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NFL: Der unwahrscheinliche Weg von "Tokyo Toe" Kansei Matsuzawa zum Draft
Veröffentlicht:
von Gianluca FraccalvieriNFL
NFL Draft: Pittsburgh wirft sich in Schale und stößt auf Kritik
Videoclip • 01:29 Min
Kansei Matsuzawa geht als einer der spannendsten Kicker in den diesjährigen NFL Draft. Dass er überhaupt an diesem Punkt steht, zeugt von unglaublicher Willenskraft und Hingabe.
Die völlig unwahrscheinliche Reise von Kansei Matsuzawa zum NFL Draft begann vor rund zehn Jahren mit einem schweren Rückschlag. Der Japaner fiel zweimal durch die Aufnahmeprüfung bei seinem Wunsch-College in Tokio, bei dem er den Traum vom Profifußballer weiterleben wollte. Dieser geplatzte Zukunftsplan warf ihn aber so sehr aus der Bahn, dass er zwei Jahre lang plan- und antriebslos durchs Leben trottete.
"Ich war am absoluten Tiefpunkt. Ich hatte nichts. Ich wollte in Japan nichts mehr machen", erinnerte er sich gegenüber "ESPN" an diese Zeit. Sein Vater konnte das Leiden seines Sohnes irgendwann nicht mehr mitansehen und schickte ihn auf eine zweiwöchige Solo-Reise in die USA, auf der er seinen Horizont erweitern und eine neue Berufung finden sollte.
Dass er diese Berufung schließlich im Oakland Coliseum fand, hätte sich sein Vater wohl nie träumen lassen. Ohne je Berührungspunkte mit dem Football oder der NFL gehabt zu haben, kauft der 19-Jährige sich aus Neugier ein Ticket für ein Heimspiel der Raiders gegen die Los Angeles Rams. Er sprach wenig Englisch, kannte die Regeln nicht und verstand entsprechend wenig vom Spiel. Dennoch wusste er nach dem Spielende, dass er auch eines Tages in einem solchen Stadion spielen will.
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Matsuzawa: Tagsüber Steakhouse, abends Training im Park
Auf welcher Position das sein sollte, war aufgrund seiner Fußball-Vergangenheit auch klar. Nach seiner Rückkehr nach Japan führte sein erster Weg in einen American-Football-Store, in dem er zwei Bälle und einen Kicking Stick erwarb. Anschließend schaute er sich auf YouTube stundenlang Videos des Seattle-Seahawks-Kickers Jason Myers an und versuchte, dessen Technik zu kopieren.
Spätabends, nachdem alle Kinder schon zuhause waren, schlich er sich dann in einen beliebten Park in der Nähe und trainierte das online Gesehene wieder und wieder. Dieser Gang in den Park wurde zu seinem Ritual, der Park zu seinem Trainingsplatz. Rasen gab es zwar nicht, dafür aber Fangnetze.
Während es so die Nächte hindurch heimlich an seinem NFL-Traum feilte, arbeitete er tagsüber von 8 Uhr morgens bis 18 Uhr abends in einem Steakhouse. Er wusste, dass er für diesen Traum viel Geld benötigen würde, und schnitt sich daher sogar selbst seine Haare, um noch mehr zu sparen.
Nach rund einem Jahr merkte er dann aber, dass er ein besseres Trainingsumfeld benötigt, um den nächsten Sprung zu machen. Deshalb suchte er den Kontakt zu den Fujitsu Frontiers, einem Team aus der höchsten japanischen Footballliga, auf dessen Platz er gegen kleine Gegenleistungen trainieren durfte.
Das erste Mal in seinem Leben kam er dadurch in direkten Kontakt mit Profi-Footballern. Er lernte viel, merkte jedoch auch schnell, dass er etwas ganz Grundlegendes bei seinem Traum übersehen hatte: Bevor er in die NFL wechseln konnte, musste er erstmal aufs College in den USA.
Matsuzawa schafft es ans College
Also fertigte er ganz klassisch ein Highlight Tape an und schickte es an rund 50 Colleges in den ganzen Staaten. Antworten bekam er nur von zwei Colleges – einem in Kalifornien und dem Hocking College in Nelsonville, Ohio. Matsuzawa überlegte nicht lange und zog mit seinen Sachen nach Ohio.
"Wir haben Typen genommen, die eine Chance gesucht haben. Solange sie reinkamen und hart arbeiten wollten, war das alles, was wir brauchten. Er war einfach ein junger Mann, der eine Chance suchte", erinnerte sich der damalige Hocking-Trainer Ted Egger an den Japaner. Um ihn bei seinen Studiengebühren und seiner Miete in den USA finanziell zu unterstützen, zog seine Familie sogar in eine kleinere Wohnung.
In Nelsonville lief es allerdings nicht optimal für Matsuzawa: Das vor Ort gesprochene Englisch unterschied sich so stark von dem, was er in Japan gelernt hatte, dass er anfangs kaum etwas verstand. Und auch auf dem Platz war der Wurm drin. Er traf in der Saison nur sieben seiner zwölf Field Goals, darunter einen Gamewinner aus 50 Yards im Regen.
Das lockte nicht wie erhofft Division-I-Programme an, sodass er sich an den berühmten Kicking Instructor Chris Sailer wandte. Dieser brachte ihn zu einem nationalen Showcase in Las Vegas, wo er die Aufmerksamkeit von Hawaiis Special Teams Coordinator Thomas Sheffield auf sich zog.
Kansei Matsuzawa
Bild: ZUMA Press Wire
Matsuzawa war "wie Bart Simpson"
"Nach dem ersten Kick hab ich gesagt: 'Der Junge hat's drauf'", erinnert sich Sheffield im Interview mit "ESPN" an den Moment, als er das Tape des Japaners das erste Mal sah: "Ich hab mich sofort in den Typen verliebt. Die Geschichte, die Entschlossenheit, die Zähigkeit. Alles, was er tun musste, nur um nach Hocking College zu kommen."
Daraufhin setzte Sheffield sich für Matsuzawa ein und besorgte dem bereits 25-Jährigen ein Stipendium an der University of Hawaii. Als dieser davon erfuhr, brach er sofort in Tränen aus. "Es war eines der bewegendsten Dinge, einen Jungen zu sehen, der einfach seinem Traum folgt. Es berührt einen emotional. Es ist, als würde man zusehen, wie dein eigener Sohn einen großen Traum verwirklicht", sagte Sheffield gegenüber "CNN".
Doch auch in der ersten Saison in Honolulu gelang ihm nicht der erhoffte Durchbruch. Er traf zwar 12 seiner 16 Field-Goal-Versuche, kam aber mit dem Druck nicht gut zurecht und verlor zusehends den Spaß am Spiel. Sheffield schickte ihn daher in der Offseason zu einem Sport-Performance-Spezialisten.
Dieser riet ihm dazu, vor jedem Spiel Affirmationen in sein Tagebuch zu schreiben. "Vor Spielen schrieb er: 'Ich bin der Beste. Ich bin der Größte. Ich werde jeden Kick treffen.' Immer wieder. Es war wie Bart Simpson, der an die Tafel schreibt", erinnerte sich Sheffield. Und die Maßnahmen zeigten ihre Wirkung.
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"Tokyo Toe" wird geboren
In seiner zweiten Spielzeit war Matsuzawa wie ausgewechselt. Er eröffnete die Saison mit 25 (!) aufeinanderfolgenden Field Goals und egalisierte damit einen 43 Jahre alten FBS-Rekord. Am Ende stand er bei 27 Treffern bei 29 Versuchen, womit er landesweit auf Platz zwei aller Kicker lag. In dieser Zeit bekam er von seinem Long Snapper auch den Spitznamen "Tokyo Toe", der ihn bis heute begleitet. Seine enorme Nervenstärke stellte er auch bei den Extra Points unter Beweis: In seiner gesamten Karriere bei den Rainbow Warriors vergab er keinen einzigen Versuch (72/72).
Als Anerkennung für seine außergewöhnliche Leistung wurde er als erster Spieler der hawaiianischen Programmgeschichte zum Consensus All-American gewählt und war Finalist beim Lou Groza Award, der den besten Kicker des Jahres ehrt.
Einen ganz besonderen Moment erlebte Matsuzawa auch nach seinem Gamewinner gegen Stanford: Nach dem Sieg beglückwünschte ihn sein ehemaliges YouTube-Vorbild Jason Myers auf Instagram. "Ich hab ihn nie getroffen, aber er hat mir nach dem Field Goal gegen Stanford auf Instagram geschrieben. Das war unglaublich", sagte er bei "CNN".
NFL Draft: Matsuzawa will den finalen Schritt schaffen
Jetzt will der 27-Jährige den finalen Schritt auf seinem Weg gehen. "Es gibt viele Träume, aber seit dem ersten Tag sage ich: Ich gehe in die NFL, gewinne den Super Bowl und spiele zehn Jahre in der NFL", erklärte er.
Beim Draft Combine durfte er sich bereits vor den NFL-Teams beweisen und hat ordentlich Eindruck hinterlassen. "Jeder Coach, mit dem ich spreche, nennt ihn in einem Atemzug mit den besten Kandidaten. [...] Er ist auf Augenhöhe mit ihnen", ordnete Kicking Coach Chris Sailer seine Draft-Chancen bei "ESPN" ein.
Da Kicker ohnehin selten früh gepickt werden, gehen Mock Drafts davon aus, dass er am dritten Tag in Runde fünf bis sieben über die Theke gehen wird. In der Klasse der Kicker wird er als Top 3 bis Top 5 Prospect gehandelt.
Gegenüber seinen direkten Konkurrenten glänzt er durch seine Zuverlässigkeit und Präzision, Fragezeichen stehen aber hinter seiner Distanz und seinem Alter. Eigenen Angaben zufolge hat er 60+ Yards im Bein, konnte dies aber bisher nie in Spielen unter Beweis stellen. Einer seiner zwei Fehlversuche in der Vorsaison kam aus 50+ Yards, während er auch nur einmal aus dieser Distanz traf (52 Yards). Mit 27 Jahren ist er ebenfalls schon im fortgeschrittenen Alter, was Teams abschrecken könnte, die lieber in einen jungen Kicker investieren wollen.
Allerdings hat Matsuzawa schon in seiner ganzen Karriere Widrigkeiten getrotzt – und ihm wäre es zu wünschen, dass er jetzt auch noch den finalen Schritt schafft.
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