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NBA-Playoffs: Cleveland Cavaliers nach historischem Game-1-Kollaps: War das schon die Serie?

Aktualisiert:

von Ole Frerks

:newstime

Erster offen schwuler NBA-Profi ist tot

Videoclip • 01:24 Min • Ab 12


Die Cleveland Cavaliers machten in Spiel 1 gegen die Knicks lange fast alles richtig – ehe sie einen der schlimmsten Kollapse der Playoff-Geschichte erlebten. Wie konnte so schnell so viel schiefgehen? Und was hat der Einbruch für den Rest der Serie zu bedeuten?

Wie soll man einen Kollaps erklären, den es in der Form in all den Jahren zuvor erst einmal gegeben hat? Einen 22-Punkte-Vorsprung, der sich binnen sieben Minuten in Luft auflöste?

Nun, so zumindest nicht: "Wir hatten ein bisschen Pech, ehrlich gesagt", sagte Cavs-Coach Kenny Atkinson nach der 104:115-Niederlage nach Verlängerung gegen die New York Knicks. Ob das ernst gemeint war?

Viele Faktoren führten zu diesem Einbruch, Pech war sicherlich nicht der größte. Atkinson selbst traf im Schlussviertel eine ganze Reihe an Entscheidungen und Nicht-Entscheidungen, die sein Team in gewisser Weise sabotierten. Das Team wiederum bekleckerte sich ebenso nicht mit Ruhm, gab sich seinen problematischsten Tendenzen hin, verfiel in eine kollektive Lethargie.

Das war umso bitterer, weil sich Cleveland dadurch die sehr gute Arbeit der vorigen Viertel kaputtmachte. Die Cavs sind in dieser Serie der Außenseiter, eigentlich waren sie trotzdem in bestmöglicher Position, den euphorisierten Knicks direkt den Heimvorteil zu klauen. Sie zeigten, dass sie nicht nur mithalten konnten. Sie fanden viel, was funktionierte.

Bis sie auf einmal nahezu alles davon vergaßen. Wie konnte das so schnell so schief gehen?

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New York Nicks: Ein spätes Erwachen

Die Geschichte des vierten Viertels ist im Prinzip schnell erzählt. Die zuvor über drei Viertel schlechte Knicks-Offense legte ihren Stupor ab, allen voran deshalb, weil sich ihr Coach Mike Brown dazu entschied, seine Non-Shooter auf die Bank zu beordern und stattdessen mit Landry Shamet auf besser spacende Lineups zu setzen.

Diese Veränderung entfesselte allen voran Jalen Brunson, der endlich mehr Platz zum Operieren erhielt und oft keine zweite Linie der Defense mehr vorfand, wenn er die erste geschlagen hatte. Die erste Linie wiederum war ihre eigene Geschichte wert. Denn Cleveland schenkte den Knicks für mehrere Minuten am Stück immer wieder das Matchup, das sie haben wollten.

Im Detail sah das so aus: Brunson holte sich den Blocksteller OG Anunoby ran, der von James Harden verteidigt wurde. Die Aktion wurde geswitcht, ohne dass Anunoby sich darum wirklich bemühen musste – die Cavs gaben diesen Tausch ab, als wäre es eine gute Idee für sie. War es nicht. "Es war kein Geheimnis: Wir haben Harden attackiert", sagte Brown danach.

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Cleveland Cavaliers: James Harden allein auf der Insel

Die Resultate sprachen Bände. Der 36-Jährige, der auch in seiner Blütezeit bereits kein guter On-Ball-Verteidiger gegen Guards war, wurde von Brunson, einem der besten Isolation-Scorer der Liga, an seinem Bart durch die Manege geführt. Immer wieder ging der Knicks-Captain an Harden vorbei und schloss ab, 15 Punkte markierte er allein in diesem Viertel.

Zach Kram von "ESPN" zufolge attackierten die Knicks Harden mit insgesamt 27 Screens, so oft wie noch nie in seiner Karriere in einem Spiel. Allein im vierten Viertel und in der Overtime musste Harden neun Isolations verteidigen, also die Medizin schlucken, die er in früheren Zeiten selbst regelmäßig Konkurrenten verabreicht hatte.

Die Knicks scorten unglaubliche 1,9 Punkte aus diesen Possessions, im Prinzip waren sie für sie also freie Korbleger. Selbst wenn Brunsons unheimliches Shotmaking dabei ebenfalls eine Rolle spielte: Es war von Anfang an schwer zu fassen, wie die Cavs dieses Duell immer wieder hergaben.

Noch schwerer zu fassen: "Er ist bisher einer unserer besten Verteidiger in diesen Playoffs gewesen", sagte Atkinson danach auf die Frage, ob er überlegt habe, Harden in dieser Phase auf die Bank zu setzen. "Ich vertraue ihm. Er ist smart, hat starke Hände. Ich habe da nicht drüber nachgedacht."

Cleveland Cavaliers: Sehenden Auges ins Verderben

Es war eine falsche Bewertung dieser Situation, ziemlich offensichtlich. Es war nicht die einzige. Die Defense gegen Brunson wurde erst spät angepasst, und die große Anpassung bestand dann auch bloß darin, dass via Sam Merrill ein Double-Team kam, um den Ball aus Brunsons Händen zu bekommen. Zu diesem Zeitpunkt lag das Momentum allerdings längst bei den Knicks.

Was auch daran lag, dass Atkinson kaum einwirken konnte, oder wollte. Während die Knicks via 30:8-Run (!) das Spiel auf den Kopf stellten, nahm er lediglich eine einzige Auszeit, hob sich den Rest für später auf. Was normalerweise vertretbar sein könnte, aber in dieser Phase wirkte sein Team gerade offensiv so ideenlos, dass eine Ansprache zwingend nötig gewesen wäre.

Oder ein, nun, Play. Über das gesamte vierte Viertel spielten die Cavs fast ausschließlich eine Prevent-Offense, in der Harden versuchte zu isolieren, und dabei die Uhr runterdribbelte. Donovan Mitchell, der das Spiel über drei Viertel mit 26 Punkten phasenweise dominiert hatte, spielte keine Rolle mehr, sah oft gar nicht mehr den Ball.

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Cleveland Cavaliers: Wo ist die Rotation?

Ab einem gewissen Zeitpunkt spielte Cleveland nicht mehr wie ein Team, das gewinnen wollte, sondern wie eins, das nicht verlieren wollte. Es war offensichtlich zu früh, um in diesen Verwalter-Modus zu schalten, zumal Harden mit Ausnahme eines Midrange-Jumpers 31 Sekunden vor Schluss als Scorer nichts mehr gelang (1/7 FG im 4. Viertel und OT).

Auch personell trafen die Cavs dabei einige kuriose Entscheidungen. Lange spielten während des Einbruchs die Starter, also die beiden Star-Guards, die beiden Bigs plus Dean Wade, der als Defensivspezialist gilt, vorne aber kaum etwas beiträgt. Da die Cavs ihn permanent von Brunson wegswitchen ließen, konnte Wade in dieser Phase aber auch defensiv nicht viel beitragen.

Max Strus hingegen spielte im vierten Viertel bloß knapp 4 Minuten, Merrill kam auf 5:31. Beide hätten der Offense dank ihres Movement-Shootings aus ihrer Lethargie helfen können (Strus erzielte in der Overtime das einzige Field Goal der Cavs). Und auch Dennis Schröder hätte womöglich eine Rolle spielen sollen.

Cleveland Cavaliers: Dennis Schröder mit Licht und Schatten

Der DBB-Kapitän erlebte selbst ein sehr wechselhaftes Spiel. Seine Minuten in der ersten Hälfte verliefen gelinde gesagt katastrophal – der erste Wurf saß, danach schoss Schröder jedoch

Fahrkarte um Fahrkarte (insgesamt 1/9) und hatte defensiv massive Probleme mit Brunson. Die Cavs "verloren" seine knapp neun Minuten mit -11, und das war kein Zufall.

In seinem zweiten Stint des Spiels drehte sich dies jedoch. Schröder war prominent beteiligt bei der besten Offensiv-Phase der Cavs in den Vierteln drei und vier, als diese sich ihren Vorsprung herausspielten. Nicht als Scorer, aber als Playmaker aus dem Short-Roll heraus, in dieser Phase ermöglichte Schröder seinen Teamkollegen gute Looks und nahm Druck von Harden.

Er passte zudem auf den Ball auf (5 Assists, 0 Turnover), was den Cavs in dieser Partie ansonsten ziemlich schwerfiel (19 TOs). Er half dabei, den Ball schnell zu machen, die in den Playoffs bisher so gute Knicks-Defense bisweilen ziemlich porös aussehen zu lassen. Als er zum letzten Mal den Court verließ, führten die Cavs mit 20 – danach ging es schnell bergab.

Was nicht heißt, dass er das Spiel hätte closen müssen. Schröder spielt bisher durchwachsene Playoffs, schafft es nicht konstant, sich für mehr Minuten aufzudrängen. Die Effizienz fehlt schon die gesamte Postseason über (37,2% FG), von einzelnen Top-Spielen (etwa Game 5 gegen Toronto) mal abgesehen.

Weniger wegen seines Sprungwurfs, Schröder trifft sowohl am Ring (44%) als auch aus der Floater-Range (25%) sehr schwach, und dieses Problem war auch in Spiel 1 wieder zu sehen. Sein einziger Treffer war ein freier Dreier aus der Ecke, sein Finishing war erneut nicht da, obwohl er einige gute Looks hatte. Vielleicht hätte er dennoch etwas bewegen können.

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Cleveland Cavaliers: Kein Mangel an Optionen

So oder so: Frustrierender als die Schröder-Personalie allein war die Tatsache, dass Atkinson grundsätzlich so wenig versuchte. Eigentlich ist der Cavs-Kader zu gut und zu tief dafür, sich in einer solchen Phase so abhängig vom 36-jährigen Harden zu machen, während dieser vom Gegner aufgefressen wird. Eigentlich zeigte der Kader dies auch über 40 Minuten des Spiels.

Was den Cavs für den Rest der Serie ja durchaus Hoffnung machen könnte: Wenn sie den Ball schnell bewegen, dabei Turnover vermeiden und für gutes Spacing sorgen (oft und gerne mit nur einem der zwei Bigs), können sie New York vor Probleme stellen, Platz für die dynamischen Drives von insbesondere Mitchell schaffen und Brunson sowie Karl-Anthony Towns besser attackieren, als es Philly und Atlanta in den Serien zuvor vermochten.

Es war angesichts dessen besonders schräg, wie sehr die Schlussphase des Spiels an einer Figur hing. Nur ein Akteur in dieser Partie absolvierte die kompletten 17 Minuten des vierten Viertels und der Verlängerung: James Harden, der älteste Spieler in dieser Serie. In dessen MVP-Jahren wäre das nachvollziehbar gewesen. 2026 kann es nicht der Weg sein.

Cleveland Cavaliers: Wie sieht die Antwort aus?

Es führten viele Faktoren dazu, dass die Cavs, die bereits zwei Sieben-Spiele-Serien in den Knochen haben, nicht mit einer Führung entspannt in Spiel 2 gehen können. Dass sie stattdessen nun massiv unter Druck sind, ein noch größerer Außenseiter in der Serie als zuvor ohnehin schon.

Die gute Nachricht ist, dass die Cavs gesehen haben, dass sie den Knicks wehtun können, auch defensiv, wo vor allem dank Evan Mobleys Defense gegen Towns wenig von der zuletzt so beeindruckenden, vom Big Man initiierten Knicks-Offense zu sehen war. Sie müssen selbst besser auf den Ball aufpassen, abgesehen davon lieferten sie in Spiel 1 schon eine Blaupause dafür, wie sie die Knicks schlagen können – sie zogen es nur nicht bis zum Ende durch.

Was in gewisser Weise zu ihnen passt: Schon die gesamten Playoffs über sind die Cavs ein Jekyll- und Hyde-Team, das mal wie ein Contender aussieht und mal fast schon peinliche Auftritte hinlegt. In der Regel haben sie sich von allen Nackenschlägen, zuletzt etwa der Rutsche in Game 6 gegen Detroit, nicht beirren lassen und schnell erholt.

"Wir haben es bisher ziemlich gut geschafft, wieder aufzustehen eine Antwort zu finden. Das ist jetzt nichts Anderes", sagte Harden nach Game 1. Vielleicht hatte er Recht. Es fühlte sich jedoch anders an, wie eine dieser Pleiten, die ein Team noch für lange Zeit verfolgen könnte. Zumal es eben nicht "ein bisschen Pech" war, das dazu führte.

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