WM 2026
DFB-Team: Joshua Kimmich und seine Jagd nach der endgültigen Vollendung
Veröffentlicht:
von Justin Kraftran Fußball
Neuer-Comeback: Wurde Kimmich vorher gefragt?
Videoclip • 01:33 Min
Joshua Kimmich wird erstmals als Kapitän in ein großes Turnier gehen. In den USA will er seiner Karriere die Krone aufsetzen.
Die bisherige Karriere von Joshua Kimmich ist auf dem Papier eine, um die ihn viele beneiden dürften. Mit dem FC Bayern München gewann er in dieser Saison seine zehnte Deutsche Meisterschaft, seinen vierten DFB-Pokal und den siebten nationalen Supercup.
Anders als Spieler wie Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger hat er zudem die Champions League schon relativ frühzeitig in seiner Karriere gewonnen. Hinzu kommen die Klub-WM und der UEFA-Supercup. Kimmich ist hochdekoriert und es gäbe allen Grund, ihn als unantastbar im deutschen Fußball zu betrachten.
Aber genau das ist er nicht. Obwohl unter jedem Trainer bisher unumstrittener Stammspieler beim FCB und in der Nationalmannschaft, gab es immer wieder hitzig geführte Debatten um ihn. Lange ging es um seine Position – Rechtsverteidiger oder doch Sechser?
Doch auch die Frage danach, wo sich Kimmich irgendwann am Ende seiner Karriere einsortieren wird unter den Granden des deutschen Fußballs, spielt eine Rolle. Zu Spielern wie Toni Kroos fehle ihm einiges, sagen die einen. Kimmich sei einer der wenigen Weltklassespieler in Deutschland, sagen die anderen.
Mit dem DFB-Team ist seine Bilanz in jedem Fall schlecht. 2017 gewann er den Confed Cup, aber bei großen Turnieren blieb der Erfolg aus. Bei bisher zwei WM-Teilnahmen war für ihn jeweils in der Vorrunde Schluss. Im dritten Anlauf will er die Nationalmannschaft als Kapitän zum Erfolg führen.
Joshua Kimmich: "Geht nicht darum, etwas ausmerzen zu müssen"
Und in dieser Rolle wirkt der 30-Jährige so reif und so erwachsen wie nie zuvor. "Es geht nicht darum, etwas ausmerzen zu müssen", sagte Kimmich am Freitag in Herzogenaurach: "Wir alle wissen und insbesondere ich weiß, wie die letzten Weltmeisterschaften gelaufen sind. Aber ich nehme das jetzt nicht mit ins Turnier, sondern ich sehe es als neue Chance an."
Kimmichs Auftritt bei der ersten Pressekonferenz war souverän, abgeklärt und professionell. Wie man es sich von einem Führungsspieler erwartet. Er war bemüht darum, die Erwartungen einerseits zu drosseln – man sei im Vergleich zu den ganz großen Nationen ein bisschen hinten dran.
Gleichzeitig betonte Kimmich, "dass jeder bei uns weiß, was wir können und was wir nicht können". Das sei ein entscheidender Unterschied zu den Vorjahren, in denen das DFB-Team oft von Potenzialen sprach, dieses aber nicht auf den Platz bekam. "Wir sollten weniger sprechen und ein bisschen mehr machen", schlussfolgerte der Kapitän daraus.
Kimmich zeigte sich fokussiert, war aber auch in der Lage, die etwas schwierigeren Themen abzumoderieren. "Mir ist die Diskussion viel zu negativ behaftet", sagte er etwa zur Rückkehr von Manuel Neuer: "Aus rein sportlichen Gesichtspunkten darf es diese Diskussion gar nicht geben. Manu ist der beste Torwart aller Zeiten und immer noch einer der besten Torhüter der Welt. Wir stehen vor einer WM, und da müssen die Besten spielen. Deshalb verstehe ich diese ganze Diskussion nicht."
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Unter Kompany wieder zur Weltklasse
Für Kimmich schien dieser Weg prädestiniert zu sein. Bereits nach seiner ersten Saison beim FC Bayern sprachen viele davon, dass er bald Kapitän sein würde. In München ist er das noch nicht. Beim DFB-Team hat er die Binde nach der EM 2024 übernommen.
Aber auch wenn er die Misserfolge der Vergangenheit wegschieben möchte, weiß er selbst, dass sie ihn und seine Karriere bisher mitdefinieren. 2022 äußerte er nach dem WM-Aus öffentlich die Angst, in ein Loch fallen zu können. Selbst beim FC Bayern geriet er in den darauffolgenden Jahren zunehmend in die Kritik.
Doch unter Vincent Kompany hat Kimmich wieder zu Konstanz gefunden – und offenbar auch zu einer Reife in seinem Spiel und in seinem Auftreten neben dem Platz, die ihn zum bestmöglichen Anführer für diese Nationalmannschaft macht, von der niemand weiß, was von ihr wirklich zu erwarten ist. Nicht mal sie selbst.
Wie auf dem Fußballplatz versteht es Kimmich mittlerweile aber sehr gut, alles um sich herum zu beruhigen, den Takt vorzugeben und Unruhe ins Leere laufen zu lassen. Klar ist auch, dass es sportlichen Erfolg braucht, um die Worte mit Leben zu füllen.
Joshua Kimmich jagt den großen Wurf
Auch für Kimmich selbst wird das wichtig sein. Denn obwohl er die Champions League im Jahr 2020 gewonnen hat, wirkt seine Karriere immer noch unvollendet. "Wir haben in der Kabine gefeiert, und danach gab es im Hotel eine Party", sagte er rückblickend den Vereinsmedien des FC Bayern über den Triumph in der Königsklasse. Es sei "heute noch bitter, dass unsere Fans das nicht vor Ort mit uns erleben konnten".
Es war eine besondere Situation, mit einer langen Pause mitten in der Saison. Ohne Fans, ohne die üblichen Auswärtsreisen. Kimmich strebt nach wie vor nach dem großen Wurf unter normalen Bedingungen. Nach der Krone auf seiner Karriere.
Ob ihm das mit der Nationalmannschaft noch gelingen wird, ist fraglich. Zu viele Unklarheiten, zu viele schwankende Leistungen und letztlich zu wenige Spieler auf dem Niveau, auf dem sich Kimmich seit vielen Jahren befindet.
Und auch seine eigene Position könnte sehr bald schon wieder Thema werden. Julian Nagelsmann verzichtet bei der WM freiwillig darauf, die funktionierende Achse des FC Bayern aufzustellen, um Kimmich rechts hinten aufbieten zu können. Eine Entscheidung, die noch für Diskussionen sorgen könnte.
Zumindest außerhalb des DFB-Teams. Denn eines ist ziemlich klar: Kimmich selbst wird sich an diesen Debatten nicht beteiligen. Dafür ist er längst zu erwachsen geworden in diesem Geschäft. Er ist in einer Phase, in der bei ihm persönlich alles zu passen scheint – Fokus, Form und letztlich auch das Erfahrungslevel. Für den einen ganz großen Wurf mit der Nationalmannschaft müssen die Sterne aber dennoch sehr günstig stehen.
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