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Tennis

Alexander Zverev bei den French Open - Michael Kohlmann: "Sehe ihn mental auf einem sehr hohen Niveau"

Veröffentlicht:

von Andreas Reiners

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Alexander Zverev privat: Erfolg, Hundeliebe und Rückzug vom Rampenlicht

Videoclip • 03:12 Min • Ab 12


Alexander Zverev hofft bei den French Open auf seinen ersten Grand-Slam-Sieg. Tennis-Bundestrainer Michael Kohlmann erklärt im ran-Interview, wie das klappen kann.

Das Interview führte Andreas Reiners

Ein Grand-Slam-Sieg. Ein solcher Triumph fehlt Alexander Zverev noch. Bei den anstehenden French Open nimmt der Deutsche mal wieder einen Anlauf, um sich seinen großen Traum zu erfüllen.

Zuletzt beim Masters in Rom schied er bereits im Achtelfinale aus, auf sein Heimturnier in Hamburg verzichtete er, um fit zu sein für den Sandplatz-Showdown in Paris.

Die große Frage: Ist der 29-Jährige bereit für den ersehnten großen Wurf?

"Ich sehe ihn in diesem Jahr definitiv als einen der Top-Favoriten", sagt Tennis-Bundestrainer Michael Kohlmann im ran-Interview. Der Davis-Cup-Kapitän erklärt zudem, wie selbstkritisch Zverev wirklich ist, was Veränderungen am Spielstil bewirken und warum auch Jannik Sinner schlagbar ist.

Kohlmann: Zverev-Pleite "nichts Beunruhigendes"

ran: Herr Kohlmann, Alexander Zverev ist in Rom bereits im Achtelfinale gescheitert. Wie bewerten Sie die Niederlage?

Michael Kohlmann: Bis zum 6:1, 5:3 hat er das Match klar dominiert. Selbst im Tie-Break hätte er es entscheiden können, da hatte er vier Matchbälle (am Ende 6:1, 6:7, 0:6 gegen Luciano Darderi, d. Red.). Deshalb ist das eine Niederlage, über die er sich vermutlich besonders ärgert. Nicht, weil er klar unterlegen gewesen wäre, sondern weil er es nicht geschafft hat, das Match zuzumachen. Man darf dabei aber nicht vergessen: Er hat in diesem Jahr extrem konstant gespielt, fast immer Halbfinale oder Finale erreicht. Insofern ist das aus meiner Sicht nichts Beunruhigendes.

ran: Solche Ausrutscher gehören dazu?

Kohlmann: Ja, absolut. Das war auch kein einfaches Match. Die Bedingungen waren schwierig, denn es war ziemlich windig, die Stimmung auf dem Platz aufgeheizt, und auch der Court selbst war offenbar nicht in optimalem Zustand. Unter solchen Umständen können solche Spiele immer mal passieren. Außerdem hat er gegen einen Top-20-Spieler verloren, der aktuell in guter Form ist. Auf diesem Niveau ist das keine Überraschung. Und ich sehe nicht, dass ihn das nachhaltig verunsichert. Das war ein einzelnes Match, und sein großes Ziel, Paris, wird er dadurch sicher nicht aus den Augen verlieren.

ran: Er hat sich nach dem Spiel deutlich über die Platzverhältnisse beschwert. In den sozialen Medien kommt sofort wieder der Vorwurf auf, er suche Ausreden. Wie bewerten Sie das?

Kohlmann: Man muss das einordnen. Direkt nach einem Spiel sind Emotionen im Spiel, das kennt man aus dem Fußball genauso. Dann fallen oft Aussagen, die man mit etwas Abstand vielleicht anders formulieren würde. Ich sehe das eher als Zeichen dafür, dass ihn die Niederlage wirklich beschäftigt hat. Trotzdem gilt: Beide Spieler hatten damit zu kämpfen. Das weiß er auch selbst. Deshalb würde ich das Thema nicht größer machen, als es ist.

ran: Ihm wird immer wieder vorgeworfen, nicht selbstkritisch genug zu sein. Wie selbstkritisch ist er?

Kohlmann: Ich halte diesen Vorwurf für falsch. Er hinterfragt sehr viel, vor allem intern. Man darf nicht alles, was nach außen transportiert wird, mit dem gleichsetzen, was hinter den Kulissen passiert. Gerade wenn man sich anschaut, wie er die Saison angegangen ist, sieht man das deutlich. Schon Mitte des vergangenen Jahres hat er begonnen, an seiner Spielweise zu arbeiten, Dinge zu hinterfragen und Anpassungen vorzunehmen. Er ist sicher keiner, der sich hinstellt und sagt: "Ich bin der Beste, was wollt ihr eigentlich?" Im Gegenteil: Er hat klare Ziele und arbeitet sehr konsequent darauf hin. Und dazu gehört eben auch, Dinge immer wieder zu überprüfen und zu verändern, wenn es nötig ist.

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Kohlmann: Den Blick für Details noch einmal schärfen

ran: Gibt es aus dieser Niederlage trotzdem etwas, das man als Warnsignal mit Blick auf Paris sehen kann?

Kohlmann: Ein Warnsignal würde ich das nicht nennen. Solche Niederlagen können eher dazu führen, dass man noch fokussierter wird. Gerade bei Grand Slams geht es darum, von Beginn an extrem konzentriert zu sein, auch in Matches, die man eigentlich kontrolliert. Es ist wichtig, diese Spiele sauber zu Ende zu bringen und dabei möglichst wenig Energie zu verlieren. Das ist am Ende oft der entscheidende Faktor: in den frühen Runden effizient durchzukommen, um in den entscheidenden Phasen in der zweiten Woche noch genügend Reserven zu haben. Insofern kann so eine Niederlage den Blick für Details noch einmal schärfen.

ran: Die Saison ist insgesamt sehr ordentlich, auch wenn noch kein Titel dabei ist. Fehlt ihm in den entscheidenden Momenten der letzte Killerinstinkt?

Kohlmann: Ich würde es nicht nur auf den Killerinstinkt reduzieren. Wenn man sich die letzten Duelle anschaut - etwa gegen Jannik Sinner oder auch gegen Carlos Alcaraz bei den Australian Open -, dann geht es auf diesem Niveau um mehr als nur Nervenstärke. Es sind oft sehr enge Matches, in denen es darum geht, Lösungen zu finden. Gerade gegen diese Topspieler ist es ein ständiges Anpassen: Was funktioniert? Was muss ich verändern? Wie kann ich das Match in meine Richtung drehen?

ran: Also eher ein taktisches Thema?

Kohlmann: Ich glaube, er ist aktuell in einer Phase, in der er viel ausprobiert, um genau diese Matches für sich zu entscheiden. Gegen den Großteil des Feldes weiß er, dass er sie schlagen kann. Aber gegen die absoluten Topspieler geht es um Nuancen. Und da entstehen auch Serien. Das hat man früher schon gesehen, etwa bei Rafael Nadal und Roger Federer: Da gewinnt mal der eine mehrere Matches in Folge, dann dreht sich das wieder.

ran: Wie durchbricht man diese Serien?

Kohlmann: Genau daran wird gearbeitet, mit seinem Team, mit Analysten, mit allen Beteiligten. Entscheidend wird sein, diese Lösungen dann auch in den ganz großen Matches über zwei Wochen hinweg abzurufen. Denn durch seine Setzliste trifft er auf diese Gegner meist erst in den späten Runden. Ich bin mir sicher, dass genau dort aktuell der Fokus liegt: Wege zu finden, diese Spiele künftig für sich zu entscheiden.

ran: Alcaraz wird bei den French Open fehlen. Wie groß ist aktuell der Abstand zu Sinner?

Kohlmann: Im Moment hat man das Gefühl, dass Sinner kaum zu schlagen ist. Er gewinnt ein Turnier nach dem anderen. Aber man darf das nicht überbewerten. Auch Sinner ist nicht unverwundbar. Wenn jemand sein bestes Tennis auf den Platz bringt, kann er ihn schlagen - auch Sascha. Natürlich gehört auf diesem Niveau auch dazu, dass der Gegner mal nicht seinen absoluten Sahnetag hat. Aber diese Serien, in denen einer alles gewinnt, gehen im Tennis immer irgendwann zu Ende.

ran: Er hat zuletzt seinen Spielstil etwas angepasst, ist offensiver geworden. Wie bewerten Sie das?

Kohlmann: Mit seinem bisherigen Stil war er extrem erfolgreich. Er war die Nummer zwei der Welt und zeitweise sehr nah an Platz eins, vor allem durch seine enorme Konstanz. Gleichzeitig war genau das auch ein Kritikpunkt: dass dieser Stil über zwei Wochen bei Grand Slams nicht immer gereicht hat. Mit seinen Voraussetzungen - starker Aufschlag, große Reichweite, gute Übergänge ans Netz - hat er aber alle Möglichkeiten, auch deutlich offensiver zu spielen. Und genau das kann ein entscheidender Faktor sein.

Zverev: "Er kann Matches schneller entscheiden"

ran: Welche Möglichkeiten eröffnen sich ihm dadurch?

Kohlmann: Er kann Matches schneller entscheiden. Gegen viele Gegner muss er sie nicht mehr nur zermürben, sondern kann sie aktiv dominieren. Das ist ein wichtiger Unterschied: Wenn du offensiver spielst, nimmst du das Geschehen stärker selbst in die Hand. Gerade in den entscheidenden Momenten kann das den Unterschied ausmachen. Ich glaube, dass genau diese Entwicklung ihm in Zukunft helfen wird, vor allem bei großen Turnieren.

ran: Kann diese Entwicklung der letzte Baustein sein, damit es endlich mit dem Grand-Slam-Titel klappt?

Kohlmann: Er war ja schon mehrfach sehr nah dran. Und gerade bei einem Grand Slam über zwei Wochen kann unglaublich viel passieren. Auch er selbst hatte zuletzt in Rom mit kleineren Problemen zu kämpfen. Das zeigt, wie schnell sich Dinge verändern können. Deshalb sehe ich ihn in diesem Jahr definitiv als einen der Top-Favoriten.

ran: Wie geht er selbst mit diesem Thema Grand-Slam-Sieg um? Ist das ein Rucksack, den er ständig mit sich herumschleppt und der Druck erzeugt?

Kohlmann: Natürlich ist das Thema Grand-Slam-Sieg präsent, auch von außen. Trotzdem sehe ich ihn nicht als jemanden, der dauerhaft einen "Rucksack" mit sich herumträgt. Er ist ein absoluter Top-Profi, der schon viele Drucksituationen gemeistert hat. Und ich glaube, dass bei ihm die Lust auf den großen Titel deutlich überwiegt.

ran: Kann man den Druck im Vorfeld zusätzlich trainieren?

Kohlmann: Das lässt sich schwer vorwegnehmen. Wenn man in solchen Situationen ist – etwa in einem Grand-Slam-Finale -, dann verändert sich natürlich etwas. Der Druck steigt, das Kopfkino setzt ein. Aber das sind Momente, die man kaum simulieren kann. Man kann sich das im Training vorstellen, aber wenn es wirklich passiert, ist es noch einmal eine andere Dimension.

ran: Wie erleben Sie ihn aktuell mental?

Kohlmann: In dieser Saison wirkt er auf mich sehr stabil. Auch in schwierigen Situationen - etwa zuletzt in dieser extrem aufgeheizten Atmosphäre – war er auffallend ruhig und fokussiert, hat die Kontrolle behalten, selbst nach kleineren Fehlern. Das ist ein sehr positives Zeichen. Insgesamt sehe ich ihn mental aktuell auf einem sehr hohen Niveau.

ran: Würde ein Grand-Slam-Sieg auch sein Standing in Deutschland noch einmal deutlich verändern?

Kohlmann: Für mich gehört er sportartübergreifend schon jetzt zu den größten Athleten, die Deutschland hat. Mit dem Olympiasieg in Tokio hat er bereits etwas sehr Großes vollbracht, das bleiben wird und ihm auch über den Tennissport hinaus große Anerkennung eingebracht hat. Ob ein Grand-Slam-Sieg da überhaupt noch grundlegend etwas dran ändern kann, bin ich mir nicht sicher.

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Zverev - und wer noch?

ran: Wie sind grundsätzlich Ihre Hoffnungen – neben Zverev - für die French Open und darüber hinaus?

Kohlmann: Ich hoffe natürlich auf möglichst viele deutsche Erfolge. Aktuell ist es oft so, dass im Verlauf eines Turniers am Ende nur noch Sascha übrig bleibt. Mit Spielern wie Zverev, Daniel Altmaier, Jan-Lennard Struff und Yannick Hanfmann haben wir zwar aktuell mehrere Profis im Hauptfeld, aber dahinter klafft eine Lücke.

ran: Wie lässt sich diese Lücke schließen?

Kohlmann: Es gibt talentierte Nachwuchsspieler, die im Juniorenbereich gute Ergebnisse erzielt haben. Auch zuletzt gab es wieder Erfolge bei wichtigen Turnieren. Jetzt geht es darum, diesen Übergang in den Profibereich zu schaffen. Diese Generation muss die entstandene Lücke perspektivisch schließen. Bis dahin wird es entscheidend sein, dass die etablierten Spieler weiter konstant performen und für Erfolge sorgen.

ran: Wie optimistisch sind Sie, dass diese Lücke zeitnah geschlossen wird?

Kohlmann: Dass sie geschlossen wird, da bin ich sehr optimistisch. Die Frage ist eher, was "zeitnah" bedeutet. Kurzfristig geht es darum, wieder mehr Spieler auf Grand-Slam-Niveau in die Qualifikation zu bringen. In diesem Jahr war das Feld aus deutscher Sicht sehr dünn. Mein Ziel wäre, dass wir schon im nächsten Jahr deutlich mehr Spieler in den Qualifikationen sehen und perspektivisch auch wieder stärker in den Hauptfeldern vertreten sind. Das wird ein schrittweiser Prozess, aber die Entwicklung ist grundsätzlich da.

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