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WM 2026 - Die vielen Baustellen im DFB-Team: Warum der deutschen Mannschaft nicht nur ein Toni Kroos fehlt
Veröffentlicht:
von Kai Esserran Fußball
DFB-Team: Joshua Kimmich hadert mit Gegentore und Ballverluste
Videoclip • 01:20 Min
Der ernüchternde WM-Auftritt gegen Ecuador zeigt deutlich die zahlreichen Defizite der DFB-Auswahl - vor allem in der Schaltzentrale.
Eigentlich hätte das aschließende WM-Gruppenspiel der deutsche Nationalmannschaft gegen Ecuador (1:2) kaum besser starten können.
Nach etwas mehr als 100 Sekunden legte Leroy Sane einen Flachschuss ins linke untere Eck zum 1:0 für das DFB-Team. Doch anstatt dass der Treffer der Mannschaft Sicherheit und Selbstbewusstsein verlieh, legten die DFB-Kicker metaphorisch die Füße hoch.
Alle Soft Skills, die gegen die Elfenbeinküste noch gut waren - Einstellung, Bereitschaft, Energie, Wille - fehlten gegen Ecuador komplett.
Beweisstück A: Vor dem Ausgleich der Südamerikaner vertändelte Felix Nmecha leichtfertig einen Ball im Aufbau. Steht er 100 Prozent unter Spannung, dann passiert ihm das nicht.
"Hört auf mit dem Quatsch", sagte Julian Nagelsmann hinterher bei "Magenta TV" genervt dazu. Wohl, um sein Team zu schützen.
Dass seine Mannschaft nicht in jeder Szene unter Hochspannung stand, dürfte aber auch er bemerkt haben. Das ist verständlich, darf aber trotzdem nicht passieren. Vor allem, weil es auch individuelle Schwächen der Deutschen offenlegte.
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WM 2026: "Aura Neuer"? Kein Stürmer hat mehr Angst
Und die beginnt bereits im Tor - zumindest so halb. Beim Comeback von Manuel Neuer wurde oft die "Aura" des fünffachen Welttorhüters gesprochen. Aber ist die wirklich noch da? Freilich, spätestens ab 2014 und der legendären WM in Brasilien sowie dem ebenso legendären Achtelfinale gegen Algerien gab es den "Neuer-Effekt".
Aber gibt es den immer noch? Fakt ist, dass in jedem Spiel der erste Torschuss des Gegners drin war. Logisch war auch Pech dabei und Schuld war der 40-Jährige an keinem dieser drei Gegentore. Aber unpräziser schossen die drei Torschützen der Gegner auch nicht, weil der Keeper des FC Bayern nur böse guckte, das ist ebenfalls Fakt.
Nach dem 1:2-Gegentor gegen Ecuador, bei dem Neuer mindestens mal unglücklich aussah, hieß es, dass er "auf keinen Fall" Schuld sei. Nicht von Bundestrainer Nagelsmann, nicht von einem Mitspieler - von Neuer selbst. Es ist verständlicher Selbstschutz. Aber hilft das der Mannschaft gerade?
Stünde Demut aktuell nicht etwas besser? Ebenfalls ein Fakt ist: Oliver Baumann hätte bisher keinen schlechteren Job gemacht. Die Rückholaktion Neuers ist, Stand nach der Gruppenphase, bislang ohne Wirkung geblieben.
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DFB-Team: Schlotterbeck-Ausfall der Super-GAU - Kimmich-Debatte ist nicht das einzige Problem
Auch die Abwehr ist nicht mehr so stabil wie sie vor Turnierbeginn schien. Das hat auch klare Gründe: Der Ausfall von Nico Schlotterbeck. Dass der Dortmunder verletzt fehlt, ist der Super-GAU. Kein anderer Innenverteidiger ist Linksfuß, kein anderer ist so gut im Antizipieren wie er und kein anderer hat so einen guten Spielaufbau.
Das war gegen Ecuador gleich zu merken. Gefühlt waren die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen viel zu hoch. "Wenn man in einem tiefen Block spielt, dann muss man es auch richtig machen", monierte Rio-Weltmeister Mats Hummels. Viel zu oft kamen die Südamerikaner mit einem Zuspiel an den DFB-Strafraum.
Es geht um Abstände, um Bereitschaft, um Grundtugenden. Sicher funktionierte auch gegen Elfenbeinküste nicht alles, aber im Gegensatz zum jüngsten Gruppenspiel waren all diese Eigenschaften - spätestens in der 2. Halbzeit - bei jedem deutlich erkennbar. Wenn der feine Dietrich versagt, muss eben manchmal die grobe Brechstange ran.
Das zeigt auch: Die Position von Joshua Kimmich ist nicht das einzige Problem. Der Kapitän ist, egal wo er spielt, verlässlich. Aber auch von ihm hätte gerade verbal mehr kommen müssen. Gegen die Elfenbeinküste schrie er beispielsweise Nadiem Amiri an, der nach einem schmerzhaften Pferdekuss liegen blieb. So laut, dass man es in der letzten Reihe von Vancouver noch hörte. Gegen Ecuador? Nichts dergleichen.
Nagelsmann wird mitten im Turnier zudem wohl kaum seine Grundordnung ändern. Auf einmal ein 3-4-2-1-System? Das ergäbe wenig Sinn. Ein anderer Rechtsverteidiger? Auf den verzichtete Nagelsmann im Kader.
DFB-Team - Die Causa Pavlovic: Ein Kroos würde dem Spiel gut tun
Während Nmecha wenigstens noch gegen Curacao und die Elfenbeinküste glänzte, läuft das Turnier an Aleksandar Pavlovic gänzlich vorbei. Es scheint, als würde dem Bayern-Star nichts gelingen wollen. Zuletzt spielte er gar zwei Mal einen Ball völlig unbedrängt ins Aus, verlor etliche Bälle in der eigenen Spielhälfte.
Fehlt ihm also ein strategischer, erfahrener Partner? "Das hat auch viel mit Erfahrung zu tun", meinte etwa Tobias Schweinsteiger bei "Magenta TV" - und erinnerte an die erfolgreichste Zeit des DFB-Teams: "Man braucht manchmal einfach dieses Gespür, so wie das mein Bruder (Bastian Schweinsteiger, d. Red.) oder Toni Kroos hatten."
Eigentlich logisch: Was unterscheidet die aktuell fahrige Mannschaft von dem Team, das 2024 eine Euphorie bei der EM im eigenen Land auslöste? Die Schaltzentrale mit der Nummer acht.
Kroos wusste, wann er sich fallen lassen, wann er das Spiel beschleunigen oder verlangsamen muss, wann er den tiefen Ball in die Spitze oder lieber den Querpass auf seinen Nebenmann wählte.
Jenes von Schweinsteiger angesprochene Gespür können Pavlovic und Nmecha qua ihres noch jungen Alters (22 und 25) fast noch nicht haben. Das ist eine Fähigkeit, die man sich nur durch regelmäßige Spiele auf allerhöchstem Niveau holen kann. So weit war Kroos auch in Pavlovics Alter noch nicht.
Gleichwohl hilft diese Erkenntnis dem DFB-Team bei der aktuellen WM nicht weiter. Nagelsmann muss sich also entscheiden zwischen Nibelungentreue zu Pavlovic und kurzfristigen Umstellungen.
DFB-Sorgenkinder Jamal Musiala und Florian Wirtz
Dann wäre da noch die Offensive. Die Dribbelkünstler Florian Wirtz und Jamal Musiala sind nicht in Bestform. Gerade Letzterer ist noch weit entfernt davon, der quirlige und unbekümmerte Spieler zu sein, der er vor seiner schweren Verletzung war.
Auch Wirtz, der sich im Frühling beim FC Liverpool leistungsmäßig freischwamm und beim 4:3-Sieg der DFB-Auswahl in der Schweiz nicht weniger als eine Weltklasse-Leistung aufs Feld zauberte, schwächelt. Beide gewannen jeweils nur drei Dribblings gegen Ecuador. Für Spieler, die gerne ins Eins-gegen-Eins gehen, viel zu wenig.
Dass Leroy Sane auf dem rechten Flügel die beste Partie seiner bisherigen WM machte, ist beinahe schon ironisch, wird doch auch seine Leistung vom kläglichen Abschluss kurz vor dem zweiten Tor Ecuadors überschattet, als er freistehend Keeper Hernan Galindez in die Arme schoss. Und Kai Havertz hing die komplette Spielzeit über in der Luft, hatte aber auch wenig Unterstützung.
Die Idee, die vier Einzelkönner stets rochieren zu lassen und so für Verwirrung und Unordnung zu sorgen, damit einzelne Geistesblitze etwaige Räume nutzen können, ist auf dem Papier hervorragend. Nicht aber, wenn es für Chaos und teilweise Ratlosigkeit bei der eigenen Offensive sorgt.
Oft sind Räume doppelt besetzt, manche dagegen gar nicht. Das Spiel im letzten Drittel hakt bei Deutschland.
DFB-Team: Wie lange kann Nagelsmann auf Undav und Stiller verzichten?
Die Hoffnung mancher Fans, Kimmich bald wieder im Mittelfeld zu sehen, schloss Nagelsmann zwar nicht aus, im Unterton machte der Bundestrainer jedoch klar, dass das eigentlich keine Option ist.
Weniger unantastbar ist jedoch Pavlovic Auch den wolle der Bundestrainer zwar halten, aber nach zwei schwachen Leistungen steht die Tür für Angelo Stiller offen. Der VfB-Star betrieb gegen Ecuador beinahe als Einziger Eigenwerbung, war beweglich und bot sich stets an. Stiller scharrt mit den Hufen.
Apropos VfB-Star, Mannschaftskollege Deniz Undav blieb gegen Ecuador zwar genau so blass wie alle Anderen, analog zu Havertz wurde aber auch er von seinen Hinterleuten im Stich gelassen. Der Bundestrainer argumentiert gegen die Startelf und da, dass Undav als Joker besser funktioniere. Das würde der eigenen Mannschaft nochmal Energie geben.
Aber was, wenn man Musiala einwechselt? Würde das diesen Effekt nicht genau so bringen? Ein frischer Dribbler gegen müde Abwehrbeine? Fakt ist: Musiala ist aktuell weniger gefährlich als Undav.
So könnte auch die Statik ein wenig stabilisiert werden: Havertz als klarer Zehner oder hängende Spitze, Undav als klarer Mittelstürmer. Weniger Chaos, mehr Struktur. Das dürfte den Arsenal-Profi nicht daran hindern, bei Angriffen in den Strafraum zu drängen.
Vor dem wahrscheinlichen Sechzehntelfinale gegen Paraguay wird sich der Bundestrainer einige Gedanken machen müssen. Und zu Entscheidungen kommen.
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