3. Liga
Hansa Rostock - Immer wieder Fan-Randale: Hat der Verein gegen die Ultras keine Chance?
Aktualisiert:
von Andreas Reiners3.8.2025, Fußball, GER, Herren, 3. Liga, DFL, 1. Spieltag, Saison 2025/2026, FC Erzgebirge Aue - FC Hansa Rostock Die Fans des FC Hansa Rostock zünden Bengalos und Rauchtöpfe. Aue Erzgebirgsstadion Sachsen Deutschland *** 3 8 2025, Football, GER, Men, 3 Liga, DFL, 1 Matchday, Season 2025 2026, FC Erzgebirge Aue FC Hansa Rostock The fans of FC Hansa Rostock light Bengalos and smoke pots Aue Erzgebirgsstadion Sachsen Germany
Bild: IMAGO/Ostseephoto
Fans von Hansa Rostock fallen immer wieder negativ auf, Verein und Polizei bekommen das Problem nicht in den Griff. ran hat mit einem Fanforscher über Hintergründe und mögliche Lösungen gesprochen.
Das Interview führte Andreas Reiners
Ausschreitungen. Vandalismus. Rassismus. Oder Homophobie.
Es ist eine breite Palette an Fehltritten, die sich Teile der Fans von Drittligist Hansa Rostock leisten. Sie lassen keine Gelegenheit liegen, um negativ aufzufallen.
Grundsätzlich ist so ein Fehlverhalten nicht unbedingt ein exklusives Rostocker Problem, in Intensität, Brutalität und Häufung allerdings schon.
Fans von Hansa Rostock sollen Personen im Zug rassistisch beleidigt haben
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Sind die Hansa-Fans also die schlimmsten in Deutschland? Warum benimmt sich die Szene dort immer wieder so gezielt daneben? Und welche Lösungsmöglichkeiten gibt es? Wir haben mit dem Fanforscher Dr. Harald Lange über die Problematik gesprochen.
Das Wichtigste in Kürze
ran: Herr Lange, nach dem Spiel zuletzt in Aue gab es wohl rassistische Beleidigungen gegen Reisende durch Hansa-Fans. Nach dem Motto: Endlich wieder Fußball und endlich wieder Randale?
Harald Lange: Das könnte man so sehen, wobei man bei diesem konkreten Fall in Aue genauer hinschauen muss. Es war eine sehr kleine Gruppe. Wenn ein Verein ohnehin unter besonderer Beobachtung steht, bekommt selbst ein kleiner Vorfall sofort Alarmsignal-Charakter. Neben den Beleidigungen gab es ja auch noch die Schmiererei am eigenen Mannschaftsbus. Das bewegt sich in einer Grauzone, zumal es eine Reaktion auf die erste Schmiererei war. Beide Vorfälle würde ich aktuell noch nicht hochkochen. Aber: Passiert ein dritter, dann muss man das Hansa-Problem wieder größer thematisieren.
ran: Ganz grundsätzlich gefragt: Sind die Hansa-Fans die schlimmsten in Deutschland?
Lange: Sie liefern leider immer wieder Beispiele, die diese Einschätzung rechtfertigen – und das nicht nur punktuell, sondern schon seit vielen Jahren. Die Fans von Hansa Rostock fallen regelmäßig durch Gewalt und Grenzüberschreitungen auf. Gleichzeitig ist zu erkennen, dass die Vereinsführung realisiert, wie sehr dieses Verhalten dem Image des Vereins schadet. Doch offensichtlich fehlt die Handhabe oder die Durchsetzungskraft, um regulierend einzugreifen.
ran: Hat denn der Osten ein größeres Gewaltproblem als der Westen?
Lange: Man könnte vorschnell "Ja" sagen. Rostock, Dresden und einige andere sind immer wieder in den Schlagzeilen. Doch es wäre zu einfach, daraus ein Ost-West-Problem zu machen. Denn dann müsste man ja fast eine historische oder gesellschaftliche Erklärung heranziehen – etwa, dass die Vergangenheit in der DDR noch heute in den nachfolgenden Generationen spürbar sei. Doch dafür gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse. Ja, es fällt auf, dass einige problematische Fanszenen aus dem Osten kommen. Doch es gibt auch westdeutsche Vereine mit ähnlichen Strukturen, etwa in manchen Ruhrgebietsklubs.
Hansa Rostock: "Gewaltbereitschaft hängt oft mit sozialen Faktoren zusammen"
ran: Trotzdem hat man den Eindruck, dass es gewaltsamer zugeht, enthemmter…
Lange: Vielleicht muss man das Thema auf einer ganz anderen Ebene betrachten. Gewaltbereitschaft – vor allem unter Jugendlichen – hängt oft mit sozialen Faktoren zusammen, mit fehlenden Perspektiven, Frustration, Arbeitslosigkeit und schlechten Bildungschancen. In einigen Regionen Ostdeutschlands sind diese sozialen Herausforderungen besonders ausgeprägt, genauso wie in manchen westdeutschen Industriestädten. Man sollte das Problem also nicht an der Geografie, sondern an den sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen festmachen.
ran: Was steckt denn genau hinter diesen Ausschreitungen? Ob jetzt Rassismus, Homophobie oder einfach nur Gewalt – da ist ja alles dabei…
Lange: Diese Beliebigkeit zeigt, dass es weniger um gezielte Botschaften geht als vielmehr um das Ablassen von Frust und Aggression. Viele der beteiligten Jugendlichen sind offenbar in ihrem Leben perspektivlos, sozial isoliert oder von ihrer Umgebung frustriert. In der aufgeheizten Atmosphäre eines Stadions oder auf dem Weg dorthin entsteht dann eine Gruppendynamik, in der Hemmungen fallen und Aggressionen eskalieren. Die Gewalt ist für viele kein politisches Statement, sondern ein Ventil für persönliche Unzufriedenheit.
ran: Rassismus wird aber auch durch Plakate in Spielen gegen St. Pauli offen zur Schau getragen. Wieso ist die Rostocker Fanszene da so "speziell"?
Lange: Man kann auch sagen: so richtig geschmacklos. Die sind nicht dumm, die sind nicht dämlich, die wissen genau, was sie da machen. Und dass sie mit solchen Motiven, mit solchen Botschaften Aufmerksamkeit generieren, Debatten anzetteln und sich massiv ins Abseits manövrieren. Und das nehmen sie in Kauf, weil sie provozieren wollen. Geschmacklose Provokationen tauchen häufiger im Fußball auf. In Rostock treten sie aber vermehrt auf und sind im geschmacklosen Sinne facettenreicher. Teilweise ist es unterirdisch, komplett hemmungslos. Und dazu ohne jeden Lerneffekt. In Rostock stößt man mit den bekannten Erklärungsansätzen an Grenzen.
Hansa Rostock und Randale: "So etwas verschwindet nicht einfach"
ran: Haben Sie Hoffnung, dass sich die Lage in absehbarer Zeit möglicherweise verbessert?
Lange: Verglichen mit der Intensität der Vorfälle in den vergangenen Jahren wäre es eine sagenhafte Leistung, wenn die Hansa-Fans irgendwann mal friedlich bleiben würden. Daran mag ich nicht glauben.
ran: Warum nicht?
Lange: Weil es in Umfang, Radikalität und Intensität zuletzt sehr extrem war. So etwas verschwindet nicht einfach. Meist wächst das erst raus, wenn die Generation, die diese Kultur trägt, aus dem "Krawallalter" raus ist. Bis dahin kann man höchstens über Maßnahmen und Einsicht erreichen, dass es milder wird. Aber dass sich da einfach ein Schalter umlegen lässt – da bin ich sehr pessimistisch.
ran: Kann so etwas mit einer neuen Fangeneration wirklich einfach rauswachsen? Die werden doch damit groß?!
Lange: Ja, das ist ein Ansatz. Entscheidend ist, dass sich die Muster nicht vererben. Auf die nachwachsende Generation hat man mehr Einfluss, man kann ein anderes Bewusstsein schaffen. Nach dem Motto: "Es ist kein Vorteil, als Krawall-Fangruppe der Liga zu gelten." Gleichzeitig ist so ein Ruf für manche Gruppen attraktiv. Das ist das Ambivalente. Trotzdem sehe ich hier Chancen, mittelfristig einen Klimawandel hinzubekommen.
ran: Von welchem Zeitraum sprechen wir?
Lange: In der Regel von einer "Fan-Generation", also etwa zehn bis zwölf Jahre. Aber erste Veränderungen können schon nach drei, vier Jahren sichtbar werden, wenn sich Anführer und Strukturen ändern.
ran: Das setzt vermutlich auch eine enge Zusammenarbeit zwischen Verein und Fans voraus?
Lange: Absolut. Genau hier greift der von der DFL verpflichtende Club-Fan-Dialog, der seit Jahren zur Lizenzierungsordnung gehört. Das ist jetzt eine Nagelprobe: Funktioniert dieser Dialog bei Hansa, kann man das Problem mittelfristig in den Griff bekommen. Wichtig ist, dass das keine Einbahnstraße ist, denn beide Seiten müssen offen diskutieren, Unzufriedenheiten benennen und mögliche Veränderungen erarbeiten. Der Verein darf den Fans nicht diktieren, was sie zu tun haben.
Hansa Rostock: Ist der Klub machtlos?
ran: Bislang kam vom Verein zumindest nach außen hin nicht viel. Ist er machtlos oder will er nichts unternehmen?
Lange: Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Ein Verein hat immer eine gewisse informelle Beziehung zu seinen Fanszenen, und diese kann er nicht ohne weiteres ignorieren oder aufbrechen. Viele Laien stellen sich vor, dass ein Verein einfach konsequent durchgreifen müsste. Doch in der Praxis ist das nicht so einfach.
ran: Wieso nicht?
Lange: Die Fanszenen haben über Jahre eigene Machtstrukturen aufgebaut, mit denen sich die Vereinsführung auseinandersetzen muss. Für einen Verein ist dieses Thema also hochsensibel und heikel. Er ist auf den Austausch mit den Fangruppen angewiesen, um Schlimmeres zu verhindern. Wenn dieser Kommunikationskanal abreißt, verliert der Verein endgültig den Zugriff auf die eigene Fanszene.
ran: Welche Rolle sollten Politik und Polizei bei dem Problem spielen?
Lange: Aktuell ist das Verhältnis Fans–Polizei bei Hansa völlig zerrüttet, auch durch überharte Einsätze in den vergangenen Jahren. Initiativen von der Polizei wären momentan zum Scheitern verurteilt. Gleiches gilt für zu dominante Vereinsführungen. Besser wäre es, Impulse zu geben, aber die Umsetzung den Fans selbst zu überlassen. In der Hansa-Fankultur gibt es viele, die wegen des Fußballs ins Stadion kommen und das negative Image ablehnen. Denen muss man Rückenwind geben.
ran: Warum findet in der Fanszene selbst keine Regulierung statt?
Lange: Das ist eigentlich der Schlüssel zur Gewaltprävention. Viele Vereine haben erfolgreiche Projekte ins Leben gerufen, um genau das zu fördern, und das ist ein entscheidender Grund, warum Gewalt dort weniger ein Problem ist. Aber: Fanszenen sind nie homogen. Es gibt interne Rivalitäten darüber, wer die "wahren" Fans sind und welche Gruppen welche Privilegien haben. Die Hierarchien innerhalb der Szene sind nicht starr, sondern organisch gewachsen. Und genau das scheint mir in Rostock aus den Fugen geraten zu sein. Hier müssen Fanprojekte weiter intensiv gefördert werden, um langfristig Veränderungen zu erreichen.
ran: Welche Rolle spielen in Rostock Ultras und Hooligans in der ganzen Problematik?
Lange: Die Gewaltbereitschaft geht vor allem von den Ultras aus. Sie sind es, die sich durch Provokationen und Eskalationen in den Vordergrund spielen und bewusst Aufmerksamkeit erregen wollen. Eine klassische Hooligan-Szene, wie man sie aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren kennt, ist ein überwundenes Phänomen, sie treten nur noch vereinzelt auf. Ein gravierendes Problem ist der harte Kern der Ultras, der regelmäßig neue Mitglieder mitreißt. Das erklärt auch, warum es immer wieder zu massiven Ausschreitungen kommt.
Ultras in Rostock mit zu viel Macht
ran: Haben die Ultras in Rostock zu viel Macht?
Lange: Ja, zumindest liefern sie zahlreiche Argumente dafür, dass sie eine übermäßige Kontrolle über die Fanszene und den Verein ausüben. Natürlich kann man Fan-Gruppierungen mit einer gewissen Gelassenheit begegnen, sie in den Vereinsalltag einbinden und in gewissen Bereichen auch Verständnis zeigen. Doch dafür müsste eine Selbstregulierung innerhalb der Fanszene erkennbar sein – und genau das passiert in Rostock nicht.
ran: Wie groß ist die Randale-Gruppe überhaupt?
Lange: Das ist schwer zu sagen. Es gibt unterschiedlichste Zahlen, weil es immer einen Kern gibt, der für den Krawall steht. Und dann gibt es viele, die damit sympathisieren und viele, die sich spontan mitreißen lassen. Das Tragische ist: Gemessen an der Gesamtzahl der Zuschauer ist es eine kleine Gruppe, die aber in der Außenwirkung für verheerende Folgen sorgt.
ran: Was erwarten Sie für die neue Saison und die mittelfristige Zukunft?
Lange: Theoretisch wäre ein Neuanfang möglich. Aber ich bin skeptisch: Die Hansa-Fans werden wahrscheinlich wieder liefern. Entscheidend werden die nächsten Spieltage sein. Passiert nichts Schwerwiegendes, kann man vorsichtig optimistisch sein. Kommt gleich ein neuer Tiefpunkt, wird es sehr schwer.
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