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WM 2026

DFB-Team: Nagelsmann hat ein Offensivproblem – aber kann er es lösen?

Veröffentlicht:

von Justin Kraft

ran Fußball

Jürgen Klopp mit schonungsloser DFB-Kritik: "Wir wurden aufgefressen"

Videoclip • 02:22 Min


Das DFB-Team hat eine ganz Liste voll mit Problemen bei dieser WM. Aber eines ragt heraus: Ausgerechnet das Prunkstück der Mannschaft funktioniert nicht.

Deutschland hat in der Gruppenphase der WM 2026 zehn Tore geschossen. Umso paradoxer, dass das größte Problem von Julian Nagelsmann nicht die viel diskutierte Defensive ist, sondern das Angriffsspiel.

Ja, das DFB-Team ist hinten rechts anfällig gegen Tempoangriffe. Und ja, die defensive Stabilität von Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha muss ein Thema bleiben. Aber das allergrößte Thema sollte die Frage danach sein, wie er seine vermeintlichen Zauberfüße in die Show bekommt.

Florian Wirtz, Jamal Musiala und auch Kai Havertz haben von ihren Anlagen her das Potenzial, nahezu jede Mannschaft der Welt zu prägen. In der Nationalmannschaft gelingt ihnen das aber in aller Regelmäßigkeit nicht.

"Dass sie sich alle aktuell so schwertun, das ist natürlich überraschend", sagt auch ran-Experte Markus Babbel, der vor allem Wirtz kritisch sieht: "Seine Auftritte fand ich bis jetzt ziemlich enttäuschend, so wie am Anfang in Liverpool. Das ist so ein bisschen Kinder-Fußball. Ganz nett anzuschauen, aber das reicht auf dem Niveau nicht."

Zwar gibt es hier und da gute Gründe für die Form der einzelnen Spieler und sicher nochmal Abstufungen in den Grautönen der Bewertung, aber das Resultat bleibt gleich: Die offensive Durchschlagskraft fehlt und Gegner kommen zu oft in gefährliche Umschaltsituationen, weil das Trio, das für unwiderstehliche Kombinationen stehen sollte, dem Gegner dann doch zu oft Ballverluste anbietet.

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DFB-Team: Zu viele Ballverluste

Und die Ballverluste sind womöglich auch schon das größte Thema. Florian Wirtz hatte laut "Wyscout" zehn davon gegen Curaçao, 17 gegen die Elfenbeinküste und elf gegen Ecuador. Das sind in insgesamt 280 Minuten (inklusive Nachspielzeiten) über zwölf Ballverluste pro 90 Minuten. Musiala kommt auf 39 Ballverluste (15, 10, 14) in 236 Minuten – oder fast 15 pro 90 Minuten.

Auch Havertz kommt auf 39 (11, 17, 11) in 255 Minuten, was etwas weniger als 14 Ballverlusten pro 90 Minuten entspricht. Ausgerechnet der viel kritisierte Leroy Sane kommt mit 30 Ballverlusten (14, 4, 12) in 267 Minuten und einer Quote von knapp über zehn pro 90 Minuten am besten weg.

Nun kommt die berechtigte Frage auf, was diese Zahlen eigentlich bedeuten. Statistiken sind nichts wert ohne Kontext. Fakt ist: All diese Spieler sind besonders anfällig für Ballverluste. Eine Zahl im zweistelligen Bereich ist zumindest nicht unüblich für Spieler, die häufig ins Dribbling gehen.

Wirtz und Musiala fahrig

Nimmt man alle Karrierespiele von Musiala beim FC Bayern in DFB-Pokal, Champions League und Bundesliga zusammen, kommt er allein durch Dribblings auf durchschnittlich fast elf Ballverluste pro 90 Minuten. Bei Wirtz sind es in den relevanten Pflichtspielwettbewerben auf Klublevel fast 13 pro 90 Minuten. In der abgelaufenen Saison waren es beim FC Liverpool etwas weniger als elf.

Das sind auch im internationalen Kontext normale Werte für Offensivspieler, die oft ins Risiko gehen und auch oft ins Risiko gehen sollen. Viele Trainer fordern das aktiv von ihnen ein, weil auf fünf oder zehn verlorene Bälle eben auch zwei, drei Einzelaktionen kommen die herausragend sind und die den Unterschied machen können.

Die Frage ist letztlich auch immer, wo der Ball verloren wird. Am gegnerischen Strafraum gibt es im Idealfall Mechanismen im Gegenpressing, die greifen und die einen Konter verhindern können. Im Mittelfeldzentrum ist ein Ballverlust vor allem dann schmerzhaft, wenn es mitten im Aufrückverhalten der gesamten Mannschaft passiert.

Ein unsauberer Kontakt von Havertz, eine Hackenmitnahme von Wirtz, bei der er blind weiter sprintet, statt gedanklich schon mal einen echten Zweikampf um den Ball vorzubereiten und schon kontert Ecuador zum 1:1.

Das sind naive Situationen. Situationen, die gerade bei einer Führung den gesamten Rhythmus brechen können. Oder in der 32. Minute, als Deutschland den Ball erobert, Wirtz einen simplen Pass ins Zentrum spielen will und dabei deutlich Mitspieler Felix Nmecha verfehlt. Plötzlich hat Ecuador einen Zwei-gegen-zwei-Konter.

Nagelsmann kritisiert Hektik

Gegen die Elfenbeinküste will Deutschland in der ersten Minute der ersten Halbzeit selbst kontern. Havertz spielt auf Nmecha, hat aber kaum Druck auf dem Pass und der Dortmunder kommt ihm nicht entgegen. Wieder ein Ballverlust in der eigenen Hälfte, wieder Konter, wieder ein Abschluss des Gegners.

Es gibt zahlreiche solcher Beispiele allein in den ersten drei Partien. Eigentlich sollten die Offensivspieler Katalysatoren des Offensivspiels sein. Das System von Julian Nagelsmann basiert auf Tempo und kreativen Freiheiten. Im Moment aber stockt der Motor durch zu viele einfache und unnötige Ballverluste.

Zu hektisch sei das Spiel gegen Ecuador nach der Führung gewesen, analysierte der Bundestrainer richtigerweise. Doch was kann er konkret tun, um seine Offensive wieder in Fahrt zu bringen?

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Was kann Julian Nagelsmann verändern?

Natürlich kann Nagelsmann personell tauschen. Wirtz könnte von der Flügelposition, von der er ohnehin immer einrücken soll, ins Zentrum verschoben werden. Dort hat er seine größten Stärken. Der einzige Grund dafür, dass er dort nicht spielt, ist Musiala. Wirtz aber ist der Spieler der beiden, der beim Turnier zumindest die etwas größeren Leistungsspitzen hatte.

Immer mal wieder scheinen bei ihm geniale Momente durch – nur eben nicht ganz so oft, wie man es von ihm gewohnt ist.

Spielt er im Zentrum, könnte Musiala entweder die Wirtz-Rolle einnehmen, in der ihm die Gegenspieler nicht mehr ganz so konsequent auf den Füßen stehen würden, oder Nagelsmann bringt einen anderen Offensivspieler. Wobei Deniz Undav ebenfalls eher im Zentrum zu Hause wäre und sich dann an der Wirtz-Rolle wenig ändert.

Muss der Bundestrainer seine Taktik ändern?

Eine weitere Option wäre eine großflächige taktische Anpassung. Nagelsmanns Fußball ist sehr zentrumslastig. Funktionieren die kleinteiligen Kombinationen, ist das spektakulär und schön anzusehen. Außerdem bringt es den Vorteil, theoretisch schnell ins Gegenpressing zu kommen.

Beides funktioniert im Moment aber nicht wie gewünscht und Gegner stellen sich mit sehr kompakten Defensivreihen darauf ein. Warum also nicht mal das Spiel breiter machen? Sane könnte auf dem rechten Flügel konsequent an der Seitenlinie positioniert werden, Nathaniel Brown oder Wirtz auf dem linken. Das würde die Räume für die zentralen Spieler etwas auseinanderziehen.

Es widerspricht einem Grundprinzip von Nagelsmann: So breit wie nötig, aber nicht so breit wie möglich. Vielleicht aber ist es diesmal nötig, so breit wie möglich positioniert zu sein, um die Ballverluste zu reduzieren.

Deutschland muss stabiler und ballsicherer werden

Der Bundestrainer könnte aber auch generell Risiko und Spieltempo reduzieren, indem er die Spielerrollen auf dem Feld etwas anpasst. Mehr Unterstützung im Aufbau, ein Spieler weniger in der letzten Linie und dafür eine Option mehr im Mittelfeld, wenn der Gegner presst.

Das könnte dazu führen, dass in der Offensive in manchen Situationen Personal fehlt. Es könnte aber auch das Spiel pragmatischer und stabiler machen. Nagelsmann könnte auch überlegen, Joshua Kimmich zu diesem Zweck wieder ins Mittelfeld zu ziehen. Aber all das sind Gedankenspiele, die er zuletzt eher ablehnte.

Fakt ist, dass das Trainerteam sich etwas einfallen lassen muss, um die Ballverluste zu reduzieren und das Spiel nach vorne stabiler, dominanter und zielstrebiger gestalten zu können. Die Angreifer sind sicher nicht allein verantwortlich für die Hektik im Spiel. Aber sie tragen dennoch einen großen Teil der Verantwortung. Denn sie sind die Hoffnungsträger und die potenziellen Unterschiedspieler, die bisher noch nicht in Fahrt gekommen sind.

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