Fußball
DFB-Team: Julian Nagelsmann sorgt mit seinen WM-Ankündigungen für unnötige Unruhe - Kommentar
Aktualisiert:
von Chris Lugertran Fußball
WM 2026 - DFB-Fans kritisieren Nagelsmann nach Kader-Aussagen
Videoclip • 01:09 Min
Erstaunlich offen und unerwartet früh spricht Bundestrainer Julian Nagelsmann über seine Pläne für die WM im Sommer. Doch diese Transparenz sorgt für Unruhe, auf die wohl auch die Klubs gerne verzichtet hätten. Ein Kommentar.
Von Chris Lugert
Wenn der Bundestrainer spricht, hört Fußball-Deutschland ganz genau zu.
Und nach den jüngsten Aussagen von Julian Nagelsmann ist die Fangemeinde ziemlich gut im Bilde, was den Kader der Nationalmannschaft für die in rund dreieinhalb Monaten beginnende WM betrifft.
Allerdings waren Nagelsmanns Aussagen im "kicker" durchaus kontrovers.
Leon Goretzka etwa habe trotz seiner aktuellen Nebenrolle beim FC Bayern gute Chancen zu spielen, in der Innenverteidigung hätten Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck die Nase vorne - und es würden Spieler zu Hause bleiben, mit denen derzeit keiner rechne.
Die Offenheit des Bundestrainers in allen Ehren - aber was genau bezweckt Nagelsmann zu diesem Zeitpunkt damit? Ja, Ende des Monats steht das letzte Länderspiel-Fenster vor der endgültigen WM-Nominierung auf dem Programm. Doch dass seine Worte nachhallen, dürfte und sollte ihm eigentlich klar sein.
Ausbaden müssen es die Klubs. Denn Nagelsmann dürfte mit seinen Aussagen bei manchem WM-Kandidaten für das große Zittern sorgen. Wie muss sich etwa der bereits im November nicht berücksichtigte Angelo Stiller fühlen, wenn Nagelsmann offen davon spricht, dass Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha um den Platz neben Goretzka konkurrieren?
Nagelsmann verteilt Blankoschecks
Der VfB Stuttgart kämpft in der Bundesliga um den Einzug in die Champions League, steht im Achtelfinale der Europa League und hat den erneuten Triumph im DFB-Pokal vor Augen. Was die Schwaben in diesem Endspurt der Saison nicht gebrauchen können, ist ein Leistungsträger, der demoralisiert seinen WM-Traum davongleiten sieht, was sich zwangsläufig auf seine Leistung auswirken wird.
Nagelsmann betonte, dass der März-Kader und das letztliche WM-Aufgebot "artverwandt" sein sollen, es abseits weniger Details also keine großen Verschiebungen mehr geben wird. Diese Überlegung mag hinsichtlich des Aufbaus von Automatismen nachvollziehbar sein. Warum aber äußert er das öffentlich?
Der Leistungsgedanke, der laut Nagelsmann immer das wichtigste Element sein soll, wird somit untergraben. Denn die entscheidende Phase der Saison beginnt erst jetzt. Wer im März gut in Form ist, muss es nicht im Mai sein. Und doch stellt er damit einen verbalen Blankoscheck für diejenigen Spieler aus, die Ende März dabei sind, während alle anderen wissen, dass sie kaum noch Chancen haben.
Nagelsmann stellt Kölns Trainer unters Brennglas
Auch mit seiner unterschiedlichen Bewertung der beiden Youngster Lennart Karl und Said El Mala dürfte Nagelsmann zu Recht nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Bayern-Juwel Karl müsse kein Stammspieler sein, um den Sprung auf den WM-Zug zu schaffen, betonte der Bundestrainer: "Denn das wird er nicht." Er müsse nur "einen gewissen Rhythmus" sammeln.
Bei El Mala vom 1. FC Köln legt Nagelsmann hingegen andere Maßstäbe an. "Es ist noch mal ein Unterschied, ob du bei Bayern oder bei Köln bist. Er muss einfach mehr Spielzeit bekommen in Köln", sagte er und nahm Trainer Lukas Kwasniok explizit aus der Verantwortung.
"Said muss den Anspruch haben, dass er in Köln Stammspieler ist und immer spielt. Aber er spielt 50 Prozent, das ist zu wenig. Und das liegt nicht am Trainer, was man dann oft meint, sondern es liegt an ihm selbst, wie stabil er in der Defensive arbeitet", sagte Nagelsmann.
Eine Aussage, die inhaltlich verständlich sein mag, die beim ohnehin derzeit wackelnden Effzeh aber für weitere Verwerfungen sorgen könnte. Es wäre für den Bundestrainer ein Leichtes gewesen, diese Argumente und Vorgaben diskret und intern an den Spieler zu vermitteln. So jedoch wird die Öffentlichkeit gerade am Rhein noch genauer darauf schauen, wie Kwasniok mit El Mala umgeht. Ein Brennglas, das der Effzeh-Trainer nicht gebrauchen kann.
WM 2026: Nagelsmanns gefährliche Strategie
Womöglich verfolgt Nagelsmann mit seinem ausführlichen Interview in Teilen das Ziel, Wackelkandidaten noch einmal anzustacheln sowie gleichzeitig Schlüsselspielern ein gewisses Vertrauen entgegenzubringen und ihnen Sicherheit zu geben. Eine zweigleisige Strategie, um letztlich im März und dann im Sommer den perfekten Kader zu finden.
Doch es ist ein gefährlicher Weg, der vor allem im Alltag der Klubs massive Auswirkungen haben kann. Nagelsmann beweist, dass ihn dies aktuell nicht kümmert und die WM absolute Priorität genießt. Damit macht er sich angreifbar.
Spätestens nach der WM wird klar sein, ob der Weg der richtige war.
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