WM 2026
WM 2026 - Hat Deutschland ein Pressingproblem? Die DFB-Abwehr muss vor allem ganz vorn besser werden
Veröffentlicht:
von Justin Kraftran Fußball
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Videoclip • 32 Sek
Der deutschen Nationalmannschaft wird ein Defensivproblem nachgesagt. Auch intern geht man kritisch mit sich um. Doch woran liegt es?
Es gibt in Fußball-Deutschland eine Erzählung und die geht so: Offensiv ist der Kader des DFB-Teams sehr gut besetzt und immer in der Lage, viele Tore zu schießen. Defensiv aber, da fehlt einfach die Qualität.
Drei Gegentore gegen die Schweiz, je eines gegen die USA und Ghana, auch Curacao gelang zum Auftakt der WM 2026 der zwischenzeitliche Ausgleich gegen Deutschland. "Wir müssen an der Stabilität arbeiten, dürfen nicht so viel zulassen, müssen weniger Gegentore bekommen", gab auch Kapitän Joshua Kimmich am Dienstag zu.
Ein Beleg dafür, dass die Debatte nicht nur von außen geführt wird. Auch beim DFB ist man sich im Klaren darüber, dass eine gute Defensivleistung notwendig sein wird, um eine erfolgreiche Weltmeisterschaft zu spielen.
Aber wie kritisch ist es wirklich? Und wo liegen die Ursachen? ran macht den Check.
DFB-Team hat kein Qualitätsproblem
Zunächst mal erscheint die Erzählung von der fehlenden individuellen Qualität etwas löchrig. Immerhin besteht die Viererkette mit Jonathan Tah und Joshua Kimmich aus zwei sehr erfahrenen Top-Spielern des FC Bayern München. Hinzu kommt mit Nico Schlotterbeck ein Innenverteidiger, der sich im Sommer vermutlich den einen oder anderen Topklub hätte aussuchen können – unter anderem Real Madrid galt lange als interessiert.
Und auch der noch sehr junge Nathaniel Brown ist ein Außenverteidiger, den viele Nationen gern im Team hätten. Zwar wird der Noch-Frankfurter vor allem für seine Qualitäten am Ball gelobt, doch in der Champions League stellte er in einer wackligen Eintracht-Defensive immerhin so einige Stars kalt – darunter Lamine Yamal vom FC Barcelona.
Insofern ist die These der fehlenden Qualität etwas unvollständig. Trotzdem gibt es auch legitime Argumente für diese Behauptung. Kimmich mag erfahren sein und er ist gewiss ein Top-Spieler. Aber er ist mehr Rechtsgestalter als Rechtsverteidiger. Defensiv gehen ihm sowohl das Tempo als auch das Timing und Stellungsspiel manchmal etwas ab.
Gerade die schnellen Flügelspieler der Elfenbeinküste werden seine Fähigkeiten im Abwehrverhalten auf die Probe stellen. Und auch wenn Brown gegen Yamal und andere Stars schon sehr gut aussah, ist er ein sehr junger Spieler, der nicht fehlerfrei ist. Gegen Curacao gab es zwei, drei Durchbrüche auf seiner Seite, die gegen andere Gegner gefährlich werden.
Und selbst bei Tah und Schlotterbeck, die auf dem Papier eines der stärksten Innenverteidiger-Duos dieser WM sind, gibt es zumindest leichte Zweifel. Tah funktioniert im hohen Pressing der Bayern auch deshalb so gut, weil neben ihm mit Dayot Upamecano einer der Top-3-Innenverteidiger auf der Welt spielt. Beide ergänzen sich herausragend.
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Das Angriffspressing funktioniert nicht immer
Die Antwort auf die Qualitätsfrage ist also: Es ist kompliziert. Eigentlich sollte es mit diesen Spielern aber möglich sein, stabil zu verteidigen. Dass das nicht immer gelingt, liegt jedoch nicht immer an den Abwehrspielern. Ein Blick auf die Offensive lohnt sich hier.
Das Führungstor von Curacao fällt nicht nur, weil Schlotterbeck den Ball etwas unglücklich nicht geklärt bekommt. Es fällt auch, weil das Team bei einem Freistoß des Gegners in dessen Hälfte nicht gut organisiert war. Curacao hatte auf dem linken Flügel Ballbesitz. Deutschland positionierte sich in einem halbgaren 4-4-2.
Jamal Musiala und Kai Havertz bildeten die Spitzen. Die erste Unsauberkeit besteht darin, dass Musiala die Situation nicht schnell genug erkannte und seinen Gegenspieler eher antrabte als im Vollsprint zu pressen. Curacao konnte unbedrängt verlagern – was passieren kann und sich nicht immer verhindern lässt.
Doch auch danach wirkte das deutsche Team zu passiv und unkonzentriert. Florian Wirtz verlor seinen Gegenspieler beim Verschieben auf den Flügel im Rücken, der wiederum plötzlich im Halbraum anspielbar wurde. Und von dort konnte Curacao dann Tempo in den Angriff bringen. Eine Verlagerung, eine Unaufmerksamkeit von Wirtz und schon brennt es hinten.
Generell sind die deutschen Angreifer keine herausragenden Pressingspieler. Sie nehmen das hohe Anlaufen komplett an, halten die Intensität meist hoch und sorgen auch für hohe Ballgewinne, die wichtig für das Spiel sind. Aber in nahezu allen Spielen gab es zuletzt Phasen, in denen sie die Intensität nicht ganz hochhalten konnten und wo es für die Gegner zu leicht wurde, die erste Pressinglinie zu überspielen.
Dann gab es plötzlich Räume im Mittelfeld und auf den Flügeln. Ein weiterer Faktor ist hier, dass Nmecha und Pavlovic sehr große Räume abdecken müssen und das nicht ihren großen Stärken entspricht.
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Deutschland muss präziser mit dem Ball werden
Viel ändern kann Nagelsmann hier nicht. Das hohe Pressing ist zu wichtig für die Mannschaft, um das Gefühl der Aktivität nicht zu verlieren. Mit langen Verteidigungsphasen fühlen sich die Deutschen sichtbar unwohl. Außerdem stehen den wenigen gefährlichen Situationen auch zahlreiche gute Ballgewinne im vordersten Drittel gegenüber.
Ein guter Ansatz, um die Probleme zu reduzieren, wäre es daher, das Ballbesitzspiel weiter zu schärfen. Denn ein Knackpunkt ist, dass Deutschland zu oft ins Pressing muss. Sowohl im Test gegen die USA als auch in der Phase rund um das 1:1 von Curacao war man zu ungenau im Ballbesitzspiel, verlor die Kugel zu leichtfertig und musste dann ins Gegenpressing.
Wer oft in diese Sprints muss, ist auch anfällig für Unkonzentriertheiten. Dass das DFB-Team nicht im Dauersprint pressen kann, liegt auf der Hand. Einher gehen solche Phasen dann mit Kontrollverlust und zu viel Gestaltungsraum für den Gegner.
Deutschlands Defensivarbeit ist bereits besser geworden
Wahr ist aber auch, dass sich die Mannschaft von Nagelsmann bereits gesteigert hat. Im Schnitt kassieren sie mittlerweile weniger als ein Tor pro Spiel. Im letzten Kalenderjahr kommen Gegner laut "Wyscout" im Schnitt nur auf etwas mehr als acht Pässe in der eigenen Hälfte, ehe eine Defensivaktion der Deutschen erfolgt.
Auf dem gesamten Spielfeld sind es durchschnittlich nur etwas mehr als drei Pässe pro Ballbesitzphase. Das alles gehört dazu, wenn man die sicherlich vorhandenen Defensivschwächen kritisiert: Deutschland hat ein gutes und druckvolles Pressing, das die Abwehr stabilisiert hat.
Um bei der WM unter die Top-Nationen zu kommen, werden sie aber ein sehr gutes und sehr druckvolles Pressing brauchen. Da gibt es immer noch Luft nach oben. Vermutlich sind es diese Details, die Kimmich meint, wenn er davon spricht, dass man noch stabiler sein müsse.
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