM lief es in den Gruppenspielen dann auch nicht so schlecht. Aber es war unglaublich heiß. Wir waren damals besser in der Abwehr als im Angriff und sind im Mittelfeld unheimlich viel gelaufen. Und das war bei 40 Grad fast nicht möglich. Letztlich waren wir nicht gut genug, aber wir hatten auch ein bisschen Pech. Alle Mannschaften hatten am Ende vier Punkte und wir sind wegen des Torverhältnisses ausgeschieden. Das war schade, aber keine Katastrophe.

ran: Norwegen hat sich in der letzten Jahren zu einer sehr erfolgreichen Sportnation entwickelt, die nicht nur im Fußball große Erfolge feiert, sondern unter anderem auch im Wintersport und in der Leichtathletik. Mit Magnus Carlsen kommt der vielleicht beste Schachspieler der Geschichte ebenfalls aus Norwegen. Woran liegt das?

Bratseth: Golf nicht zu vergessen. Viktor Hovland hat gerade die Traveler Championship gewonnen. Ich würde die Frage gerne umdrehen. Was ist los in Deutschland? Da klappt nicht mehr viel. Bei den Olympischen Winterspielen hat Deutschland neun Medaillen im Rodeln und Bob gewonnen. Aber ansonsten? Auch im Fußball. Deutschland ist so ein großes Land, wo es eigentlich so viele Talente geben müsste. Was läuft da falsch? Kai Havertz ist ein super Spieler, keine Frage. Aber in einer Fußballnation wie Deutschland müssten eigentlich fünf, sechs unterschiedliche Stürmer zur Auswahl stehen.

Beim FC Bayern spielen Harry Kane, Michael Olise und Luis Diaz vorne. Davor war es Robert Lewandowski. Wer war der letzte deutsche Torjäger? In einem Land mit so vielen Menschen muss man das besser machen.

Rune Bratseth

Bratseth vermisst deutsche Torjäger

ran: Aber was macht Norwegen konkret anders?

Bratseth: Kinder in Norwegen betreiben viele unterschiedliche sportliche Aktivitäten. Diese Vielseitigkeit, während man aufwächst, ist sehr, sehr wichtig. Man sollte sich nicht zu früh spezialisieren. Ich glaube, dass es eine wissenschaftliche Untersuchung gab, die sogar aus Deutschland kam, die gezeigt hat, dass durch diese Vielseitigkeit viele Talente entstehen. Ich finde es ein bisschen traurig, dass es in Deutschland derzeit nicht funktioniert. Meine drei Kinder sind in Bremen geboren, wir hoffen immer, dass es für Deutschland gut läuft.

ran: Jürgen Klopp wird nun aller Voraussicht nach die deutsche Nationalmannschaft übernehmen. Kann mit ihm als Bundestrainer die Wende gelingen?

Bratseth: Man macht es sich ein bisschen zu einfach, wenn man alles auf Julian Nagelsmann schiebt. Er konnte nur auf die Spieler zurückgreifen, die ihm zur Verfügung standen. Wo war die Auswahl an Offensivspielern? Beim FC Bayern spielen Harry Kane, Michael Olise und Luis Diaz vorne. Davor war es Robert Lewandowski. Wer war der letzte deutsche Torjäger? In einem Land mit so vielen Menschen muss man das besser machen. Ich hoffe, dass es bald wieder besser wird.

ran: Bei der WM gab es zuletzt einen Skandal, weil die FIFA die Rot-Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun zur Bewährung ausgesetzt hat, nachdem US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Präsident Gianni Infantino angerufen hat. Wie bewerten Sie diese Situation?

Bratseth: Das kann man nur auf eine Weise sehen: Es ist völlig verrückt! Was Infantino in seiner Rolle als FIFA-Präsident macht, ist völlig daneben. Der Vorfall ist noch ein weiterer Beweis dafür, das ist grausam. Leider ist die Welt voll von Narzissten, die in Positionen kommen, die sie nicht haben sollten. Alles dreht sich nur um sie selbst, das ist das Problem. Mit dem amerikanischen Präsidenten ist es genau das gleiche. Wir dürfen uns unseren Sport nicht kaputt machen lassen.

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