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Champions League

Champions League - Zwei Halbfinals, zwei Ansätze: Revolutionieren PSG, Bayern und Barca den Wettbewerb?

Veröffentlicht:

von Justin Kraft

:newstime

Neun-Tore-Drama: Alles offen für Bayern

Videoclip • 03:07 Min • Ab 12


Der FC Bayern München und Paris Saint-Germain liefern sich ein historisches Duell in der Champions League. Das wirft Fragen zur Zukunft des Fußballs auf.

Am Dienstagabend wurde die Fußballwelt, wie wir sie kennen, gehörig auf den Kopf gestellt. Mannschaften, die offensiv spielen und die Defensive weniger priorisieren als den Angriff, gab es schon immer.

Nie aber sind zwei Teams dieser Gattung in einem Halbfinale derart aufeinander losgegangen wie der FC Bayern München und Paris Saint-Germain. Neun Tore, die auch zehn, elf oder zwölf hätten sein können.

Zwei Boxer, die pausenlos aufeinander eingeprügelt haben und dabei nahezu komplett auf ihre Deckung verzichteten. Ein Spiel, das Hansi Flick vermutlich stehend vor seinem Fernseher verfolgt hat. Den Deutschen könnte man als eine Art Vorreiter betrachten.

Natürlich hat Flick den gnadenlos offensiven Vollgasfußball nicht erfunden. Aber er war in der jüngeren Vergangenheit eine prägende Figur, weil er 2020 mit furchtlosem Fußball die Champions League eroberte. Es war zugleich das letzte Mal, dass die Bayern den Titel in der Königsklasse gewannen.

Luis Enrique und Vincent Kompany sind nun zwei weitere Trainer, die in diese Kategorie fallen. Taktisch etwas strukturierter und komplexer als alles, was Flick bisher hat spielen lassen – und dennoch so offensiv, dass es ein Weltbild ins Wanken bringt, das sich über Jahrzehnte derart etabliert hat, dass es nahezu als Konsens galt: Die Abwehr gewinnt Titel.

Offensive statt Defensive: Topklubs vergessen Angst vor Gegentoren

Im Jahr 2026 muss diese These nun spätestens hinterfragt werden. Es scheint, als hätte sich der moderne Fußball zumindest in Teilen gewandelt. Trainer wie Kompany oder Enrique bauen ihre taktische Ausrichtung rund um zwei Schlüsselerkenntnisse: Erstens sind ihre Offensivreihen derart gut, dass es unsinnig wäre, sie an eine strategische Leine zu fesseln.

Warum Harry Kane, Jamal Musiala, Michael Olise und Luis Diaz in ein zu defensives System pressen, wenn ihr Potenzial so riesig ist, dass jegliche Torrekorde potenziell pulverisiert werden können? Zweitens gilt es auf diesem Niveau die Frage zu stellen, ob Spieler wie die des FC Bayern oder Paris Saint-Germain überhaupt so zu verteidigen sind, dass sie bei weniger als einem oder zwei Toren bleiben.

Gelegentlich ist das sicher möglich. Aber was viele übersehen, ist die simple Tatsache, dass diese Weltstars gegen einen tiefstehenden Gegner viel mehr Aktionen bekommen. Geht der berühmte Catenaccio auf, dann sind die Räume so eng, dass sie darin verhungern. Früher funktionierte das hin und wieder ganz gut.

Doch das ist heute seltener geworden. Teams wie Bayern oder PSG erdrücken tiefstehende Abwehrreihen förmlich und lassen sie kaum atmen. Wird der Ball verloren, greift ein aggressives Gegenpressing. Der Weg zum gegnerischen Tor ist für die verteidigende Mannschaft ungemein weit.

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Champions League: So schnell und intensiv wie nie?

In ihren heimischen Ligen gewinnen Paris und Bayern die Mehrzahl ihrer Spiele allein dadurch, dass sie eine zuvor selten gesehene Überpräsenz an Spielern in der gegnerischen Hälfte erzeugen. Fünf, teilweise sechs Spieler in letzter Reihe, zwei bis drei im zentralen Mittelfeld, die das Spiel orchestrieren und im Gegenpressing für eine zweite Welle sorgen und eine dünne Restverteidigung bestehend aus Defensivmonstern wie Dayot Upamecano oder Marquinhos.

Ausdruck einer herausragenden Dominanz. Vor allem aber sorgt diese Herangehensweise für etwas, was der Fußball der früheren Generationen oft hat vermissen lassen: Spektakel, Tore, Tempo, Unterhaltung. In einer nie dagewesenen Intensität. Denn spätestens in den K.-o.-Spielen der Champions League wichen Trainer, die in der Liga sehr offensiv haben spielen lassen, etwas von ihrer Idee ab.

Früher hieß das "Pragmatismus". Die Abwehr gewinnt eben die großen Titel. Heute dürften jüngere Generationen das in einer beschleunigten Welt mit geringerer Aufmerksamkeitsspanne eher "Langweilig" nennen. Da kommt so ein Highspeed-Duell wie das zwischen PSG und den Bayern gerade recht.

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Champions League: "Willkommen in der Zukunft"

Auf der Plattform "X" schrieb Trainer und Taktikexperte Martin Rafelt von einem "Wendepunkt im Fußball". Verteidigen sei tot, es gehe jetzt darum, den Gegner mit möglichst vielen Toren zu schlagen. Darum, "es so hart wie möglich zu machen und ein Tor mehr als der Gegner zu schießen". Gegentore wären kein Fehler, "es ist einfach Teil des Spiels".

"Willkommen in der Zukunft", schrieb er weiter. Freilich gibt es nach wie vor Gegenstimmen. Wayne Rooney sprach bei "Prime Video" beispielsweise von einer "unreifen Verteidigung" und von einem "Anfängerfehler", als er PSG dafür kritisierte, das 5:2 nicht über die Zeit gebracht zu haben.

Auch der Mittwochabend lieferte ein anschauliches Gegenbeispiel. Zwei Teams, die ihren Fokus auf Sicherheit, Stabilität, Kontrolle und Defensivstärke legen. Atletico Madrid ist seit vielen Jahren der Meister darin, Spiele zu zerstören. Im Viertelfinale gelang ihnen das gegen einen Vertreter der gnadenlosen Offensive – den FC Barcelona.

Auch Arsenal zeigt in dieser Saison, dass es nicht zwingend notwendig ist, den Gegner zu überrollen und dabei womöglich ins offene Messer zu laufen. Viele Spiele entschieden sie erst sehr spät. Nicht selten brauchten sie Standardsituationen für ihre Siege.

Schön und attraktiv ist anders, aber darum geht es im Fußball auf Spitzenlevel auch nicht – oder?

Mit Tempofußball in die Herzen der jungen Generationen?

Die Frage danach, wie gut der Fußball, den wir kennen, altern wird, ist berechtigt. Viele junge Menschen lassen sich eher von Dingen begeistern, die nicht so langatmig sind wie Fußball. Formate wie die "Kings League" und Ableger davon haben versucht, den Sport zu revolutionieren – mit überschaubarem Erfolg.

Bisher setzt sich das traditionelle Spiel durch. Die Begeisterung dafür wurde über viele Generationen weitergegeben. Schaut man sich aber an, welche Faszination und welchen Hype das 5:4 der Pariser gegen die Bayern ausgelöst hat, dann liegt der Schluss nahe, dass es auch der Sportart insgesamt hilft, wenn mehr Teams ihren vermeintlichen Pragmatismus hinter sich lassen. Wenn aus dem berühmten "Low Scoring Game" vielleicht ein "High Scoring Game" wird.

Dafür gehen Menschen ins Stadion. Dafür schauen sie die Spiele vor den TV- und Streaminggeräten. Neben dem Spektakel am Dienstagabend wirkte das Duell zwischen Atletico Madrid und dem FC Arsenal einen Tag später fast schon wie eine Folge des Sandmännchens. Dabei war auch dieses Duell hochklassig.

Allerdings gewohnt zurückhaltend, vorsichtig und bisweilen langatmig. Als würden die Offensivreihen mit leicht angezogener Handbremse agieren. Die Angst vor dem einen entscheidenden Fehler war spürbar. Anders als am Tag zuvor, als Bayern und PSG null Furcht vor Fehlern hatten und sich wie im Rausch duellierten.

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Champions League: Offensivwucht erobert Europa

Aber auch über den Gedanken der Unterhaltung hinaus bleibt die Frage, ob der Stil von PSG und den Bayern nicht zumindest für einige Klubs auch erfolgsversprechender ist als der vermeintliche Pragmatismus. Ob es nicht viel mehr Pragmatismus ist, alles auf den Teil der Mannschaft zu setzen, der herausragt: die Offensive.

Paris hat so die Champions League gewonnen und hat gute Karten, das wieder zu schaffen. Die Bayern sind so nah dran an einem internationalen Titel wie zuletzt unter Hansi Flick 2020. Und ja, es gab ein enges Halbfinale mit Real Madrid unter Thomas Tuchel, doch über zwei Duelle waren die Spanier fußballerisch damals recht deutlich überlegen. Werbung für den Tuchel'schen Defensivfußball war das nur bedingt.

Und Barcelona? Unter Flick erlebten sie eine Wiederauferstehung, die ihresgleichen sucht. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, welcher Stil für wen am erfolgreichsten ist. Jede Herangehensweise hat ihre Argumente. Spätestens seit dem Duell am Dienstagabend sollte aber der Irrglaube endlich ad acta gelegt werden, dass die großen Titel nur dann gewonnen werden können, wenn man die Abwehr priorisiert.

Wenn sich das Chaos, das Tempo und der teils wilde Schlagabtausch ungewohnt, gar falsch angefühlt haben, dann liegt das daran, dass uns über Jahrzehnte hinweg vermeintliche Tugenden für Titelgewinne als die große Wahrheit verkauft wurden. Dass einige Trainer heutzutage damit brechen, tut dem Fußball gut.

Je weniger wir darüber nörgeln, dass eine Abwehr fünf Gegentore kassiert hat und je mehr wir uns damit befassen, welche positiven Auswirkungen dieser Ansatz auf die Teams, die Fans und den Fußball als Ganzes hat, desto weniger falsch fühlt sich das an, was Paris und die Bayern am Dienstag auf den Rasen gebracht haben.

Bleibt aus neutraler Perspektive zu hoffen, dass das wirklich der Fußball der Zukunft war und die defensiven, tempolosen Abnutzungskämpfe in großen Spielen seltener werden.

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