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Nations League A

Jürgen Klopps Talentepool: Macht die Bundesliga ihm das Leben schwer?

Veröffentlicht:

von Gianluca Fraccalvieri

ran Fußball

DFB-Kadernominierung: Fans empört über Leaks

Videoclip • 01:11 Min


Jürgen Klopp steht vor seiner ersten Kadernominierung als Bundestrainer und kann dabei aus einem schier unendlichen Talentepool schöpfen. Eine negative Entwicklung in der Bundesliga und die internationale Missverteilung des Geldes machen ihm dabei aber das Leben schwer.

Wie bei jedem neuen Job gilt es auch für Jürgen Klopp in seiner Rolle als Bundestrainer, sich erstmal in Ruhe einen Überblick zu verschaffen. Dabei wird er sich einige der folgenden Fragen stellen: Wie ist meine aktuelle Situation? Wie groß ist mein Potenzial? Und wie schöpfe ich dieses am besten aus?

Da sich nach der enttäuschenden WM beim DFB-Team vieles ändern soll (und muss), dauert Klopps Findungsphase aktuell länger, als das bei früheren Bundestrainern der Fall war. Er übernimmt das Team an einem Scheideweg mit vielen Unsicherheiten. Die Weltmeister-Riege von 2014 ist endgültig passé, wie die neue Achse aussehen wird, ist aber noch völlig unklar.

Statt Spielfreunde und Synergien verbreitete das DFB-Team in Übersee Frust und Verwunderung. Deshalb gilt es für Jürgen Klopp, einmal alles auf links zu drehen und sich seine neuen Schlüsse zu ziehen. Erfolge aus der Vergangenheit sind nichts mehr wert, aufgestellt wird schlichtweg nur noch nach Leistung und erspieltem Vertrauen.

Dafür will der neue Bundestrainer sofort so viele Spieler wie möglich sehen und wird am Donnerstag auch unzählige neue Namen für das anstehende Nations-League-Fenster nominieren. Er selbst sprach von 57 Spielern, die "DFB-Potenzial" haben – grundsätzlich hat aber jeder mit einem deutschen Pass die Chance, sich zu beweisen.

Diese Qual der Wahl zeigt auf der einen Seite die schiere Masse an potenziellen Talenten fürs Nationalteam, zu viel Auswahl ist aber auf der anderen Seite bekanntlich nicht immer gut. Vor allem, wenn man aus 57 Spielern wählen "muss", weil die etablierte Tiefe bisher nicht vorhanden ist und einem die heimische Liga das Leben zusätzlich schwer macht.

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Jürgen Klopp: Macht die Bundesliga schlechte Jugendarbeit?

Genau dies bemängelte Mirko Slomka zuletzt in seiner Kolumne für den "kicker" und prangerte die Bundesliga als "Verkaufsliga" an, die jungen deutschen Spielern immer weniger Chancen gibt. "Selbst der beste Trainer ist auf die Spieler angewiesen, die ihm der deutsche Fußball zur Verfügung stellt. Und die Auswahl wird kleiner", mahnte der 59-Jährige.

Und die Zahlen geben ihm recht. Vor dem WM-Titel 1990 kamen deutsche Spieler in der heimischen Liga auf 511.759 Einsatzminuten, in der vergangenen Spielzeit nur noch auf 235.689. Damals gab es zwar auch eine Regelung, die den Einsatz von ausländischen Spielern begrenzte, 36 Jahre später zeigt sich aber deutlich, wie sich mit dem Wegfall die Situation geändert hat.

Teams kaufen günstige Talente aus dem Ausland, um sie – im besten Fall – nach ein paar Jahren für viel Gewinn zu verkaufen. Diese Talente kommen aus den berühmten Jugendzentren aus der ganzen Welt, in Deutschland sucht man sie größtenteils aber vergebens. Vielen Vereinen ist es die Mühe schlichtweg nicht wert, den langwierigen Schritt über die eigene Jugendarbeit zu gehen.

Deutschland läuft Spanien und Frankreich hinterher

"CIES"-Daten für das Jahr 2025 unterstreichen, wie wenig Chancen junge deutsche Spieler derzeit in der Bundesliga bekommen. Pro Buli-Verein standen 2025 im Schnitt nur 1,9 für den DFB spielberechtigte U21-Spieler im Kader, die magere 3,4 Prozent der möglichen Minuten sahen.

Damit steht Deutschland zwar noch ein wenig besser da als Italien und England, vor allem Italien ist aber auch wahrlich kein Vorbild in Sachen Jugendarbeit. Deutlich anders sieht die Situation allerdings aus, wenn man sich Spanien und Frankreich anschaut. In La Liga stehen drei spanische U21-Spieler pro Verein im Kader, in Frankreich sind es sogar 4,9, die fast acht Minuten der Gesamtminuten sehen.

Geht man noch einen Schritt weiter nach unten auf die Vereinsebene, nimmt das Bild noch deutlichere Konturen an. Bei den gespielten Minuten von U21-Spielern seit 2021 findet sich kein deutscher Verein in den Top 10 der Big-5-Ligen. Angeführt wird das Ranking deutlich vom FC Barcelona (20,7 Prozent der Minuten), gefolgt von sieben französischen, einem englischen und einem weiteren spanischen Klub. Erst auf den Plätzen elf und zwölf folgen Dortmund und Leipzig, danach kommen lange keine weiteren heimischen Klubs.

Als Extrembeispiel führte Slomka Bayer Leverkusen an, die in den ersten drei Bundesligaspielen nur insgesamt 44 Minuten (!) an ihre zwei deutschen Spieler verteilten.

Hier muss man sich jedoch fragen, ob die Spielerauswahl der Werkself wirklich als Paradebeispiel für die schlechte Jugendarbeit in Deutschland herhalten kann, oder ob es sich dabei schlichtweg um eine Anomalie handelt.

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Jürgen Klopp: Der internationale Pool ist groß wie nie zuvor

Zunächst muss gesagt werden, dass Leverkusen tatsächlich eine Anomalie ist. Mit Florian Wirtz und Kai Havertz produzierten sie zwei der größten deutschen Talente dieses Jahrzehnts, da gehört eine Flaute auch mal dazu. Bei den anderen deutschen Top-Klubs sieht die Situation zum Glück deutlich besser aus. Beim FC Bayern gehören mit Aleksandar Pavlovic, Nathaniel Brown, Lennart Karl, Jamal Musiala, Tom Bischof und Jonas Urbig sechs U27-Spieler zum erweiterten Stammkreis, die auch über Jahre in der Nationalmannschaft eine Achse bilden werden.

Gleiches gilt für Nico Schlotterbeck, Felix Nmecha und Maxi Beier beim BVB, Finn Jeltsch, Dzenan Pejcinovic und Angelo Stiller beim VfB oder Brajan Gruda, Assan Ouédraogo und Rocco Reitz von RB Leipzig. Hinzu kommen über die Vereine verteilte aufstrebende Youngster wie Saïd El-Mala (1. FC Köln), Younes Ebnoutalib (Eintracht Frankfurt), Bence Dardai (VfL Wolfsburg) oder Phillip Tietz (1. FSV Mainz 05).

Hinzu kommt, dass Klopp aus einem so großen Pool von etablierten Spielern im Ausland schöpfen kann wie noch nie. Früher waren internationale Profis wie Mesut Özil oder Sami Khedira noch die Ausnahme im DFB-Team, mittlerweile ist die Situation aber eine andere. Havertz, Wirtz, Nick Woltemade und Karim Adeyemi spielen teilweise schon seit Jahren bei internationalen Top-Klubs, hinzu kommen Shootingstars wie Anton Stach (Leeds United), Kevin Schade (FC Brentford), Nicolo Tresoldi (FC Brügge) oder Paris Brunner (AS Monaco), die allesamt auf eine Nominierung hoffen dürfen.

Da das ganz große Geld schon seit vielen Jahren außerhalb der Bundesliga ausgegeben wird, ist es also kein Wunder, dass – mit Ausnahme des FC Bayern – die aufstrebenden Stars ihren Weg in andere Länder finden. Das macht die Anzahl der vielen talentierten deutschen Spieler für heimische Fans natürlich weniger sichtbar, ist aber nicht per se ein Problem für Klopp. Vielen anderen Nationen geht es schließlich nicht anders. Dennoch ist es natürlich nicht förderlich, wenn die Spieler sich nur ein paar Mal im Jahr zu Länderspielen sehen, sonst wenig bis keinen Kontakt im Alltag haben und ganz unterschiedliche Stile in den verschiedenen Ligen spielen.

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Jürgen Klopp soll neues Fundament aufbauen

Was nämlich ganz entscheidend ist, ist der Mannschaftszusammenhalt und das Vertrauen zueinander. Spanien macht seit Jahren eindrucksvoll vor, wie man eine siegreiche Kultur über eine ganze Generation hinweg aufbaut und durch gute Arbeit in den U-Mannschaften einen Titel nach dem anderen sammelt.

Auch wenn das zuletzt eher Mangelware war, muss Deutschland sich hier auch nicht verstecken. Der 2006er Jahrgang hat definitiv das Potenzial, eines Tages selbst als "Goldene Generation" zu gelten. Viele aus dem Kreis um Jeltsch, Brunner, Kennet Eichhorn und Francis Onyeka (gerade Fritz-Walter-Medaillen gewonnen), El Mala, Ouedraogo, Tresoldi, Dardai und Bischof wurden 2023 U17-Welt- und Europameister und trafen sich 2025 im Dress der U21 dann wieder, um zusammen die Vize-Europameisterschaft zu feiern.

Diese jungen Spieler wissen, wie sich Erfolge anfühlen, und kennen sich oft schon seit vielen Jahren. Nachdem sich mit Manuel Neuer nun auch endgültig der letzte Held von 2014 verabschiedet hat, liegt es an Klopp, ein neues, harmonisches Fundament um diese Youngster zu schaffen, das den internationalen Fußball auf Jahre mitbestimmen kann.

Für ihn geht es darum, zu motivieren, zu analysieren und das optimale Gebilde aus gestandenen Spielern und nachrückenden Youngstern zu finden. Dass er das kann, hat er schon unzählige Male auf Vereinsebene bewiesen, nun soll er seine ganze Erfahrung nutzen und dem DFB die nächste siegreiche Generation verschaffen.

Das Talent dafür ist auf jeden Fall vorhanden, auch wenn die Bundesliga ohne Frage noch mehr dazu beitragen könnte, ihm seine Arbeit zu vereinfachen und eigene Talente mehr zu fördern. Dass sich das auszahlt, machen die Spanier und Franzosen schließlich eindrucksvoll vor. Eine Ausrede im Fall des Scheiterns darf das bei dem Potenzial im deutschen Fußball aber nicht sein.

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