Zur Ran Startseite
Heute Live
- Anzeige -

Tennis

Alexander Zverev in Wimbledon: "Er hat das alte Bild von sich selbst zerstört"

Veröffentlicht:

von Andreas Reiners

:newstime

Zverev verrät Geheimnis über seine Tochter

Videoclip • 01:08 Min • Ab 12


French-Open-Sieger – und doch ein Mann mit offenen Rechnungen. In Wimbledon kam Alexander Zverev nie über das Achtelfinale hinaus. Doch Paris kann Türen öffnen, weil Zverev das alte Bild von sich selbst zerstört hat.

Der eine Fluch ist besiegt. Endlich. Es hat ja auch lange genug gedauert.

In Paris hat Alexander Zverev seinen ersten Grand-Slam-Titel geholt, die Frage, die ihn jahrelang verfolgte – gewinnt er überhaupt jemals einen? –, ist verstummt. Doch mit Wimbledon wartet schon der nächste Schatten seiner beeindruckenden Vita: Dort kam der 29-Jährige bislang nie über das Achtelfinale hinaus.

Warum?

Die Antwort liegt im Spitzentennis seltener im Arm als im Kopf. Und bei kaum einem Profi gilt das so sehr wie bei Zverev. "Ich würde sogar sagen, dass bei ihm sehr viel über den Kopf läuft", sagt Sportpsychologe Matthias Herzog bei ran. "Er ist ein extremer Perfektionist, der versucht, nahezu alles rational zu lösen. Genau darin liegt gleichzeitig eine seiner größten Stärken, aber auch eine seiner Schwächen."

Perfektionismus könne helfen, Weltklasseleistungen zu erreichen, sagt Herzog. "Wird er aber zu stark, entsteht schnell Verkrampfung. Dann wird alles analysiert, kontrolliert und durchdacht, anstatt einfach laufen zu lassen." Das Ergebnis ist das Bild eines Topspielers, der "permanent in seinem eigenen Film ist", sagt Herzog.

Alexander Zverev war selbst sein schwerster Gegner

Über Jahre saß Zverevs schwerster Gegner deshalb nicht auf der anderen Seite des Netzes, sondern in ihm selbst. Da stand er sich selbst im Weg. Wenn die Dinge nicht liefen, kamen die Selbstzweifel. Niederlagen haben ihn belastet. Dazu gab es die unsichtbare Last, endlich diesen einen großen Titel gewinnen zu müssen – ein Druck, der nicht immer nur pushte, sondern vor allem auch lähmte.

"Doch Zverev hat Paris gewonnen, weil er in genau den Momenten stark blieb, in denen er früher oft zerbrochen wäre. Und genau das macht diesen Titel so groß. Zverev hat nicht einfach ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Er hat das alte Bild von sich selbst zerstört", erklärt Herzog.

Ein befreiender Erfolg, ein richtungsweisender.

Er spielte in Paris nicht mehr, um Fehler zu vermeiden, sondern um zu gewinnen. Er hörte auf, sich in jedem Fehler selbst anzuklagen. Für einen Kontrollmenschen wie ihn ist das ein gewaltiger Schritt. Dazu hatte er vor längerer Zeit sein Spiel umgestellt, agiert nun deutlich offensiver. Auch das ist für einen Kontrollmenschen wie Zverev "brutal schwer". Denn eigentlich will er Struktur und Sicherheit.

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr Videos


Alexander Zverev spielt jetzt erwachsener

"Aber Grand-Slam-Titel gewinnt man nicht nur mit Sicherheit. Man gewinnt sie mit Mut. Früher wollte Zverev oft perfekt spielen. Jetzt spielt er erwachsener", sagt Herzog. "Und das ist der eigentliche Durchbruch."

Eine große Herausforderung bleibt aber das Verhältnis zum deutschen Publikum. Trotz Olympiagold, trotz Weltklasse über Jahre inklusive Paris-Triumph wird er hier nicht so geliebt wie zum Beispiel ein Boris Becker.

Weshalb er in Paris nicht nur gegen Cobolli kämpfte, oder gegen sich selbst, sondern auch "gegen Jahre voller Zweifel, Spott, Kritik und fehlender Anerkennung", so Herzog. Zverev musste sich die Liebe oft härter erarbeiten als andere. "Vielleicht war genau das ein Teil seines Antriebs. Kämpfen für ein Land, das ihn bisher nicht so umarmt hat, wie er es sportlich verdient hätte."

Über allem liegt ein Thema, das er bislang lieber umschifft: die Vorwürfe zweier Ex-Freundinnen, die ihm gewalttätiges Verhalten vorgeworfen hatten. Zverev hat die Vorwürfe immer zurückgewiesen. Bewiesen wurde nie etwas, ein Gerichtsverfahren wurde eingestellt - Zverev ist juristisch unschuldig.

Alexander Zverev: Kampf um die Zuneigung des Publikums

Darum geht es aber nicht nur. "Die Diskussion um die Vorwürfe aus seinem Privatleben überlagert vieles andere", sagt der Psychologe. Das Problem sei nicht mehr nur die Faktenlage, sondern der Umgang damit. Wer in Interviews gereizt reagiere oder ein Gespräch abbreche, wie Zverev mit der "L’Equipe", verstärke Vorurteile nur. "Erst wenn er offener damit umgeht, hat er die Chance, wirklich die Sympathien zu gewinnen", glaubt Herzog.

Auch Becker hatte Zverev zuletzt dazu geraten. "Vielleicht sollte er auch da versuchen, damit etwas offener, offensiver umzugehen, weil sonst hören da die Kritiker nicht auf", sagte der 58-Jährige im gemeinsamen Podcast mit der früheren Top-Ten-Spielerin Andrea Petkovic.

"Du kannst als Superstar im Tennis - und das ist jetzt Sascha Zverev - nicht so tun, als gebe es dein Privatleben nicht", sagte Becker. Er wisse "als deutlich älterer Leidender", worum es dabei gehe.

Boris Becker: Ihm wurde viel verziehen

Becker ist ein gutes Beispiel dafür, was die Menschen verzeihen, wenn sie jemanden in ihr Herz geschlossen haben. "Zverev dagegen wirkte schon früh deutlich unnahbarer. Er war für viele deutsche Fans weniger greifbar", meint Herzog. Ein Showman ist er ebenfalls nicht, daneben kommt seine Art, bei Niederlagen hin und wieder seltsam anmutende Ausreden zu suchen.

"Menschen bewerten nicht nur das Verhalten eines Sportlers, sondern immer auch die Person, die sie in ihm sehen. Wenn ein Spieler als sympathisch wahrgenommen wird, werden Fehler häufig relativiert. Wenn jemand dagegen als arrogant oder unnahbar gilt, wird jede weitere Kontroverse schnell als Bestätigung dieses Bildes verstanden", erklärt Herzog. Deshalb sei es für Zverev wichtig, an seiner Außenwirkung zu arbeiten. "Mehr Nahbarkeit, mehr Offenheit und vielleicht auch mehr persönliche Einblicke könnten helfen."

Denn den Menschen geht es nicht immer nur um Ergebnisse, sondern auch um das Persönliche. Wie jemand mit Kritik umgeht, wie über ihn gesprochen wird und wie er sich in schwierigen Situationen verhält.

"Es geht um Persönlichkeit, Außenwirkung und Vertrauen. Und genau dort liegen die Gründe, warum er trotz seiner sportlichen Erfolge bis heute deutlich stärker polarisiert als viele andere Spitzensportler", erklärt Herzog.

- Anzeige -
- Anzeige -

Die kommenden Livestreams

  • Bald verfügbar

    Heute, 22:00 Uhr • Fussball

    Das aktuelle Sportstudio im Livestream

    Verfügbar auf Joyn

    60 Min

    Bald verfügbar

    Heute, 22:00 Uhr • Fussball

    Das aktuelle Sportstudio im Livestream

    Verfügbar auf Joyn

    60 Min

  • Bald verfügbar

    Heute, 22:00 Uhr • WWE

    WWE Smackdown im Stream

    Verfügbar auf Joyn

    160 Min

    Bald verfügbar

    Heute, 22:00 Uhr • WWE

    WWE Smackdown im Stream

    Verfügbar auf Joyn

    160 Min


Der menschlichere Zverev

Seit Paris ist Zverev aber auf einem guten Weg. "Der Triumph hat ihn auf jeden Fall ein Stück weit menschlicher wirken lassen", sagt Herzog. Man habe gespürt, wie viel Druck von ihm abgefallen sei. Und es gab schon vorher Momente echter Offenheit. Als Zverev über mentale Probleme sprach, über Zweifel, über schlaflose Nächte vor wichtigen Spielen.

"Das war ein bemerkenswerter Schritt", sagt der Psychologe. Viele Spitzensportler täten sich damit schwer. "Wenn er über sein Innenleben spricht, über Zweifel oder schlaflose Nächte, dann macht ihn das greifbarer. Das sind Momente, in denen die Menschen einen anderen Zverev sehen können."

Die eigentliche Prüfung komme aber erst noch: "Die entscheidende Frage wird sein, ob diese Offenheit auch dann bestehen bleibt, wenn die nächsten schwierigen Phasen kommen."

Alexander Zverev: Wimbledon als Prüfung

Das könnte schon in Wimbledon so weit sein. Das Turnier, das eigentlich zu ihm passen müsste, ist über Jahre sein Sorgenkind geblieben.

Genau deshalb sind die kommenden beiden Wochen so spannend. Macht er einen weiteren Schritt, sowohl sportlich als auch persönlich? Zum Auftakt in Runde eins wartet am Dienstag der Belgier Alexander Blockx. "Wenn er nun in Wimbledon überzeugt, wäre das ein starkes Signal. Dann könnte man durchaus argumentieren, dass sich bei ihm etwas verändert hat – nicht nur im Spiel, sondern auch im Kopf", sagt Herzog.

Wimbledon muss kein Schatten in seiner Vita bleiben, stellt Herzog klar: Er müsse genau das tun, was ihn in Paris stark gemacht habe: mutiger eröffnen, schneller nachsetzen, variabler denken, früher entscheiden. Oder anders gesagt: "Der neue Zverev passt besser nach Wimbledon als der alte."

Damit auch der nächste Fluch besiegt werden kann.

Mehr Tennis-News

- Anzeige -
- Anzeige -