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WM 2026, England vs. Argentinien - Tony Woodcock im Interview: "Wenn du Weltmeister werden möchtest, musst du schon ein bisschen mehr zeigen"

Veröffentlicht:

von Chris Lugert

ran Fußball

WM 2026: Fan-Prügelein bei England vs. Argentinien

Videoclip • 01:29 Min


Im zweiten WM-Halbfinale kommt es zum emotionalen Duell zwischen England und Argentinien. Im ran-Interview ordnet der frühere englische Nationalspieler Tony Woodcock die bisherigen Leistungen der "Three Lions" ein.

Noch zwei Siege trennen England vom ersten WM-Titel seit 1966. Im Halbfinale am Mittwochabend (ab 21 Uhr im kostenlosen Joyn-Livestream) treffen die "Three Lions" auf Titelverteidiger Argentinien. Es ist ein Spiel mit Brisanz, überlagert durch alte historische wie sportliche Konflikte.

Zum einen geistert der 1982 ausgetragene Falklandkrieg weiterhin durch das Gedächtnis beider Länder, zum anderen veränderte 1986 die legendäre "Hand Gottes" von Diego Maradona im WM-Viertelfinale zwischen beiden Nationen die Fußball-Geschichte.

Jetzt, 40 Jahre später, kämpfen England und Argentinien um den Einzug ins WM-Finale. Beide Mannschaften konnten im bisherigen Turnierverlauf noch nicht restlos überzeugen, "MagentaTV"-Experte Mats Hummels sprach von "Solala-Fußball" der Teams.

Damit steht er nicht alleine da. Im exklusiven ran-Interview kritisiert auch der ehemalige englische Nationalspieler und Bundesligaprofi Tony Woodcock die bisherigen Auftritte der Engländer.

"Wenn du Weltmeister werden möchtest, musst du schon ein bisschen mehr zeigen. Fußballerisch haben wir das bisher nicht getan. Und das ganze Land weiß das", stellte der frühere Stürmer des 1. FC Köln fest, der hinter Harry Kane und Jadon Sancho nach wie vor der drittbeste englische Bundesliga-Torjäger ist.

Zudem spricht der 70-Jährige, der 42-mal das Trikot der Nationalmannschaft trug und 1982 an der WM teilnahm, über den Disput zwischen Nationaltrainer Thomas Tuchel und Jude Bellingham nach dem Norwegen-Spiel. Außerdem äußert sich Woodcock über den Zustand der deutschen Nationalmannschaft und erklärt, warum Jürgen Klopp der richtige Bundestrainer wäre.

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Woodcock über Zoff zwischen Bellingham und Tuchel: "War unnötig"

ran: Herr Woodcock, die englische Nationalmannschaft steht im WM-Halbfinale. Wie blickt das Land auf die Auftritte der "Three Lions" und wie stark ist der Glaube, dass es dieses Mal tatsächlich zum Titelgewinn reicht?

Tony Woodcock: Das ist noch ein bisschen früh, auch wenn wir im Halbfinale stehen. Wir müssen von Spiel zu Spiel schauen. Die Jungs haben gegen Mexiko ein sehr schweres Spiel gehabt, aber sie haben gekämpft, Bälle geblockt und alles gemacht, was man machen muss. Nur der Ball ging nicht ins Tor. Aber wenn du Weltmeister werden möchtest, musst du schon ein bisschen mehr zeigen. Fußballerisch haben wir das bisher nicht getan. Und das ganze Land weiß das.

ran: Thomas Tuchel hat die Leistung gegen Norwegen im Nachgang auch deutlich kritisiert …

Woodcock: Tuchel hat gesagt, dass wir schneller spielen müssen. Ich finde das richtig, und ich glaube, dass die meisten Fußballfans auch denken, das ist richtig, weil sie nicht blind sind. Man kann nicht nur Ballbesitz haben. Man muss versuchen, das Spiel zu gewinnen und alles geben, um zu zeigen, dass man Fußball spielen kann. Und das tun wir nicht momentan.

ran: Zwischen Tuchel und Jude Bellingham gab es diesbezüglich auch einen kleinen Disput. Bellingham meinte sinngemäß, Tuchel wisse womöglich nicht, wie es ist, gegen solche Mannschaften zu spielen. Was sagen Sie dazu?

Woodcock: Man muss kein Fußballexperte sein, um das Spiel anzuschauen. Es war ziemlich langweilig und wir haben nicht gezeigt, wie wir spielen möchten. Es kann sein, dass Jude seine Kumpels ein bisschen in Schutz nehmen wollte, aber das war unnötig. Jeder ehemalige Fußballer weiß, wie schwer das ist, bei der Hitze und mit dem Druck zu spielen. Ich nehme ihn etwas in Schutz, er ist 23 und vielleicht fühlte es sich für ihn mit seiner Leistung gut an. Aber das sind unnötige Schlagzeilen. Wenn Tuchel sagt, es muss mehr kommen, und Bellingham kritisiert das, denke ich mir: 'Come on Jude, guck dir das Spiel an.'

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Woodcock fordert mehr Mut von England

ran: Trotzdem trumpfte Bellingham in den vergangenen beiden Spielen groß auf und traf sowohl im Achtelfinale gegen Mexiko als auch im Viertelfinale gegen Norwegen jeweils doppelt. Übernimmt er jetzt die Rolle, die viele Leute in England schon lange von ihm erwarten?

Woodcock: Bei Jude ist das Problem, dass man nicht ganz genau weiß, welche Position eigentlich die richtige für ihn ist. Er läuft über den ganzen Platz. Er ist kein reiner zentraler Mittelfeldspieler, aber auch kein Stürmer. Manchmal ist es schwierig, so jemanden in die Mannschaft mit reinzubringen. Aber individuell hat Jude eine tolle Weltmeisterschaft, er hat ja schon sechs Tore geschossen. Es kann durchaus sein, dass Tuchel vorher etwas Druck gemacht hat. Er hat ihn ja auch kritisiert, etwa für seine Meckerei. So war nicht ganz klar, ob er überhaupt in der Startelf steht. Aber er hat gezeigt, dass er ein Topspieler ist. Sich nicht zu verstecken, die Kritik einzustecken und rauszugehen. Aber trotzdem war diese Aussage zu Tuchel unnötig, denn wir spielen einfach nicht gut.

ran: Was genau muss die englische Mannschaft denn im Spiel verändern?

Woodcock: Wir müssen uns im Halbfinale deutlich steigern. Es geht um den Mut, anzugreifen und den Ball in den Strafraum zu bringen. Harry Kane wird Tore schießen, wenn er den Ball im Strafraum bekommt. Aber dafür braucht es eben Mut, ohne Angst nach vorne zu gehen, weil dahinter vielleicht ein Loch ist.

ran: Im Halbfinale geht es jetzt gegen Argentinien, aber der Titelverteidiger hat bislang spielerisch auch nicht überzeugt. Kommt England ein solcher Gegner womöglich sogar entgegen?

Woodcock: Nein, denn wir haben bislang nur eine einzige Mannschaft gesehen, die wirklich überzeugt hat, und das ist Frankreich. Alle anderen Mannschaften haben nicht so gut gespielt oder ein Problem gehabt oder ein bisschen Glück im richtigen Moment gehabt, um einfach durchzukommen. Und Argentinien hat ja Messi. Er ist zwar fast 40 Jahre alt und muss nicht mehr so viel laufen wie früher, aber er hat die Momente um den Strafraum herum, um mit seiner Spielintelligenz etwas zu machen. Das macht ihn super gefährlich. Ich hoffe natürlich, dass er nicht so gut spielt und keine Bälle kriegt. Aber solch ein Spieler kann auch mit fast 40 Jahren ein ganzes Spiel mit einem brillanten Moment entscheiden.

Woodcock begeistert von Kane: "Guckt euch die Statistiken an"

ran: Sie hatten Harry Kane bereits kurz angesprochen, er kommt aus einem herausragenden Jahr mit den Bayern und steht aktuell bereits wieder bei sechs Toren. Wie bewerten Sie seine Leistungen und seine aktuelle Form?

Woodcock: Harry schießt einfach Tore. Er kommt auch tief, viele Leute sagen, das soll er gar nicht machen. Was mich stört, ist, dass er etwas zu einfach zu Boden geht. Da ist er aber nicht der Einzige im heutigen Fußball. Kane braucht Bälle im Strafraum, wie auch Haaland bei Norwegen zum Beispiel. Aber genau das fehlt uns momentan. Alle spielen inzwischen mit so vielen Ballkontakten, damit kommt man aber nicht in den wichtigen Teil des Fußballfeldes. Und das ist der Strafraum. Bei Bayern kriegt Kane den Service. Er hat zwar schon sechs Tore bei dieser WM, aber wenn wir nicht nach vorne Richtung Strafraum spielen, dann sieht man ihn nicht. Unsere sogenannten Experten haben es quasi zwei Jahre zu einer eigenen Meisterschaft gemacht, zu behaupten, dass Kane nicht mehr laufen kann und nicht mehr gut genug ist. Doch, er ist gut genug, das hat er bei Bayern bewiesen. Aber er ist kein Lionel Messi, der sich den Ball abholt und zwei, drei Gegenspieler stehenlässt.

ran: Wie hat sich denn das Bild von Harry Kane in England verändert, seit er von Tottenham zu Bayern gewechselt ist?

Woodcock: Als ich mit dem deutschen Botschafter über die englisch-deutschen Beziehungen gesprochen habe, haben wir über Harry gesprochen. Er ist in ein anderes Land gewechselt zu einem Verein, der gefühlt der bestgeführte Verein auf und neben dem Platz ist. Keiner spricht mehr über die 100 Millionen Euro Ablöse. Er schießt so viele Tore, ist kaum verletzt und ist ein guter Junge. Manche sagen, die Bundesliga sei nicht so stark wie die Premier League. Ja gut, guckt euch mal die Statistiken an. Die sind unglaublich.

ran: Das Halbfinale zwischen Argentinien und England ist historisch brisant, zum einen politisch durch den Falklandkrieg einst und zum anderen sportlich durch die "Hand Gottes" von Diego Maradona bei der WM 1986. Wie besonders ist dieses Spiel tatsächlich?

Woodcock: Es gibt Schlagzeilen, ja, aber was ist der Punkt? 1982 bei der WM in Spanien, das war direkt nach dem Falklandkrieg, konnten wir nicht aus dem Hotel rausgehen. Die Trainingsplätze wurden vom Militär geschützt. Also es mag Schlagzeilen geben, aber es ist ein Fußballspiel und ich denke, es wird Respekt zwischen beiden Mannschaften geben.

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Ich denke, wenn Jürgen Klopp die deutsche Nationalmannschaft übernimmt, wird das einen riesigen Boost geben.

Tony Woodcock

Woodcock überzeugt: Klopp gibt DFB-Team einen "Boost"

ran: Thomas Tuchel wird in England seit Beginn seiner Amtszeit durchaus auch kritisch gesehen. Vor der WM sorgte er etwa mit der Nichtnominierung von Cole Palmer, Phil Foden, Harry Maguire und Trent Alexander-Arnold für Aufsehen. Wie sehen Sie die Diskussion um Tuchel?

Woodcock: Ich glaube, in England haben wir gut 60 Millionen Einwohner. Und wenn man über Fußball spricht, hat jeder der 60 Millionen Leute eine eigene Meinung. Fußballfans sind nicht doof, die können durchaus sehen, wie das Spiel läuft, und alle haben einen Lieblingsspieler oder favorisieren einen bestimmten Spieler. Aber Thomas hat in England, Frankreich und Deutschland gearbeitet. Vielleicht hat er ja doch ein bisschen mehr Ahnung als einige Leute auf der Straße. Er ist der Coach. Es gibt sicher das eine oder andere Fragezeichen, aber er hat entschieden und wird seine Gründe dafür haben. Vielleicht sind es Gründe, die wir überhaupt nicht kennen.

ran: Sie haben ja auch viele Jahre in Deutschland gearbeitet, zunächst als Spieler und später als Manager. Daher noch ein kurzer Blick auf die deutsche Nationalmannschaft. Wie blicken Sie auf die inzwischen jahrelange Krise des DFB-Teams?

Woodcock: Mein erster Gedanke ist: Die kommen wieder, keine Frage. Die Vergangenheit mit den großen deutschen Nationalspielern ist immer noch im Blut vieler Leute, auch im Blut der Gegner. Wir wissen, dass die kommen werden, und wir wissen, dass es nicht normal ist für Deutschland, dass die so früh nicht mehr dabei sind.

ran: Jürgen Klopp soll neuer Bundestrainer werden, in England hat er sich einen Namen beim FC Liverpool gemacht. Glauben Sie, dass es mit ihm in der Nationalmannschaft wieder aufwärts geht?

Woodcock: Ich denke, wenn Jürgen Klopp die deutsche Nationalmannschaft übernimmt, wird das einen riesigen Boost geben. In Liverpool sprach man vom Heavy-Metal-Fußball, den er hat spielen lassen. Die Spieler finden das gut. Jeder weiß: Wenn Klopp wieder im Spiel ist, dann kommt die deutsche Nationalmannschaft wieder. Deutschland sollte alles dafür tun, damit Jürgen Klopp Nationaltrainer wird.

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